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Wortgirlanden – eine Unart des Nichtsagens

Marcus Knill

CDU-Chef Armin Laschet verkündete nach der Wahl, die CDU habe einen klaren Auftrag erhalten. Gemeint hatte er den Auftrag, eine Jamaika-Koalition unter seiner Führung zu bilden. Dies behauptete er allen Ernstes trotz der Niederlage. Man glaubte sich verhört zu haben. Es folgte nämlich noch eine zusätzliche sonderbare Theorie: «Niemand hat das Recht sich zum ‹Hauptwahlsieger› zu erklären.»

Robert Schleicher, Chefredakteur von Focus, nahm diese Wortgirlande in einem Editorial unter die Lupe: «Was ist das überhaupt für ein Wort, Herr ‹Hauptwahlverlierer› Laschet? Dieses Wort provoziert die Frage, ob man in Zukunft vielleicht auch nur mit einem Tor Fussballweltmeister werden kann oder ob es nicht mindestens zwei Tore Differenz sein müssten?» Er habe noch nie etwas von einem Hauptolympiasieger gehört oder gelesen.

Zu Recht wundern wir uns über solche Wortgirlanden. Sie werden im Alltag gern benutzt, um Negatives zu verdecken, zu beschönigen oder Fragen auszuweichen oder zu ignorieren. Wer die eigene Sprachkompetenz verbessern will, wird rasch Fortschritte machen, wenn er Interviews aufmerksamer liest oder beim Zuhören Aussagen wortwörtlich nimmt und gezielt nach Wortgirlanden oder Leerformeln sucht. Dieses Entlarven kann viel Spass machen – so wie Pilze zu sammeln. 

Zu den Wortgirlanden zählen: 

Hohle Phrasen (Strohdrescherrhetorik)
Diese Antwort eines Behördenmitgliedes ist eine Anhäufung von Hohlformeln: «Wissen Sie, wenn die Angelegenheit mit gesundem Menschenverstand angegangen wird und alle am gleichen Strick ziehen, so ist dies gewiss der erste Schritt in die richtige Richtung. Ich würde meinen: Es geht vorab darum, gemeinsam das gleiche Ziel anzustreben, getragen vom Willen, anstatt zu diskutieren, Hand anzulegen. Denn: Wer der Zukunft ins Auge blickt, stellt fest: Am Ende des Tunnels wird es immer wieder hell.»

Floskeln
Plausibilitäts-Floskeln verraten verbale Strohdrescher und Worte als Weichmacher: «Eigentlich, irgendwie, vielleicht, unter Umständen, wahrscheinlich, gewissermassen, im Grossen und Ganzen…», oder vage Worte, wie: «einiges, manches, zum Teil, haben versucht…, Eckpunkte wurden gesetzt…»

Worthülsen und Floskeln sind vor allem in Bewerbungsschreiben oft zu finden.

Das Business-Netzwerk LinkedIn hat die zehn am häufigsten verwendeten Floskeln in den Profilen der Nutzer identifiziert. Die Begriffe klingen vermeintlich gut, doch sind für sich genommen aussagelos:

1. Innovativ
2. Dynamisch
3. Motiviert
4. Umfangreiche Erfahrungen
5. Proaktiv
6. Teamplayer
7. Erfolgsbilanz
8. Mehrwert
9. Ergebnisorientiert
10. Problemlöser

Qasseln
Reden mit Leerformeln, Sprechblasen, Nebelwörtern oder Wortblähungen, auch hohle Phrasen sind reines «Bla-bla».

Airbagrhetorik (Reden und nichts sagen)
Airbag-Formulierungen nutzen Politiker, die sich nicht festlegen wollen. Ich wurde immer wieder von Führungskräften gefragt, ob ich ihnen beibringen könne, wie man etwas sagt, ohne eine Frage zu beantworten. Mit anderen Worten: Kann man «schön reden» lernen, ohne etwas zu sagen? Ich spürte bei solchen Anfragen, den echten Wunsch «diplomatische» Antworten zu erlernen, um sich zu schützen.

Airbag-Rhetorik hat gewisse Vorteile: Niemand kann später dem Redner die Aussagen vorwerfen. Mit einer Hohlformel können harte Fragen abgefedert werden. Beispielsweise: «Um die Probleme in den Griff zu bekommen, müssen wir eine gemeinsame Lösung finden.» Meist merkt weder Interviewer noch Zuhörer, dass eine Frage gar nicht konkret beantwortet wird. Leider wird dann zu wenig nachgehakt.

Fazit
Nur wer Wortgirlanden erkennt, kann lernen, klarer und eindeutiger zu sprechen. Wer statt Wortgirlanden zu gebrauchen, Aussagen auf den Punkt bringt, überzeugt. Er muss vom Interviewer nicht mehr hinterfragt werden mit: «Was meinen Sie konkret damit?»

Anderseits sollte man auch bedenken, dass es verständlich ist, wenn Politiker immer wieder Leerformeln verwenden. Denn es gibt Journalisten, die sich zu wenig gut vorbereiten und keine zielführenden Fragen stellen. Interviews dürfen nicht zu einem Geschwätz verkommen.


Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik, Coach, Dozent und Autor von rhetorik.ch.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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