03.09.2018

Ringier

«Ich vergesse, dass ich mit Maschinen rede»

«Sherlock» heisst die auf künstlicher Intelligenz basierende Technologie, die Daten aller rund 90 Ringier-Firmen verknüpfen soll. Verantwortlich dafür ist Xiaoqun Clever, Mitglied der Ringier-Geschäftsleitung. Ein Gespräch über Journalismus als Eintrittspforte und Vorteile für Frauen in der digitalen Welt.
Ringier: «Ich vergesse, dass ich mit Maschinen rede»
Xiaoqun Clever ist seit Januar 2016 Chief Technology and Data Officer bei Ringier und Mitglied der Unternehmensleitung. (Bild: Ringier)
von Edith Hollenstein

Frau Clever, Sie sind Expertin für Daten und künstliche Intelligenz. Sind Sie persönlich mit Hilfe dieser Errungenschaften in den letzten Jahren produktiver geworden? 
AI wird uns Menschen noch lange nicht ersetzen. Wir haben Maschinen beigebracht in Einzeldisziplinen wie Schach oder Netflix-Film-Empfehlungen besser als der Mensch zu sein. Trotzdem ist die künstliche Intelligenz nur so gut, wie die Maschine trainiert ist.

Was heisst das?
Um Gesichtserkennung zu trainieren, braucht ein Mensch ein paar hundert Gesichter, um geübt zu sein; hingegen braucht die Maschine (Deep Learning neural network) mehrere Milliarden Gesichter, um so gut wie ein Mensch zu sein. Die künstliche Intelligenz heute ist eine Art Optimizer. Sie braucht sehr, sehr viele Daten, um zu lernen, ist nur in einer Aufgabe spezialisiert und nicht in unterschiedlichen Bereichen. Sie hat keine Emotionen oder Selbstbewusstsein, daher auch kein Bedürfnis oder Verständnis, den Menschen zu ersetzen. Künstliche Intelligenz ist über digitale Funktionen wie Spracherkennung, Bildererkennung oder Google Maps bereits sehr stark in unserem Alltag verankert. Daher ist es schwierig zu sagen, wie mein Alltag wäre, wenn es diese nicht gäbe. Ein Beispiel ist die tägliche Google-Suche. Wir können uns schon gar nicht mehr vorstellen, wie lange es früher gedauert hat, eine gewisse Information zu finden.   

Und es dürfte so weitergehen, und zwar rasch. 
Ja. Ich bin auch selber verblüfft darüber, wie schnell Übersetzungs-Apps besser werden. Als mein Sohn und ich neulich in Japan unterwegs waren, konnten wir mit einem kleinen Übersetzungsgerät Gespräche im Restaurant, in Shops und im Hotel führen. Wenn wir uns vorstellen, wie sich das Ganze in Richtung Voice entwickelt, zeigt sich, dass die Maschinenschnittstelle mehr und mehr verschwindet. Sprachgesteuerte Interfaces gewinnen immer mehr an Bedeutung. Ihre Qualität entwickelt sich rasant. Wenn ich zuhause zu Alexa sage, sie solle mir einen bestimmten Songtitel vorspielen oder von ihr eine Wetterprognose verlange, merke ich fast nicht mehr, dass ich ja eigentlich mit einer Maschine rede.   

«‹Sherlock› hilft bei der Transformation vom Verlagshaus zum digitalen Medienunternehmen»

Sie nutzen AI, um Leser besser zu involvieren und haben dafür einen internationalen Award erhalten. Was genau ist dieses Projekt mit dem sperrigen Namen «Using advanced Artificial Intelligence to boost digital Reader Engagement @Ringier»? 
Die Jury hat beeindruckt, dass wir nicht nur herausragende Technologie verwendet haben, sondern auch, dass es uns mit «Sherlock», so der Name unserer Plattform, gelungen ist, die Daten unseres gesamten Portfolios zu managen. Sherlock hilft uns dabei, die grösste Herausforderung, mit der wir uns konfrontiert sehen, zu meistern: Die Transformation vom traditionellen Verlagshaus zum digitalen Medienunternehmen. Dieses existenzielle Problem betrifft Medienhäuser weltweit.

Wie machen Sie das?
Heutzutage sind sie nicht mehr einfach nur Publisher, sondern vereinigen in ihren Portfolios Marketplace- oder E-Commerce-Unternehmen. Bei Ringier sind dies mittlerweile über 90 Unternehmen und Beteiligungen. Dafür brauchen wir eine Plattform, die nicht nur journalistische Portale mit Technologie und Daten unterstützen, sondern auch die unterschiedlichen digitalen Geschäftsmodelle. Es sollen Daten des gesamten Portfolios verknüpft und koordiniert werden. «Sherlock» ist eine generische Plattform, die wie eine Autobahn funktioniert.

Wie funktioniert diese «generische Autobahn»? 
Sie besteht aus zwei Teilen: Technologie und Daten. Die Technologie verbindet sozusagen die Häuser entlang der Autobahn. Und die Häuser stehen für die über 90 unterschiedlichen Tochterfirmen von Ringier. Je mehr Häuser oder eben Firmen angeschlossen werden, desto wertvoller wird diese Autobahn, denn die Firmen können darüber Inhalte oder Daten austauschen. Das macht dann unter anderem auch Cross-Selling, respektive Up-Selling möglich. Die Idee ist es also, dem Kunden eine crossmediale Journey zu bieten. Wir wollen für den Nutzer jeweils relevante Inhalte personalisierter anbieten können, also zu einer bestimmten Zeit am richtigen Ort und im richtigen Kontext. Dabei ist AI nur ein Teil der Journey.

«Wir analysieren, wie ausführlich Artikel gelesen werden»

Wie wird AI eingesetzt?
Unsere Plattform vereint mehrere Technologien, die nach dem Lego-Prinzip modular aufgebaut sind. Wir orchestrieren unterschiedliche Komponenten, die den bestmöglichen Nutzen bringen. Handelsübliche Plattformen sind meistens monolitisch aufgebaut. Die Ringier-Plattform ist flexibel und arbeitet nur mit anonymisierten Daten. Wenn jemand einen Artikel gelesen hat, liest die Maschine parallel hierzu den ganzen Text und abstrahiert daraus Interessengebiete. Natürlich basiert das nicht auf einem, sondern einer Vielzahl an Artikeln. Zudem muss man Newsartikel, die gerade aktuell sind und sowieso fast alle Leute lesen, herausfiltern, denn sie sagen ja nicht viel über die spezifischen Interessen eines Nutzers aus. Zudem analysieren wir, wie oft User auf die Plattform kommen, wie ausführlich Artikel gelesen werden und welche Rubriken auf der Webseite von Interesse sind. Dazu brauchen wir aber keine Namen, sondern es reicht, wenn Verhaltensdaten kombiniert mit der Semantik, also den Daten aus den Inhalten, in Zusammenhang gebracht werden.

Was bringt das?
So erzielen wir ein besseres Verständnis der User und können ihnen Inhalte viel zielgruppenspezifischer anbieten. Die Maschine versteht also – vereinfacht gesagt – anonymisiert sowohl das Leserverhalten, als auch die Semantik der gelesenen Texte. Mit unserer generischen «Sherlock»-Lösung hoffen wir, für unsere User aktuell und relevant zu bleiben.

Gilt das für das gesamte Ringier-Portfolio, also für über 90 Firmen?
Der Einsatz von «Sherlock» ist aktuell auf die Schweiz beschränkt. Unsere internationalen Unternehmen und Beteiligungen kommen später dazu. Die besondere Herausforderung sind die unterschiedlichen Datenschutzregulierungen, die die Implementierung sehr komplex und kompliziert machen. Wir agieren hier sehr vorsichtig, im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen. Das Vertrauen unserer Kunden ist das höchste Gut unserer Geschäfte.

Wo stossen Sie bezüglich Datenverwendung an Grenzen? 
Derzeit ist die Gesetzeslage auf EU-Ebene und damit auf Ebene Schweiz undurchsichtig, weil es noch keine Gerichtsentscheide gibt. Nehmen wir zum Beispiel die scheinbar einfache Frage: «Was sind überhaupt Personendaten?». Ist der Name einer Person damit gemeint? Oder ist es eine verschlüsselte E-Mail-Adresse? Das weiss aktuell niemand, denn es ist nirgends festgelegt. Ringier hat eine eigene Datenschutzbeauftragte, zudem arbeiten wir mit einem externen Fachanwalt zusammen. Eine Ko-Existenz mit Google und Facebook erfordert Mut. Wir dürfen uns durch die gesetzlichen Regularien nicht allzu sehr hemmen lassen und gleichzeitig gewährleisten, dass sämtliche Bestimmungen eingehalten werden. Wir sind der Meinung, dass es für uns ein USP ist, wenn wir sagen, dass wir nur anonymisierte Personendaten benutzen.  

«Medien können eine Art Eintrittspforte sein»

Sie waren bislang als Chief Technology Officer bei der ProSiebenSat.1 Media tätig, vorher bei SAP. Was fasziniert Sie ausgerechnet an den Medien? 
Medien sind aus Technologie-Sicht sehr interessant, da diese Branche durch die Digitalisierung am meisten disruptiert worden ist. Medien haben als Meinungsmacher nach wie vor eine grosse Bedeutung für die Gesellschaft und für die heranwachsende Generation. Grosse pure digitale Player wie Alibaba und Amazon kaufen Medienpower. Die Art und Weise, wie die Medien Geld verdienen, wird sich in Zukunft dramatisch verändern. Auf Medienplattformen kommen die Kunden regelmässig vorbei. Menschen möchten auch in Zukunft informiert werden, und das qualifiziert.

Doch es gibt kein Geschäftsmodell dafür. Das sagt sogar Ihr Chef, Marc Walder. 
Diese Branche wurde sehr stark disruptiert. Alles, was die Medienbranche produziert, wurde digitalisiert. Das heisst, das, was wir kostenpflichtig anbieten, könnte jemand auch gratis anbieten. Zudem ist die Zahlungsbereitschaft für Medien sehr gering, wie eine Studie im letzten Jahr gezeigt hat. Dennoch sind Medien sehr wichtig für ein demokratisches Land und für die Menschen, damit sie sich eine eigene Meinung bilden können. Gerade die jüngeren Generationen, die generell schon den Wahrheitsgehalt aller Nachrichten anzweifeln, brauchen verlässige Medien, um sich ein eigenes Bild zu machen. Oder heutzutage, wo Fake-News allgegenwärtig sind, wird es immer wichtiger mit gut recherchierten Inhalten zu informieren. Auch für die Wirtschaft, also für die Werbung und das Marketing sind Medien wichtig. Branding und das ganze Content Marketing, hat erst Gewicht zusammen mit dem Inhalt. 

Wie sehen Sie eine profitable Zukunft?
Ringier fährt die Ecosystem-Strategie. In unserem Ecosystem können wir auch gut das sich ändernde Nutzungsverhalten, besonders unserer jüngeren Leser, beobachten. Diese Erkenntnisse sind für uns wichtig, um ihnen im richtigen Moment die passenden Inhalte auszuspielen und ihre Experience mit uns zu steigern und schlussendlich unsere Produkte und Services zu finanzieren. Zudem denken wir, dass Medien auch eine Art Eintrittspforte sein könnten für alle anderen Businesses. Medien würden somit also nicht nur selbst Geld verdienen, sondern führen den User auch zu unseren anderen Plattformen. Medien sind ein Touchpoint, an dem die Menschen täglich oder sogar mehrmals täglich vorbeikommen.

Wenn Journalismus nur mehr einfach noch ein Türöffner für Content Marketing sein muss, wird er doch langweilig und hat doch keine «Demokratierelevanz» mehr. 
Wenn man ein ganzes Produkt auschliesslich zu diesem Zweck publizieren würde, könnte das der Fall sein. Aber die Leute wollen ja weiterhin auch wichtige Informationen erhalten, Neues erfahren, sich eine Meinung bilden oder gut unterhalten werden. Wichtige Informationen und gut recherchierte Geschichten zu liefern, bleibt auch weiterhin die Aufgabe der Journalisten. Gleichzeitig sind private Medienhäuser kommerzielle Unternehmen, die sich tragen müssen. Hochqualitativer Journalismus muss auch finanziert werden, somit ist der Produktgedanke eine Notwendigkeit.

«Frauen fällt es leichter, Mitarbeitende zu Kreativität zu ermutigen»

Vor Jahresfrist lancierte Ringier an vorderster Front die Swiss ID (persoenlich.com berichtete). Ist das im Sand verlaufen? 
Nein, im Gegenteil. Nach der Schweizerischen Post wird Ringier voraussichtlich in diesem Jahr als eines der führenden Unternehmen die Swiss ID als Zugangsmittel akzeptieren. Unsere Motivation, die Swiss ID einzuführen, erfolgt im Interesse unserer Leserinnen und Leser, damit sie noch einfacher und sicherer unsere Online-Dienste benutzen können und ihre persönlichen Daten in der Schweiz bleiben.

Sie studierten Computer-Wissenschaften an der Tsinghua-Universität in Peking, China. Warum kamen Sie anschliessend nach Europa, wenn doch China in Sachen IT viel weiter ist?
Ich bin ein weltoffener und neugieriger Mensch. Chinesen sind tatsächlich sehr offen Neuem gegenüber, somit vor allem gegenüber digitalen Möglichkeiten.

Und wahrscheinlich Daten gegenüber weniger skeptisch.
Ja genau. Daher ist China weiter. Ich sehe mich selber als Brückenbauerin. Weil ich beide Seiten kenne, bringe ich gerne Inputs aus China hierher und versuche dort für Ringier Partnerschaften zu
schliessen, um Neues auszuprobieren. Ich habe ja nicht nur in China und Europa gelebt, sondern auch in den USA und Indien.  

Ist es ein Vorteil, in der männerdominierten IT-Welt, eine Frau zu sein?
Es gab früher sehr wenige junge Frauen, die diese Fachrichtung gingen. Jetzt aber hat sich das geändert. Daher wird sich dieses Phänomen nach meiner Generation ändern. Ich bin eine Förderin von Frauen, denn ich glaube, die Digitalisierung eröffnet vor allem uns Frauen vielfältige Möglichkeiten. Skills wie Empathie und Teamplay werden innerhalb der Unternehmen immer wichtiger, um vernetzt Entscheidungen treffen zu können. In der neuen Ökonomie kann nur eine Netzwerk-Kultur mit flachen Hierachien bestehen. Entschieden wird nicht mehr top-down, sondern dort wo die Entscheidung gefragt ist. Frauen fällt es leichter, ihre Mitarbeitenden zu Kreativität zu ermutigen, Talente weiterzuentwickeln und ihren empowerten Teams den Rücken frei zu halten. Zudem gibt es immer mehr flexible Arbeitsmodelle, die Teilzeit ermöglichen. Ich glaube, es ist eine sehr gute Zeit für Frauen als Führungskräfte. Territoriales Vorgehen funktioniert im digitalen Zeitalter nicht mehr.

Sie selber haben aber zwei Jungs. Wie zufrieden sind Sie mit deren Berufswahl.  
(lacht). Da habe ich nicht viel mitzureden. Der Ältere möchte Betriebswirtschaft studieren und in die Richtung Unternehmensführung/Investment gehen. Für mich als Mutter ist es wichtig, meinen Kindern zu ermöglichen, eine Fachrichtung zu wählen, die sie mit Leidenschaft ausüben.   



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