11.12.2018

Replay-TV

«Sender und Verbreiter sitzen im gleichen Boot»

Am Donnerstag befasst sich der Nationalrat mit dem zeitversetzten Fernsehen. Thomas Sterchi, Inhaber des TV-Streaming-Anbieters Teleboy, warnt vor einem Verbot der beliebten Spulfunktion. Es brauche eine Lösung, bei der auch Werbung eine Rolle spielt.
Replay-TV: «Sender und Verbreiter sitzen im gleichen Boot»
«Das gesamte Werbevolumen im TV ist in den letzten Jahren gewachsen, nicht geschrumpft», sagt Thomas Sterchi, Inhaber von Teleboy. (Bild: zVg.)

Herr Sterchi, am Donnerstag berät der Nationalrat das Urheberrechtsgesetz. Kern der Debatte: Replay-TV. Was wäre Ihr Horrorszenario?
Dass danach die TV-Sender das Überspulen der Werbung verbieten können.

Und was wäre die Folge davon?
Wenn Sender das Spulen verbieten, können danach lediglich die grössten Player im Markt noch verhandeln. Entweder resultiert eine Preiserhöhung, welche auf den Konsumenten überwälzt wird, oder man muss sich auf einen Mechanismus im Umgang mit Werbung einigen, welcher dann aber der Konsument nicht akzeptiert. Beides führt dazu, dass preislich und inhaltlich attraktive Angebote von Netflix oder Amazon stärker wachsen werden. Schliesslich wird die TV-Nutzung abnehmen. Und unter den Verbreitern entsteht möglicherweise ein Oligopol.

«Wir sind überzeugt, dass der User eine gewisse Menge an Werbung akzeptiert»

Und wie würde Ihr Wunschszenario aussehen?
Wir sind überzeugt, dass der User eine gewisse Menge an Werbung akzeptiert. Wir brauchen Angebote und Plattformen, welche den Sendern nachhaltige Ertragsmöglichkeiten sichern, für Werbetreibende reichweitenstark und wirkungsvoll sind und für Konsumenten attraktiv und konkurrenzfähig – dies vor allem im Hinblick auf Netflix & Co. Dies geht nur in einer Partnerschaft der Verbreiter und Sender, für welche ich stark plädiere. 

Sie plädieren für ein Miteinander. TV-Sender und Verbreiter haben aber in Vergangenheit viele Giftpfeile verschossen. Wie viele Pfeile haben Sie aus dem Köcher genommen?
Ich schiesse keine Pfeile auf das Boot, in dem ich sitze. Wir Verbreiter benötigen guten Content und die Sender benötigen eine reichweitenstarke Verbreitung in Form von zeitgemässen und zukunftsträchtigen Plattformen und Produkten. Wenn immer mehr Zuschauer Richtung Netflix, Amazon & Co. abwandern, verlieren wir alle.

Die Interessensgemeinschaft Radio und Fernsehen (IRF) beklagt, dass sich die Verbreiter – zu denen Teleboy gehört – einseitig bereichern. Es gehe nur ums eigene lukrative Geschäft (persoenlich.com berichtete). Bereichern Sie sich?
Erstens sind ja die Sender grundsätzlich auf die Verbreitung und die entsprechende Reichweite angewiesen. Zweitens halten auch wir uns natürlich an den Tarif, welcher mit Suisseimage vereinbart wurde. Somit bezahlen wir für die Verbreitungsrechte.

Wären Sie bereit, den TV-Sendern mehr Geld zu bezahlen?
Gebührenerhöhung ist schwierig. Ein sinnvoller Umgang mit Werbung kann ein Weg sein. Wichtig ist einfach, dass es uns gemeinsam gelingt, ein Angebot zu schnüren, welches preislich und im Nutzererlebnis mit Netflix, Amazon & Co. mithalten kann.

«Sender und Verbreiter müssen sich zusammenschliessen»

IRF meint weiter, die Sender würden viel Geld verlieren, weil die Werbung übersprungen werden könne. Was gäbe es hier für eine Lösung zur Zufriedenheit aller – auch der Werbeauftraggeber?
Das gesamte Werbevolumen im TV ist in den letzten Jahren gewachsen, nicht geschrumpft. Insbesondere hat das aber auch mit einer Verlagerung von Print auf TV zu tun, und neue digitale Konkurrenten aus dem Ausland werden sicher zu schrittweise weniger Nutzung von TV führen. Sender und Verbreiter müssen sich zusammenschliessen, um den attraktiven Content der Sender in der richtigen Form und zum richtigen Zeitpunkt zu verbreiten. Es gibt durchaus interessante Modelle, wo beim Spulen ein «mid-roll» eingefügt wird – dies kennen die Konsumenten bereits von anderen Plattformen. Die Menge der «mid-rolls» kann aber sicher nicht im Umfang eines Werbeblocks liegen – dafür ist der Beachtungswert höher.

Trifft ein, was die Konsumentenschützer befürchten, werden die TV-Konsumenten die Leidtragenden sein. Im Endeffekt werde das zeitversetzte Fernsehen verboten, heisst es.
Replay-TV würde ja nicht verboten werden. Aber durch das Verhindern von Spulen wird es so unattraktiv, dass die Konsumenten abwandern werden. Dies würde bereits mittelfristig auch für die Sender zum Problem.

Replay-TV mit der Möglichkeit zum Spulen entspricht offensichtlich einem Bedürfnis. Angenommen, Replay-TV würde ganz verschwinden, würden dann auch die TV-Konsumenten verschwinden?
Ja – lediglich die «Aufnahme»-Funktion wird sicher nicht ausreichen. Replay ist einer der Haupttreiber des heutigen TV-Angebotes. Gleichzeitig will der TV-Konsument ja auch eine Bündel-Plattform und sich seine Sendungen nicht auf zahlreichen einzelnen Apps der Sender zusammensuchen. Aus diesem Grund würden sich die Sender mit der Abschaffung – oder Verteuerung von Replay – vor allem ins eigene Fleisch schneiden.

Haben Sie einen Plan B, sollte das Überspulen der Werbung verboten werden?
Wir haben so oder so noch viele Pläne und Ideen. Einige davon werden wir mit oder ohne Replay umsetzen. Gerne sind wir auch für die Sender «Speerspitze» zum Ausprobieren neuer Formen der Werbeintegration. Wir haben ja beispielsweise auch eine gute Zusammenarbeit mit Goldbach, welche den grössten Teil der privaten Sender in der Schweiz repräsentiert. Nochmals: Sender und Verbreiter sitzen heute im gleichen Boot.



Thomas Sterchi ist Gründer und CEO der Tom Talent Holding. Tom Talent ist Hauptaktionärin der My TV AG, der Besitzerin von Teleboy. Sterchi ist dort Verwaltungsratspräsident.

 


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KOMMENTARE

Dominic Häuptli
11.12.2018 15:29 Uhr
Es muss eigentlich gar nicht lange über das Thema debattiert werden. Sollte die angelernte Funktion von Replay TV verschwinden, oder auch nur mit einem «MidRoll» beschnitten werden, kommt dass einem Selbstmord gleich. Die heutigen und zukünftigen Nutzer des Replay-Angebots, kehren der sowieso eher drögen TV Welt den Rücken. Wie man anhand von Netflix und Co. sehen kann, sind Konsumenten sehr wohl bereit Gebühren zu bezahlen, um der Werbung und den eher schlecht als rechten Inhalten zu entgehen. Der Wegfall von Replay, wie man es heute kennt, wäre also nochmals ein nachdrückliches Argument gegen die TV-Dinosaurier, für moderne Angebote. Es ist halt wie immer, wenn Innovation in einer Branche einschlägt: 1. Ingorieren, 2. Leugnen und versuchen Abwenden (da wären wir aktuell), 3. Hilflos versuchen noch aufzuspringen (was dann fast immer zu spät ist).
Alfredo Briccola
11.12.2018 12:33 Uhr
Das Problem liegt doch hier: «Wir sind überzeugt, dass der User eine gewisse Menge an Werbung akzeptiert.» Es wird also über Masse diskutiert statt Klasse. Das ist der Untergang der Werbung in den Bewegbild-Formaten. Da kann man rechnen so lang man will. Akzeptanz hat mit gutem Content zu tun, welcher von den Zuschauern gerne akzeptiert wird. Mehr Unterhaltung, weniger schwachsinniger Schweinebauch. Klingt einfach, braucht aber mehr als nur ein Umdenken bei Werbevermarktern. Das muss schon bei Werbeauftraggebern und Agenturen beginnen.
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