20.12.2021

Wikipolitik

So versuchen Politiker ihre Einträge zu beeinflussen

Für eine Recherche hat Reflekt erstmals alle 253 Einträge der Schweizer National-, Stände- und Bundesräte analysiert. Das Ergebnis: Parteiische Autoren sind keine Seltenheit. Genannt werden Beispiele von Ignazio Cassis, Josef Dittli oder Balthasar Glättli.
Wikipolitik: So versuchen Politiker ihre Einträge zu beeinflussen
Wer schreibt die Wikipedia-Einträge von Politikerinnen und Politikern? Reflekt hat dazu recherchiert. (Bild: Florian Spring/Nicolas Polli)

Was auf Wikipedia steht, erreicht die Massen. Doch wer verfasst eigentlich die Einträge der Schweizer Politikerinnen und Politiker? Und wie steht es um deren Neutralität? Um das herauszufinden, hat Reflekt erstmals alle 253 Einträge der Schweizer National-, Stände- und Bundesräte analysiert. Dies schreibt das investigative Recherche-Team in einer Mitteilung. Das Resultat: Nicht alle Parlamentarierinnen und Parlamentarier respektieren das Grundprinzip der Neutralität. Parteiische Autorinnen und Autoren sind keine Seltenheit. Und: Einige von ihnen schrecken auch vor Manipulationsversuchen nicht zurück.

Reflekt publiziert alle Fallbeispiele und Statements der betroffenen Politikerinnen und Politiker auf ihrer Website. Auch die SRF-Sendung «10vor10» berichtete am Montag über die Ergebnisse der Recherche Wikipolitik.

«Wir haben die Recherche selbst initiiert und durchgeführt. Inspiriert wurden wir von einer Recherche, welche netzpolitik.org Anfang September in Deutschland publiziert hat», sagt Christian Zeier, Redaktioneller Leiter von Reflekt, auf Anfrage von persoenlich.com.

Die Recherche zeigt: Neben vielen neutralen Usern tummeln sich auf Wikipedia auch politische (und teilweise bezahlte) Autorinnen mit Interessenkonflikt: PR-Firmen, persönliche Mitarbeitende, Familien- und Parteimitglieder sowie die Politikerinnen und Politiker selbst. Laut Reflekt konnten mehrere Fälle rekonstruiert werden, in denen Politikerinnen und Politiker entweder gegen die Transparenz- oder Neutralitätsrichtlinien von Wikipedia verstossen haben:

  • Ein anonymer User mit der IP-Adresse der Bundesverwaltung löschte kurz nach Amtsantritt von Bundesrat Ignazio Cassis einen Hinweis auf dessen Mitgliedschaft beim Waffenlobby-Verein Pro Tell. Ständerätin May Graf (Grüne/BL) engagierte eine PR-Beraterin, um ihren Eintrag mit einem Werbetext zu ergänzen.

  • Ständerat Josef Dittli (FDP/Uri) versuchte mehrmals zu löschen, dass er sich 2018 für eine Lockerung der Kriegsmaterialverordnung ausgesprochen hat.

  • Ein Mitarbeiter von Nationalrätin Isabelle Moret (FDP/Waadt) löschte einen Hinweis auf ihre Mitgliedschaft bei der IG Erfrischungsgetränke –einer Lobbygruppe für Süssgetränke.

  • Mithilfe einer PR-Agentur änderte Nationalrat Franz Grüter (SVP/Luzern) ein Zitat über sich selbst als «wohl der grösste Fan von Donald Trump im Bundeshaus».

  • Nationalrat Balthasar Glättli (Grüne/Zürich) löschte einen Hinweis auf seine Ehe mit der SP-Nationalrätin Min Li Marti.

In den meisten dieser Fälle wurde die politische Einflussnahme von der Wikipedia-Community verhindert, wie Reflekt schreibt. Vereinzelt schafften es Akteure, Wikipedia durch Beharrlichkeit und subtile Bearbeitungen zu manipulieren. (pd/wid)



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