Die NZZ hat eine neue Website. Was halten Sie davon, speziell vom "bloggigen" Design?
Es ist einfach, Newsdesign zu kritisieren. Wenn man, wie wir, mehrere Newssites designt hat, und weiss, wie viel Klippen man dabei umschiffen muss, bis alle zufrieden sind, dann ist man weniger pauschal im Urteil.
Gut, dann gehen wir ins Detail.
Lassen Sie mich das in ein paar Punkten zusammenfassen:
- Das Argument "Sieht aus wie ein Blog" ist nicht a priori negativ. Blogs haben viel mehr Gestaltungsfreiheit. Es gibt Blogs, die stellen jede Newsseite in den Schatten.
- Was ich ganz ausgezeichnet finde, ist, wie aufgerämt die Informationsarchitektur nun daherkommt. Auch hat man hier endlich von der Above-the-fold-below-the-fold-Ideologie Abschied genommen, was man fast schon als bahnbrechend bezeichnen kann.
- In der Umsetzung ist nicht alles so gelungen. Der schwarze Balken ist ein Fremdkörper, der die Seite in zwei Teile spaltet.
- Was ich besonders schade finde, ist dass man nicht aus dem typograpfischen Schatz geschöpft hat, den die Printausgabe darstellt. Die Printausgabe ist meiner Ansicht nach einer der gelungensten Schweizer Redesigns der letzten 10 Jahre.
- Technisch ist die Seite, zumindest im Frontend, recht gelungen. Der Relaunch hatte einige Holperer im Backend, aber auch das kommt vor bei einem so grossen Relaunch.
Erstmal hat man für drei Wochen eine Betaversion online gestellt. Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien der NZZ, meinte, das sei so üblich. Er zitierte den CEO von LinkedIn, der sagte: "If you're not embarrassed by the first version of your product, you've launched too late". Stimmen Sie dem zu?
Das hat was, darf aber auch keine Ausrede sein, einfach irgendwas zu launchen. Man kann auch sagen: "You never have a second chance to make a first impression." Ich höre seit zehn Jahren, dass die Zeit der grossen Relaunches vorbei sei. Auch in diesem Fall hätte man theoretisch nach und nach vom alten ins neue Design wechseln können. Theoretisch. In der Praxis jedoch geht es, gerade bei grösseren Produkten mit vielen Stakeholdern, oft nicht anders als mit einem radikalen Schnitt. Und dann passieren auch grosse Fehler. Was man als User oft nicht versteht, ist die Komplexität einer solchen Seite. Als Kollege habe ich da vielleicht auch etwas zu viel Verständnis. Ich bin jedenfalls froh, dass wir nicht für das CMS zuständig waren.
Sie haben vor kurzem eine Diskussion darüber losgetreten, ob es sinnvoll für eine Newssite ist, "Share-Buttons" von Sozialen Netzwerken aufzuführen - so wie dies etwa persoenlich.com oder die NZZ tun. Sie plädieren gegen den Einsatz solcher Buttons. Wieso?
Das Nieman Lab hat eine Untersuchung zum Gebrauch der Twitterbuttons gemacht und herausgefunden, dass etwas weniger als 20 Prozent aller Retweets von den Buttons kommen. Nun kann man sagen: "20 Prozent! Ist ja super, ohne die Buttons hätte man 20 Prozent weniger Traffic." was natürlich ein kompletter Unsinn ist. Auch dazu einige Punkte:
- Man kann nicht davon ausgehen, dass ohne die Buttons, die 20-Prozent-Button-Retweeter nicht retweeten würden.
- 20 Prozent Retweets sind nicht 20 Prozent Traffic. Im Gegenteil! Wie viele NZZ-Leser haben einen Twitteraccount? Bei Facebook hat man da schon viel bessere Karten, aber der Like-Button ist zugleich auch ein Spionierbutton, der die Seite langsam macht.
- Es hat sich gezeigt, dass technisch versiertere User die Buttons weniger brauchen. Von daher liegt es nahe, dass gerade die Leute, die den Button klicken, also technisch weniger versierte User, weniger einflussreich sind.
Grundsätzlich ist es extrem schwierig zu messen, wie gut diese Buttons funktionieren. Es ist für mich als Designer aber relativ einfach zu sehen, wie sie der Ruhe und Übersichtlichkeit der Seite schaden. Webseiten sind sonst schon überladen genug. Seit Jahren haben wir Buttons, die kommen und gehen. RSS Buttons, Newsvine, Delicious. Nun sind es Twitter und Facebook Buttons. Auch die werden verschwinden. Android, iOS und OSX bauen Facebook und Twitter ins Betriebsystem ein. Damit allein ist das Thema freilich nicht erledigt. Nach Facebook und Twitter kommt sicher bald wieder so ein Button, der den Websitebetreibern das unmessbare Blaue vom Himmel verspricht.
Interview: Adrian Schräder/Bild: Information Architecs
Was Oliver Reichenstein von den Information Architects zu Schreiben auf dem Smartphone, der digitalen Macht der USA, Applemania und Dinosauriern und Geparden zu sagen hat, lesen Sie hier.

