Frau Neumann, beim Swiss-App-Award wurde der Pilotifant von der Mobiliar ausgezeichnet (persoenlich.com berichtete). Warum ist diese App (vgl. Bild unten) so gut?
Pilotifant ist eine Game-App. Wenn der Nutzer die App öffnet, ist er überrascht vom speziellen Design. Sie ist sehr einfach konzipiert und in der Regel selbsterklärend. Dennoch findet der Nutzer eine gute und verständliche Beschreibung, falls er dies wünscht. Besonders interessant und einzigartig ist auch das Skizzendesign. Es ist nicht nur ansprechend, aber zugleich hat es einen geschickten Werbeeffekt durch die unwillkürliche Assoziation mit den Werbeplakaten der Mobiliar. In sich kann man sagen, dass es eine runde App ist: Sie besticht durch das ansprechende und andersartige Design und funktioniert sehr gut. Die Einführung ist einfach und verständlich, der Sound ist das Tüpfelchen auf dem i.

Was zeichnet eine gute Game-App aus?
Für jemanden, der wissen möchte, was gerade gut ankommt, sind aktuelle Rankings ein guter Orientierungspunkt. Aber ob eine Game-App begeistert oder nicht, ist nur schwer vorherzusagen. Was ich sicher mit auf den Weg geben kann ist: Der Einstieg muss klappen. Die App soll intuitiv bedienbar sein. Das Design muss unbedingt ansprechen. Selbstverständlich muss eine Game App eine gewisse Herausforderung bieten, ohne aber ihren Anreiz zu verlieren, d.h. Erfolge sollten für die Benutzer weder zu einfach noch zu schwer erreichbar sein keinesfalls sollten sie vorhersehbar sein. Levels, die aufeinander aufbauen, haben sich bewährt. Sie sollen auch nicht alle sogleich verfügbar sein. Das spornt an, erhöht die Spannung. Aber eben, das klappt natürlich nur, wenn das Interesse des Benutzers überhaupt geweckt wurde. Und das ist gar nicht so einfach. AngryBirds ist da schon eher ein Phänomen
Was sollte jemand beachten, der eine App kreieren will?
Zunächst einmal sollte ein Unternehmen sich fragen: Welches Bedürfnis soll unsere App befriedigen? Für welche Zielgruppe entwickeln wir sie? Am besten befragt man potentielle Nutzer. Die Plattformentscheidung spielt beim Interaktionsdesign und der Umsetzung eine entscheidende Rolle. Die Umsetzung sollte in der Regel plattformspezifisch sein, d.h. die Apple User Experience Guidelines bzw. die Android Design Guidelines sind in jedem Fall zu berücksichtigen. Plattformkonformität erleichtert Konsistenz und Konsistenz sichert bessere und intuitivere Bedienbarkeit. Es kann aber auch sein, dass eine innovative Idee eines innovativen Interaktionsdesigns bedarf. Smartphones und Apps sind nun auch schon so lange auf dem Markt, dass Benutzer nach Neuem, Überraschendem, Andersartigem Ausschau halten.
Welches ist Ihre persönliche Lieblingsapp?
Ich persönlich nutze beinahe täglich die SBB-App, da ich regelmässig und viel pendle. Die Schnelligkeit der App ist gut und die gebotene Funktionalität erfüllt alle meine Nutzerbedürfnisse. Dass Störungen und Gleisänderungen sofort angezeigt werden, ist super; auch, dass keine Werbung enthalten ist.
Vermissen Sie etwas?
(überlegt). Hm, ich bin gerade auf Wohnungssuche und vermisse eine Funktion, dass ich Orte suchen kann, die von zwei anderen Orten mit dem ÖV in etwa gleich entfernt sind das wäre wirklich toll!
Welche Apps nutzen Sie sonst noch?
Ich lade gerne viele unterschiedliche Apps runter, um zu sehen, was es Neues gibt und was gerade gut bei den Nutzern ankommt. Obschon ich immer wieder merke, dass ich eher der Typ bin, der nützliche Apps bevorzugt. Zum Beispiel SBB, Comparis, GMX, Whats App, Facebook, Camera+. Momentan find ich Flower Garden ganz witzig und Murmeli von Emmi.
Sie nannten bei der SBB als positiven Punkt, dass keine Werbung enthalten ist. Wann ist App-Werbung erträglich?
Werbung wird meiner Ansicht nach höchstens geduldet. Das ist der Fall bei wirklich guten Game-Apps oder funktionalen Apps. Aber nur, wenn sie dafür kostenlos sind. Dennoch besteht die Gefahr, dass eine sehr gute App mit Werbung ihre Nutzer verliert, sobald eine andere kostenlose und werbefreie App mit sehr ähnlicher oder sogar besserer Funktionalität angeboten wird.
Aber wenn Werbung, dann sollte sie nicht allzu flashy sein. Sie darf auch nicht vom eigentlichen Inhalt ablenken. Das ist aus Benutzersicht absolut inakzeptabel. Auch sollte sie nicht so platziert werden, dass man sie aus Versehen auswählt und dann auf eine Webseite umgeleitet wird. Das stört den Benutzer. Er toleriert es auch nicht lange. Werbung kann beispielsweise auch indirekt eingebaut werden. Dies ist bei Pilotifant der Fall. Indirekt wird für die Schweizerische Mobiliar geworben. Beim Murmeli von Emmi verhält es sich ähnlich. Die Marke wird bekannter, insbesondere bei jüngeren Personen, die die Kunden von morgen sind.
Wie verändern sich die Bedürfnisse bei den Apps?
Das Interaktionsdesign wandelt sich. Die Apps, die viel heruntergeladen werden, sind nicht nur "Apple-State-of-the-Art". Die Benutzer sehnen sich vermehrt nach andersartigen und überraschenden Apps. Das heisst nicht, dass die Entwicklung einfacher wird. Kreativität alleine reicht nicht. Die Usability ist zentral bei der Akzeptanz einer App. Ist diese nicht gegeben, wird die Innovation vielleicht noch erkannt, aber der Benutzer wird sich ärgern, dass die Bedienbarkeit schlecht ist und er wird selten zu der App greifen.
Für Android Apps sind die Vorgaben weniger strikt als die Apple-Guidelines. Das ist nicht unbedingt förderlich für die Konsistenz und die einfache Bedienbarkeit von Apps, fördert zum Teil jedoch die Entstehung von innovativen Ideen. Bei den App Awards hat die Android App AppAware gewonnen. Hierbei handelt es sich um ein Social Network zum Austausch über neue Apps und zur Beobachtung der Downloads, die Freunde getätigt haben also eine App, um bezüglich Apps up-to-date zu bleiben.
Wenn Sie Apps der verschiedenen Schweizer Newsportale anschauen und vergleichen: Was fällt auf?
Es ist wichtig, dass sich eine App von denen der Konkurrenz abhebt. Sind alle Apps einer Branche ähnlich, ist der Begeisterungsfaktor nicht gegeben und die Nutzer haben keinen Grund, sich an eine bestimmte App einer Branche zu binden. Die Apps von Tagesanzeiger, 20 Minuten und NZZ zum Beispiel haben alle die gleiche Aufmachung. Das heisst, das Interaktionsdesign unterscheidet sich nur minimal. Bei allen befindet sich die Navigationsleiste in Form von Tabs im unteren Bildschirmbereich. Viele Inhalte können aus Platzgründen nur unter "Mehr" aufgelistet werden. Der Benutzer erhält keinen befriedigenden Überblick über die Inhalte der Apps. Zudem sind die Inhalte redundant aufgelistet sehr viele sind sowohl im ersten Tab als auch unter "Mehr" zu finden. Selbst die Suchfunktion führt Artikel mehrmals auf. Für den Benutzer kann es dadurch unmöglich gemacht werden, einzuschätzen, ob er alle Inhalte, die ihn interessieren, auch wirklich gesehen hat.
Blick am Abend ist mit den anderen Apps kaum zu vergleichen. Sie bietet mehr Unterhaltung, weniger News. Das Interaktionsdesign ist aber sehr ähnlich.
Welche ist Ihrer Ansicht nach besonders gelungen?
Wie gesagt, keine der Apps überzeugt mich 100 Prozent. Am ehesten gefällt mir die App von 20 Minuten. Anders als die anderen blendet sie das Wetter ein und bietet neuerdings auch die spannende Funktion, mit der Printausgabe interagieren zu können. Dadurch ersetzt die App nicht einfach die Printausgabe, sondern beide Ausgaben ergänzen sich.
Was fehlt denn, z.B. bei der Tagi- oder NZZ-App?
Ich muss sagen: Die NZZ als Zeitung lese ich sehr gerne. Doch von der App bin ich etwas enttäuscht. Sie ist unspektakulär aufgemacht. Zudem braucht sie meiner Erfahrung nach zu lange zum Laden. Im Gegensatz dazu ist die iPad-App gut aufgemacht, auch wenn sie simpel ist, quasi eine PDF-Adaption der Zeitung. Benutzer bemängeln zum Teil jedoch die Lesbarkeit, da die Schrift zu klein sei.
Wir sprachen vor allem über Apps, die sich an Kunden richten. Wofür können Firmen Apps sonst noch einsetzen?
Für das Marketing beim Kunden; zur Verkaufs- und Verkäufer-Unterstützung. Jedoch sind für diese Nutzung Tablet Apps besser, da deren Inhalte auch von mehreren Personen gleichzeitig angeschaut und geändert werden können. Spontan sehe ich auch die Möglichkeit, Apps für die Steuerung, Wartung und Überwachung von Geräten einzusetzen. z.B. um die Verkaufsbelegschaft, die viel unterwegs ist, zu unterstützen. Damit sie im Kundengespräch auf Daten zurückgreifen kann.
Interview: Edith Hollenstein

