25.09.2022

Metaverse

«Wir können Avatare in unnötige Sitzungen schicken»

ETH-Professor Markus Gross gehört zu den international besten Kennern des Metaverse. Im Interview spricht er über das Potenzial dieses virtuellen Raums und sagt, welche Technologien entscheidend sind. Zudem spricht er über sein Forschungsgebiet Augmented Reality.
Metaverse: «Wir können Avatare in unnötige Sitzungen schicken»
«Ich glaube nicht, dass die Menschen den ganzen Tag in die virtuelle Realität abtauchen. Trotzdem, die virtuelle Realität wird an Bedeutung gewinnen»: Markus Gross ist Informatik-Professor an der ETH Zürich, Direktor von Disney Research in Zürich sowie Chief Scientist der Walt Disney Studios. (Bild: zVg)
von Patrik Müller

Herr Gross*, gibt es schon Anwendungen oder Tätigkeiten, die Sie selber routinemässig im Metaverse ausüben?
Ich bin noch nicht als Avatar aktiv. Wir forschen an der ETH und auch bei Disney an digitalen Avataren und digitalen Versionen von Menschen, die sich dann im Metaverse bewegen. Diese digitalen Menschen werden nicht nur von echten Menschen gesteuert, sondern auch von künstlicher Intelligenz. Ein kleiner Vorgeschmack dafür ist der «digitale Einstein».

Wie werden Sie das Metaverse später, wenn es ausgereifter ist, nutzen?
Lassen Sie mich erst mal klären, welche Definitionen des Metaverse eigentlich existieren. Ein Verständnis stammt von Meta, also dem Facebook-Konzern, das besagt: Jeder bewegt sich im Metaverse, im Internet der Zukunft, einem Social Space, mit seinem Avatar. Dann gibt es aber auch Metaverse-Definitionen, wie sie Gamehersteller sehen, etwa Epic oder Unity, wo man in eine komplett virtuelle Welt eintaucht, mit seinem Avatar Abenteuer erlebt und aktives Storytelling betreibt. Darüber hinaus sind da noch viele andere Vorstellungen im Sinne von virtuellen Marktplätzen, die dort digitale Güter verkaufen oder andere Tätigkeiten ausüben. Im Grunde kann man sich das «eine» Metaverse auch als eine Vernetzung all dieser individuellen dreidimensionalen Welten vorstellen.

Gibt es hier Pioniere?
Die Sportartikelhersteller Nike und Adidas beispielsweise entwerfen ganze Kollektionen mit limitierten Auflagen von Kleidern und Schuhen. Die kann man dann erwerben, so wie NFTs in der Kunst.

Das Metaverse, an dem Sie forschen, ist nochmals ein anderes …
Mein Forschungsgebiet ist vor allem die erweiterte Realität (Augmented Reality). Mich interessiert das Metaverse nicht primär als rein virtueller Raum, sondern die Überlagerung von virtueller und effektiver Realität. Diese Kombination hat grosses Potenzial, uns zu jeder Zeit und an jedem Ort kontextualisierte und personalisierte Information zur Verfügung zu stellen.

Wie sieht eine konkrete Anwendung aus?
Wenn Sie in einen Raum hineinkommen und eine intelligente Brille tragen, sehen Sie bei jeder Person, die sich dort aufhält, ihren Namen angezeigt. Und vielleicht erscheint dazu noch die Information, wann Sie diese Person das letzte Mal getroffen haben. Das erleichtert und bereichert die reale Kommunikation mit dieser Person enorm. Ein anderes konkretes Beispiel ist die Telepräsenz.

«Es wird aber möglich sein, dass wir die Avatare künftig lebensecht machen können»

Wie muss man sich Telepräsenz vorstellen?
Sie wollen einen Kollegen anrufen. Dann sagen Sie Ihrem Avatar, er soll den Kollegen kontaktieren. Dann erscheint Ihr Avatar lebensecht im Büro Ihres Kollegen und sitzt neben ihm, während sein Avatar mit mir durch die Bahnhofstrasse geht. Heute ist die Technik noch nicht so weit. Darum sind auch die Avatare von Meta sehr stilisiert. Es wird aber möglich sein, dass wir die Avatare künftig lebensecht machen können, ähnlich wie bei Spezialeffekten im Film, sodass sie nicht mehr unterscheidbar sind von der realen Person.

Glauben Sie an die rein virtuelle Realität, wie Mark Zuckerberg, oder eher an die erweiterte Realität, wie sie etwa Google-Manager Urs Hölzle beschreibt?
Ich stehe irgendwo dazwischen. Wir haben am Media Technology Center der ETH, das von den Schweizer Medienunternehmen unterstützt wird, einige Prototypen gebaut, zum Beispiel ein digital erweitertes Niederdorf. Spaziert man durch die Gassen, zeigt es einem Restaurantempfehlungen und andere Informationen an, personalisiert und kontextualisiert. Mit dem Ziel, dass jeder das findet, was er sucht und was ihn interessiert.

Das ist eine Anwendung der erweiterten Realität, wie wir sie ein Stück weit von Google Maps her kennen. Heisst das, die rein virtuelle Realität bleibt eine Randerscheinung?
Ich glaube nicht, dass die Menschen den ganzen Tag in die virtuelle Realität abtauchen. Trotzdem, die virtuelle Realität wird an Bedeutung gewinnen. Im Spielesektor sowieso, aber auch sonst. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir künftig unsere Avatare als Stellvertreter in unnötige Sitzungen schicken, um selber Zeit zu sparen. Dann kommen sie zurück und fassen zusammen, was sie erlebt oder welche Informationen sie gewonnen haben. Zudem: Der Verkauf von digitalen Gegenständen klappt heute schon sehr gut, er ist ein funktionierendes Businessmodell.

«Ich und Sie können uns vielleicht nicht vorstellen, AR-Brillen anzuziehen, die junge Generation aber schon»

Das Metaverse ist keine neue Idee, Science-Fiction-Filme kennen es seit Langem. Warum erleben wir gerade jetzt den Metaverse-Hype?
Ich glaube, es ist mehr als bloss ein Hype. Aber es stimmt, der Name Metaverse ist nicht neu, er wurde bereits vor dreissig Jahren in einer Novelle geprägt, und in Science-Fiction-Filmen wurde die Vision schon Jahrzehnte davor beschrieben. Dass wir gerade jetzt einen Durchbruch erleben, hat technologische und gesellschaftliche Gründe.

Welche Technologien sind entscheidend?
Eine Reihe von Schlüsseltechnologien, die es für das Metaverse braucht, haben mehr oder weniger gleichzeitig einen hinreichenden Reifegrad erlangt. Zum Beispiel Cloud-Computing, 5G-Networking, Echtzeit-Optikanwendungen, Realzeitgrafik sowie die Sensortechnik für Brillen. Das fliesst jetzt alles zusammen. Und dann sehen wir natürlich die Fortschritte der künstlichen Intelligenz in den verschiedensten Ausprägungen. Man muss aber auch das gesellschaftliche Element beachten: Die Generation Z ist komplett digital aufgewachsen. Ich und Sie können uns vielleicht nicht vorstellen, AR-Brillen anzuziehen, die junge Generation aber schon.



* Markus Gross ist Informatik-Professor an der ETH Zürich, Direktor von Disney Research in Zürich sowie Chief Scientist der Walt Disney Studios. Er gilt als führender Metaverse-Spezialist.

Patrik Müller ist Chefredaktor Zentralredaktion CH Media und Schweiz am Wochenende sowie Initiant des SwissMediaForums. In dieser Funktion führte er exklusiv für «persönlich» dieses Interview mit Markus Gross, einem der Referenten am Medienkongress.

Das vollständige Interview mit Markus Gross lesen Sie in der aktuellen Printausgabe von «persönlich».



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