15.05.2020

Kafi Freitag

«Das Gespräch hält uns Menschen zusammen»

Die Bloggerin und Podcasterin hat während der Coronakrise die Plattform «Binenand» ins Leben gerufen. Die Initiative sorgte für bislang 5000 Zufallsbegegnungen. Die 44-Jährige sagt, warum binenand.com tiefgründiger ist als Sex und verrät, was sie von Alain Berset will.
Kafi Freitag: «Das Gespräch hält uns Menschen zusammen»
«Ich will Freude haben an den Dingen, die ich angehe», sagt Kafi Freitag, Coach, Bloggerin und Podcasterin. (Bild: zVg.)
von Christian Beck

Liebe Kafi Freitag, der Lockdown wurde gelockert. Ist dies das Ende für Ihre Gesprächs-Plattform binenand.com?
Das wird sich zeigen, wie so vieles rund um den Lockdown und dessen Lockerung … Wir – Jan, Rahel, Jonas und ich – fänden es natürlich grossartig, wenn binenand.com auch danach genutzt würde. Und ich denke, dass diese unverbindliche und anonyme Art eines kleinen Gesprächs auch darüber hinaus Daseinsberechtigung hat. Wo sonst geht es nur um Inhalt und Stimme und nicht um ein bis zur Unkenntlichkeit bearbeitetes Profilbild.

Um Ostern beteiligten sich Dutzende Promis am Projekt. Wird man auch künftig die Chance haben, auf einen Prominenten zu treffen?
Ja, das ist gut möglich. An Karfreitag war von Hazel Brugger über Steffi Buchli, Baschi und Emil Steinberger fast alles dabei, was in der Schweiz Rang und Namen hat. Aber einer fehlt noch auf meiner Liste: Alain Berset. Ich werde erst ruhen, wenn er es auch mal ausprobiert hat (lacht).

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Anfang April haben Sie «Binenand» ins Leben gerufen. Das Konzept: Per Knopfdruck wird man mit einer zufälligen Person verbunden und beginnt ein Gespräch. Wie erfolgreich war das Projekt bislang?
Das Interesse ist sehr gross, inzwischen haben über 5000 Gespräche mit insgesamt 500 Stunden stattgefunden.

Das sind runtergerechnet etwa sechs Minuten pro Gespräch. Nicht gerade tiefgründig …
Wenn man die durchschnittliche Dauer eines «Binenand»-Gesprächs mit der durchschnittlichen Dauer von Geschlechtsverkehr vergleicht – 5,4 Minuten gemäss einer Studie von 2018 –, dann ist es fast schon verboten tiefgründig! Durchschnittswerte sind immer mit Vorsicht zu geniessen (lacht).

«Es war ein dahergeredetes Gedankenschloss»

Fühlten Sie sich einsam, als Sie auf die Idee von «Binenand» kamen?
Nein, gar nicht. Die Idee zu «Binenand» kam mir in einer Episode meines Podcasts «Kafi am Freitag», in der ich zusammen mit Sara Satir darüber gesprochen habe, dass die Isolation der Quarantäne grosse Auswirkungen auf den psychischen Zustand von uns Menschen haben wird und dass gerade allein lebende Personen schwer betroffen sind. Es war ein dahergeredetes Gedankenschloss, welches knapp 2,5 Wochen später eine fertig programmierte Lösung war.

Welches war das interessanteste Gespräch, welches Sie geführt haben?
Ich bin selber regelmässig auf binenand.com, und mich interessiert natürlich immer sehr, wie die Leute davon gehört haben und was die Erfahrungen sind, die sie mit der Plattform machen. Mich berühren die Erzählungen von Menschen, die mir erzählen, dass sie mit anderen Nummern ausgetauscht haben, um sich nach dem Lockdown gegenseitig zu besuchen.

Was nehmen Sie daraus mit?
Am Anfang war das Wort. Nicht nur im Evangelium, in allen Gesellschaften. Das Gespräch hält uns Menschen zusammen. Wir sind Herdentiere, das Alleinsein tut uns nicht gut. Ein kleines Gespräch im richtigen Moment geführt, kann Grosses bewirken und manchmal sogar lebensrettend sein.

Und wie waren ganz allgemein die Reaktionen auf binenand.com?
Wer es probiert hat, findet es toll. Ich höre oft, dass es Mut braucht, damit man sich fürs erste Gespräch überwinden kann. Das stimmt. Ich hatte auch Herzklopfen vor dem ersten Match. Das gehört dazu, es kostet ja auch bitz Mut, im Tram oder an der Migros-Kasse ein Gespräch anzufangen. Ohne diese Beherztheit kann keine Begegnung entstehen, sie ist die Basis von allem.

«Wir haben einige Verbesserungen und Features im Hinterkopf»

Wie gross ist der Aufwand, diese Plattform zu betreiben?
Das kommt darauf an, was sie können soll. Wir haben einige Verbesserungen und Features im Hinterkopf, die wir gern umsetzen würden. Das kostet in erster Linie Zeit. Die Idee ist das eine, die hat man schnell einmal geboren. Der Aufwand des Programmierens dahinter ist allerdings riesig. Ich habe das grosse Glück, dass mein Mann ein erstklassiger Coder ist. Er hat binenand.com aus dem Nichts aufgebaut. Danach kamen noch zwei weitere Fachpersonen dazu, die ihn im Feinschliff unterstützt haben.

Und wie wollen Sie das refinanzieren?
Im Moment bezahlen wir das aus der eigenen Tasche. «Binenand» ist unser Geschenk für die Menschen, die es nutzen und Freude daran haben. Wir sind auf der Suche nach einem Partner, der das Potenzial von «Binenand» erkennt und Spass daran hat, Teil dieser Initiative zu sein. Das würde es uns ermöglichen, über ein Werbebudget zu verfügen und eine App zu realisieren, die man im App-Store herunterladen könnte. Mit dieser könnten wir einige Features einbauen, die auf der Plattform leider nicht möglich sind.

Sie betreiben, wie erwähnt, auch den Podcast «Kafi am Freitag» – bereits seit Dezember 2018. Was treibt Sie an?
Begeisterung und Herzblut. Sie sind mein Motor. Ich will Freude haben an den Dingen, die ich angehe. Sie sollen in erster Linie Spass machen. Ich funktioniere nach dem Lustprinzip und dieses hat sich sehr bewährt. Alle meine Formate – «Frag Frau Freitag», «Kafi denkt laut», der «Kafi am Freitag»-Podcast und jetzt auch «Binenand» –, die aus dieser Kraft entstanden sind, waren nach kurzer Zeit höchst erfolgreich. Der Podcast ist das Produkt der engen 16-jährigen Freundschaft zwischen Sara Satir und mir und wird getragen von unserer gegenseitigen Akzeptanz und Liebe.

«Unsere Partner brauchen recht Eier»

Woher nehmen Sie die Ideen, Woche für Woche über neue Themen zu sprechen?
Das fragen wir uns manchmal auch. Uns geht der Gesprächsstoff nie aus, wir reden ja seit nunmehr 16 Jahren beinahe täglich miteinander. Im Podcast kommen die Themen auf den Tisch, die uns gerade umtreiben. Während des Lockdowns haben wir mehrmals pro Woche gesendet, da ging es über unsere eigene Auseinandersetzung mit dem Virus. Was macht das Ganze mit uns, wie begegnen wir der Angst? Inzwischen senden wir wieder einmal wöchentlich. Die Themen entstehen im Gespräch, wir besprechen sie nicht im Voraus. Unser Podcast ist 100 Prozent unscripted und ungeschnitten, es passiert, was passiert. Wir sind seit Woche eins in den Charts und seither der erfolgreichste unabhängige Podcast der Schweiz. Das schaffen wir nur, weil unser Mix an lustig, tiefgründig und authentisch offensichtlich auch nach über 90 Episoden nicht verleidet.

Auch hier die Frage: Wie können Sie «Kafi am Freitag» zu Geld machen?
Wir haben immer mal wieder Partner für einzelne Episoden. Diese suchen wir sehr bewusst aus. Nur wenn wir inhaltlich voll hinter einer Zusammenarbeit stehen können, gehen wir diese ein. Und unsere Partner brauchen recht Eier, schliesslich wissen sie nicht im Voraus, was wir in der Folge anstellen. Ich habe in einer Podcast-Folge von «Rodcast» mit Regula Bührer Fecker darüber gesprochen. Wir sind ein Ausnahmephänomen: Über 75 Prozent hören unsere Episode bis zum Ende durch. Und dies, obwohl diese bisweilen zwei Stunden dauern. Ausserdem unterstützen uns sehr viele Hörerinnen und Hörer direkt, per Abonnement auf patreon.com. Und dies, obwohl sie dafür null und nichts mehr erhalten, als die restliche Hörerschaft. Ist das nicht irr?

Das spricht für Sie. Sie sitzen jeweils mit Ihrer besten Freundin Sara Satir in Ihrer Praxis und plaudern. Muss Sara Satir die Konsultationen bezahlen?
Ja, das war natürlich ursprünglich der Plan, ich hätte mir gern mit ihr meine Altersvorsorge gesichert. Sie behauptet aber, dass ich mehr von ihr lerne, als sie von mir und darum hat sie bis heute nichts bezahlt. Da sie ebenfalls ihre eigene Coachingpraxis führt, muss ich also aufpassen, dass sie am Schluss nicht mir Rechnung stellt (lacht).

Podcasts boomen je länger desto mehr. Warum eigentlich?
Es ist bereits die zweite grosse Podcast-Welle. Es scheint ein Bedürfnis zu sein, sich Inhalt anzuhören. Wenn man eine Stimme auf dem Ohr hat, ist das viel persönlicher und näher als wenn man jemanden liest.

«Die verschiedenen Formate befruchten sich gegeneinander»

Podcast, «Binenand» sowie Coaching und Consulting für Unternehmen. Was bereitet Ihnen die grösste Freude?
Der Mix von allem. Die verschiedenen Formate befruchten sich gegeneinander und mir als ADHSler ist am wohlsten, wenn es unterschiedliche Dinge sind. Bei allem steht der Mensch im Fokus, das interessiert mich am meisten und gibt meiner Arbeit Sinn.

Früher schrieben Sie auch oft Kolumnen. Weshalb heute nicht mehr?
Ich habe sieben Jahre und 1000 Antworten lang «Frag Frau Freitag» geschrieben und daneben noch Kolumnen wie zum Beispiel fürs Magazin Bref. Das hat mir saumässig Freude gemacht. Irgendwann habe ich die Lust daran verloren. Ich habe den Blog geschlossen, als er am erfolgreichsten war. Viele haben darüber den Kopf geschüttelt, aber mir war klar, dass ich es nur genauso lange mache, wie ich mich dafür begeistern kann. Im Moment habe ich kein schriftliches Format, dass mich packt. Vielleicht kommt irgendwann wieder eines, vielleicht auch nicht.

Haben Sie bereits neue Projekte in der Pipeline?
Ich habe in den letzten anderthalb Jahren drei grosse gestartet: der Podcast, mein «Kaficandy»-Shop mit den berühmt-berüchtigten «Figg di»-Armbändern und jetzt «Binenand». Ideen habe ich immer viele, aber nur ganz wenige schaffen es danach auf die Strasse … Eine spannende Idee haben, ist das eine, das haben viele. Diese danach umsetzen, ist erst die grosse Arbeit.

Ausserdem reaktivieren Sie die Selbstgespräche «Kafi denkt laut». Warum gab es einen Unterbruch?
Ich musste sie leider krankheitshalber unterbrechen. Auto fahren und gleichzeitig halbwegs gerade Sätze in eine Kamera sprechen, braucht volle mentale Kapazität. Die habe ich jetzt wieder und darum werde ich da weitermachen, wo ich vor anderthalb Jahren aufgehört habe. Safety First ist mein Motto, nicht nur am Steuer meines Volvos, aber auch.

«Die Isolation wirft uns Menschen stark auf uns selber zurück»

Sie begaben sich während der Coronakrise relativ früh in Selbstquarantäne. Getrauen Sie sich mittlerweile wieder unter die Leute?
Da ich zur Risikogruppe gehöre, bin ich vor allen anderen in die Quarantäne und dort werde ich auch noch länger bleiben. Ich habe am 10. März ein Video auf Facebook gepostet, indem ich darüber rede, dass Covid-19 keine gewöhnliche Grippe ist. Es wurde 40'000 Mal angeklickt. Auch heute wissen wir wenig über die Krankheit, und ich habe das Privileg, gut remote arbeiten zu können und werde das noch eine Weile tun.

Wie fühlt sich diese lange Selbstquarantäne an?
Ich habe mich erstaunlich schnell an die neue Situation gewöhnt. Die Isolation wirft uns Menschen stark auf uns selber zurück. Ich halte es mit mir gut aus (lacht).



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