13.05.2020

Serie zum Coronavirus

«Die Aggressivität hat zugenommen»

Folge 42: Andreas Widmer hat das Buch «Scheissbullen» geschrieben. Ende April war nach 37 Jahren bei der Polizei sein letzter Arbeitstag.
Serie zum Coronavirus: «Die Aggressivität hat zugenommen»
«Erstmal einfach Ferien machen und zurücklehnen!», sagt Autor und frisch pensionierter Polizist, Andreas Widmer, im Gespräch miit persoenlich.com. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Widmer, Sie hatten vor einem halben Jahr das vielbeachtete Buch «Scheissbullen» (Giger-Verlag) publiziert, jetzt hatten Sie nach 37,5 Jahren Ihren letzten Arbeitstag bei der Polizei. Mit welchem Gefühl treten Sie nun ab?
Das Buch war quasi mein Exit aus der Polizei. Ich wollte den Leuten draussen vom Berufsalltag der Polizei erzählen und damit auch Verständnis für unsere Arbeit wecken. Die Beschimpfungen und tätlichen Angriffe auf die Polizisten haben in den letzten Jahren zugenommen. Daher trete ich mit einem guten Gefühl ab. Ich habe den Eindruck, dass ich etwas bewegt und auch Spuren hinterlassen habe. Das war immer meine Berufung. 

Sie sprechen die Aggressivität an. Hat diese in der Bevölkerung während den letzten Wochen stark zugenommen oder spürten Sie - im Gegenteil – eine grössere Solidarität untereinander?
Die Aggressivität hat meiner Meinung nach tatsächlich zugenommen. Dies kann an den Ladenkassen durch ungeduldiges Warten und verunsicherte musternde Blicke festgestellt werden. Ebenfalls stach mir das hektische «Umherschwirren bei der Nahrungsmittelbeschaffung» ins Auge. Auf der Strasse fahren jüngere Leute schneller als auch schon – ob dies der gesteigerte Freiheitsdrang ausmacht, weiss ich nicht. Im Gegensatz fahren ältere Personen übervorsichtig mit dem Fahrrad oder Auto, weil sie die Angst vor einen schweren Unfall und die damit verbundene Spitaleinlieferung haben. Positiv erkenne ich die grosse Solidarität unter den Menschen, die vielen Hilfsangebote für erkrankte Menschen. Zu Recht attestiert uns der Bundesrat für das allgemeine Verhalten im öffentlichen ein gutes Zeugnis.

Wie erlebt man als Polizist die ganze Corona-Zeit? Hat sich der Alltag stark verändert?
Zum Glück musste ich bis zu meiner Frühpensionierung Ende April nicht repressiv in Erscheinung treten, weil ich in den letzten 24 Jahren eher aufklärerische Aufgaben übernommen habe. Der Alltag hat sich natürlich aufgrund der BAG-Vorschriften und die damit verbundenen Hygienemassnahmen massiv geändert. Wir selber wurden noch vorsichtiger, versuchten aber gleichzeitig die Leute zu beruhigen, wenn sie in Stresssituationen beispielsweise bei einer Panne oder einem Unfall kamen. Die Uniformpolizei hatte nebst der normalen Grundversorgung zusätzliche Kontrollfunktionen. In diesen Situationen kommt das Einschränken und bei der Gegenseite oftmals ein leichter Hauch von «ACAB-Gefühlen» auf, was «alle Polizisten sind Bastarde» heisst.

Und im zwischenmenschlichen Bereich?
Hier stehen wegen der angespannten Lage und letztlich persönlichen Angstempfindungen viele Beziehungen auf der Kippe, was sich vorallem bei der häuslichen Gewalt zeigt. Ich kenne dazu aber keine aussagekräftigen Zahlen.  

Wie planen Sie Ihre persönliche Zukunft?
Erstmal einfach Ferien machen und zurücklehnen! Am 1. Mai habe ich bereits nicht mehr gearbeitet, spätestens dann wurde mir die neue Lebensphase bewusst. Mit meinen vielen Hobbys wie Malen, Schreiben, Biken, Tennis und gelegentlichen Referate bin ich gut ausgelastet. Nun bin ich der eigene Chef der Ferienkommission und -Planung (lacht). Ich liebe Diskussionssendungen und interessiere mich für politische Auseinandersetzungen, bin aber parteilos. Ich lasse mir erstmals Zeit, um die neue Situation auszuloten.

Planen Sie ein weiteres Buch?
Ja, aber mehr eine Biografie über das Leben in einer Grossfamilie und meine Erfahrungen in der Gesellschaft. Darin möchte ich auch Episoden aus der Kindheit vermitteln und Begegnungen mit besonderen Menschen schildern. Dabei möchte ich auch meine Kunsterlebnisse und ein wenig esoterische Themen anschneiden. Vor langer Zeit absolvierte ich einen Feng-Shui-Kurs und pendelte sogar aus reinem Gwunder. Die Physiognomik interessierte mich auch sehr, darum besuchte ich ein paar Kurse bei Tatjana Strobel.   

Wie war Ihr letzter Arbeitstag?
Am letzten Arbeitstag habe ich den Ausweis auf das Chefpult gelegt, ein Schlussgespräch am langen Tisch geführt, sowie die Schlüssel zum Amtshaus und mein Geschäftshandy abgeben. Statt einem Apéro, der aus bekannten Gründen abgesagt werden musste, stellte ich jedem Mitglied meines 17-köpfigen Teams eine Flasche Rotwein mit der selbstkreierten Etikette «Scheissbullen» und einem Kunstbild hin. Darauf steht «Antifa» und mein Geburtsdatum. Der Wein stammte selbstverständlich aus Toro. Schliesslich habe ich Sternzeichen Stier und gehe viel nach Spanien in die Ferien. Meine Kollegen schenkten mit ein Fotoalbum mit dem Titel «Akte Andi W. - eine Legende geht in Frühpension». Dies schmeichelte und freute mich sehr. Mit erlösten aber auch gemischten Gefühlen verliess ich meinen langjährigen Arbeitsort.



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier



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