15.02.2018

C-Films

«Ein Ja zu ‹No Billag› wäre für uns ein K.o.-Schlag!»

Anne Walser und Peter Reichenbach, Mitinhaber der Produktionsfirma, sprechen im Interview über die befürchteten Folgen der Vorlage für die Filmbranche. Gleichzeitig wünschen sie sich mehr Mut von SRF.
C-Films: «Ein Ja zu ‹No Billag› wäre für uns ein K.o.-Schlag!»
«Ohne SRG würden 30 bis 50 Prozent weniger Schweizer Filme produziert werden». Peter Reichenbach und Anne Walser von der Filmproduktionsfirma C-Films. (Bilder: C-Films)
von Matthias Ackeret

Frau Walser, Sie bereiten gerade zwei Produktionen vor, bei denen auch SRF beteiligt ist. Wären «Zwingli» und «Weglaufen geht nicht» ohne die Gelder des Schweizer Fernsehens zu verwirklichen?
Anne Walser: Nein, auf keinen Fall. Beim Kinofilm «Zwingli» agiert SRF ebenso als Koproduzent wie beim Fernsehfilm «Weglaufen geht nicht». Letzterer ist zudem in enger gemeinsamer Entwicklung entstanden, sprich, C-Films und SRF waren Partner seit der Stunde null. Dieser Fernsehfilm greift das Schicksal einer jungen Behindertensportlerin auf und wird massgeblich dazu beitragen, in der Bevölkerung ein besseres Verständnis zu schaffen für Behinderte in der Gesellschaft im Allgemeinen und den Para-Sport im Speziellen. Bei diesem Fernsehfilm geht es um mehr als um Unterhaltung. Wie auch schon bei meiner letzten Fernsehproduktion «Lina» – die TV-Produktion behandelte die brutale Thematik der Administrativversorgungen in der Schweiz in den Siebzigerjahren und inspirierte damals nicht nur zu einem breiten Diskurs in der Öffentlichkeit, sondern leistete auch wichtige Aufklärungsarbeit, nicht zuletzt bei jungen Menschen.

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Herr Reichenbach, die TV-Serie «Wilder» war in der Schweiz ein Grosserfolg. Die SRF-Serie, die von C-Films mitproduziert wird, geht dieses Jahr in die zweite Staffel. Würde eine solche Serie auch von privaten TV-Anstalten in der Schweiz finanziert werden können?
Peter Reichenbach: Eine solche Serie kostet minimum rund 5 Millionen Franken. Das kann ein privater Schweizer Fernsehsender unmöglich stemmen. Dafür ist der einheimische Markt einfach viel zu klein, als dass dies zum Beispiel durch Werbung und Sponsoring finanzierbar wäre. Und RTL oder Sat.1, die in der Schweiz empfangbar sind und auch ein Schweizer Werbefenster haben, würden nie eine Schweizer Serie produzieren. Die kaufen lieber billige Unterhaltungsformate ein oder produzieren Fiktion gezielt für den deutschen Markt, der ja um ein vielfaches grösser ist.

Frau Walser, gab es einmal in Ihrer Karriere ein grosses Filmprojekt, das ganz ohne Gelder des Schweizer Fernsehens auskam?
Walser: Diese Antwort ist einfach: nein. Selbst die internationale Grossproduktion «Youth» (Regie: Paolo Sorrentino) wurde von der SRG mitfinanziert. Damals agierte das Tessiner RSI als Koproduzent und war deshalb massgeblich daran beteiligt, dass meine Schweizer Filmtechniker und ich Erfahrungen mit so tollen Talenten und auch mit Stars wie Michael Caine, Harvey Keitel und Jane Fonda sammeln durften und die Schweiz Bühne für einen Film bilden konnten, der um die Welt ging. Fernsehfilme wie «Weglaufen geht nicht» oder «Lina» gäbe es nicht ohne SRG. Die TV-Filme werden zu 80 Prozent von der SRG bezahlt und exklusiv für den Primetime-Sendeplatz am Sonntagabend produziert. Hier kann man mit einem Film 800’000 Zuschauer erreichen.

Herr Reichenbach, was würde denn ein Ja zu No Billag für die Schweizer Filmwirtschaft bedeuten?
Reichenbach: Die SRG ist neben dem Bundesamt für Kultur und den regionalen Förderungen mit Abstand der wichtigste Koproduktionspartner. Wenn die SRG wegfällt, würden in der Schweiz zwischen 30 und 50 Prozent weniger Filme produziert werden können. Nicht nur das: Ohne die SRG würde auch unsere wichtigste Plattform für eine Zweitauswertung verloren gehen. Die SRG ermöglicht, dass wir überall in der Schweiz diese Filme sehen können, auch Filme, die kulturell sehr bedeutend, jedoch kommerziell allenfalls nicht einfach auswertbar sind. Hinzu kommt, dass der Produzent für die gesendeten Filme bei jeder Ausstrahlung automatisch sogenannte Succès passage erhält, Geld, das er in neue Filme investieren kann und muss. Also, ein Ja zu No Billag wäre ein K.o.-Schlag für die Schweizer Filmwirtschaft, ohne Zweifel.

Frau Walser, das hört sich alles so an, als liefe bei der Zusammenarbeit zwischen Schweizer Filmwirtschaft und der SRG in den letzten Jahren alles wunderbar. Hätten Sie nicht doch ein paar Wünsche an das Schweizer Fernsehen der Zukunft?
Walser: Wünsche hat man doch immer, sonst wäre das Leben langweilig. Ich wünschte mir etwa, dass die Programminhalte noch mutiger wären, wenn es darum geht, die Schweiz zu reflektieren – sowohl auf realer wie auch auf fiktionaler Ebene. Die Produktion «Wilder» war bereits ein erster, wirklich starker Schritt in die richtige Richtung. Da wird keine Idylle vorgegaukelt, sondern die moderne Schweiz von heute gezeigt. Ich bin auf jeden Fall sicher, dass die aktuelle Selbstreflexion dem Hause SRG gut tut – immer jedoch zweihundertprozentig davon überzeugt, dass eine direkte Demokratie ein öffentliches Medienhaus wie die SRG zwingend braucht!

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Herr Reichenbach, C-Films gibt durch ihre Produktionen Hunderten von Filmschaffenden des Landes Lohn und Brot. Wären alle diese künstlerischen und kreativen Menschen dann ohne Beschäftigung in der Schweiz? Befürchten Sie einen Exitus der Schweizer Filmkreativen nach Deutschland und Frankreich?
Reichenbach: Klar, wenn die Leute von ihrem Beruf nicht mehr leben können, müssen sie entweder auswandern oder sich neue Jobs suchen. Das gilt übrigens nicht nur für den Film, sondern auch für die Musik und ganz besonders auch für den Sport, die alle sehr mit der SRG verbunden sind. Damit würde nicht nur die Filmwirtschaft in der Schweiz, sondern auch die gesamte Kreativwirtschaft schnell ausbluten, und gewisse Sportarten würden zu Randerscheinungen degradiert.

Frau Walser, die meisten Frauen in der Filmwirtschaft sind hauptsächlich noch im Bereich Schauspielerei zu finden. Bei Ihren Filmen fällt auf, dass oft Frauen auch in den Bereichen Drehbuch und Ausstattung zu finden sind. Fänden Sie es gut, wenn Frauen insgesamt grössere Verantwortung im Schweizer Film hätten?
Walser: Ich meine, Frauen sollten in allen Bereichen grössere Verantwortung tragen dürfen. Nicht nur beim Film. Und ich finde es wunderbar, wenn ich junge Frauen ermuntern kann, ihre Talente auszuloten – in welchem Filmdepartement auch immer, ob beim Licht, in der Ausstattung oder hinter der Kamera. Schwarz-Weiss-Denken finde ich grundsätzlich wenig inspirierend – auch bei der Geschlechterfrage. Eine der schönsten Seiten an meinem Beruf ist überhaupt: junge, neugierige Menschen zu fördern, sie beim Ausleben ihrer Kreativität erleben zu dürfen. Ob männlich oder weiblich, egal. Das Team muss stimmen! Film ist ein so lebendiges Metier, da hat es glücklicherweise keinen Platz für sogenannte klassische Rollenverteilungen! Aber klar freue ich mich, dass die C-Films, die damals von drei Männern gegründet wurde, seit meinem Eintritt als Partnerin eindeutig femininere Züge angenommen hat (lacht).



C-Films gehört zu den erfolgreichsten TV- und Filmproduktionsfirmen der Schweiz. Zu den jüngsten Erfolgen zählen die TV-Serie «Wilder», der Film «Schellen-Ursli» oder die europäische Gross- produktion «Youth». Nächstes Projekt ist «Zwingli», dessen Dreharbeiten in diesen Tagen begonnen haben. Der Kinostart ist für Januar 2019 geplant.

Dieses Interview erschien auch in der aktuellen Ausgabe des «persönlich»-Magazins.



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