18.12.2023

Humorfestival Arosa

«Heute früh hatte ich eine Nahtoderfahrung»

Der bekannte Radio- und TV-Moderator Frank Baumann gibt nach 15 Jahren die Leitung des Arosa Humorfestivals ab. Im persoenlich.com-Interview spricht er über die Hintergründe.
Humorfestival Arosa: «Heute früh hatte ich eine Nahtoderfahrung»
«Die Menschen, die hier nach Arosa hochkommen, die wollen vor allem eines: lachen»: Frank Baumann, scheidender Direktor des Arosa Humorfestivals. (Bild: zVg)
von Matthias Ackeret

Herr Baumann, Sie geben das Humorfestival nun ab. Was gab den Ausschlag?
Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Ausserdem bin ich der Meinung, dass nach 15 Jahren auch mal Zeit für neue Kräfte ist. Ich möchte nicht der sein, der letztlich mit dem Rollator auf die Bühne geschoben wird, weil er nicht loslassen kann. 

Wenn Sie zurückschauen, was waren die Höhepunkte der vergangenen 15 Jahre?
Das kann ich so gar nicht sagen. Das Arosa Humorfestival ist ja letztlich ein Gebirge an humoristischen Höhepunkten. Und so sammelte sich in den 15 Jahren schon einiges an Highlights an. Das letzte war für mich der Auftritt von Helge Schneider. Nein, jener der famosen Mnozil Brass Band. Wer immer die Gelegenheit hat, ein Konzert der österreichischen Musikprofessoren zu besuchen, sollte die Chance nutzen.

Wie hat sich das Festival verändert?
Wenn man aufs erste Festival von 1992 zurückblickt und es mit dem diesjährigen vergleicht, dann ist es nicht mehr dasselbe. 1992 dauerte es gerade mal fünf Tage und man zeigte elf Vorstellungen. Heute sind es elf Tage mit 22 Vorstellungen. Die Anzahl der Vorstellungen variiert immer ein bisschen, wir hatten ja schon 33. Aber das dünkt mich irgendwie zu viel. 1992 freute man sich über 2500 Besucher und 5000 Logiernächte, heute sind es zwischen 16'000 und 20'000 und wir generieren 15'000 Logiernächte. Allerdings haben sich auch die Gagen der Künstler verändert. Damals rechneten wir mit 30'000 Franken für alle, heute sind es 250'000 Franken. Und selbstverständlich wurde auch das Team viel grösser und die Technik wesentlich aufwendiger. 

Und die Tiefpunkte?
Boah, deren gab es natürlich auch diverse. Meistens gipfelten die dann in geharnischten Reklamationen, die ich zu beantworten hatte. Aber auch daran gewöhnt man sich. Ich habe den Kolleginnen und Kollegen von Arosa Tourismus bereits angeboten, bei negativen Feedbacks auch weiterhin emotionslos in die Tasten zu greifen.

«Die Agenturen sind mühsamer geworden und die Inhalte der Comedians oftmals eher flach» 

Hat sich der Humor in dieser Zeit geändert?
Ja. Doch dieses Thema würde allein ein Sonderheft füllen. Die Agenturen sind mühsamer geworden und die Inhalte der Comedians oftmals eher flach. Ich würde mal sagen, sehr. Aber das hängt natürlich auch mit den Ansprüchen des Publikums zusammen. Die Menschen, die hier nach Arosa hochkommen, die wollen vor allem eines: lachen. Was gefällt, ist was lustig ist und einfach. Komplexe Politsatire oder Kleinkunst sind hier oben weniger gefragt. Vor der hektischen Weihnachtszeit abschalten und die Seele baumeln lassen, das ist es, was unser Publikum will. Ich habe das quasi empirisch erforscht (lacht).

Was ist eigentlich das Erfolgsgeheimnis des Humorfestivals?
Der Entschluss, von der traditionellen Kleinkunst weg und mehr in Richtung kommerziellem Event im Zelt oben zu gehen, war bestimmt richtig. Der wurde damals von der Tourismusdirektion gefällt und ich durfte ihn umsetzen. Das Resultat waren mehr Vorstellungen, mehr Übernachtungen und mehr Wertschöpfung für Arosa und das ganze Tal. Die Wertschöpfung des Arosa Humorfestivals beträgt heute übrigens rund 4,5 Millionen Franken – in elf Tagen.

Dabei war das ursprüngliche Ziel ja lediglich, einen Ersatz für die damals beliebten Wedelwochen zu finden.
Richtig. Ende der Achtzigerjahre liess das Interesse an diesen eigentlichen Ski-Testwochen nach. Und gewedelt wurde auch weniger, weil es schlicht komisch aussah. Noch heute sieht man ab und zu verwirrte Menschen mit den damals schon jenseitigen Skianzügen in der Gondelbahn. Ja, und dann kam eben die Idee mit dem Humorfestival ...

… die bekanntlich nicht von Ihnen stammte.
Ja, wie so viele sensationelle Ideen, ist auch diese nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich machte damals die Werbung für Arosa und war überzeugt davon, dass ein Anlass mit einem Humorfestival, noch dazu in einem Zelt auf 2000 Metern über Meer, nie im Leben funktionieren könnte. Heute wird mir diese Fehleinschätzung von den Kollegen Jahr für Jahr hämisch aufs Brot geschmiert.

«Wenn ich Cancel-Culture nur schon höre, bekomme ich die Krätze» 

Sie wurden vor allem durch Ihre Moderationen bei Radio 24, aber auch Ihre Sendung Ventil berühmt. Wäre dies heute noch möglich?
Nein. Bei der ganzen Cancel-Culture sehe ich schwarz. Wenn ich Cancel-Culture nur schon höre, bekomme ich die Krätze. Die ganze bigotte Political Correctness geht mir dermassen auf den Geist. Wenn ein deutscher Musiker nicht öffentlich in sein Didgeridoo pusten und weisse Drittklässler nicht mehr ihre Boomerangs rumschmeissen dürfen, weil dies kulturelle Aneignung sein könnte, dann ist das ja schon wieder Realsatire vom Feinsten. Nein, bei uns oben brauchen die Humorschaffenden ihr Programm nicht erst mit der Zensur-Nagelschere zurechtzustutzen. Im Gegenteil, ich will, dass gewisse Themen angesprochen werden. Die Frage ist halt bloss: wie? Selbst «Minderheiten» sollen das Recht haben, dass man sich über sie lustig macht – alles andere ist politisch unkorrekt. Man kann selbst die heikelsten Themen satirisch aufbereiten – vorausgesetzt, man tut es mit Stil und Respekt. Ein hervorragendes Beispiel ist Axel Hacke, der 2024 bei uns zu Gast sein wird und dessen Buch «Der weisse Neger Wumbaba» einfach lustig und alles andere als diskriminierend ist.
 
Was zeichnet guten Humor aus?
Guter Humor muss lustig sein. Unkonventionell, frech und witzig Und idealerweise gescheit. Thats it. Als Vertreter dieser Kunstform würde ich Claudio Zuccolini hervorheben. 
 
Gibt es einen typisch schweizerischen Humor?
Ja. Und nein. Es gibt lediglich guten und schlechten Humor.

«Für einen Moment dachte ich, noch einmal 15 Jahre anzuhängen»

Sie wurden am Samstag mit einer grossen Abschiedsgala geehrt, bei der Ihre eigene Beerdigung zelebriert wurde. Was hat Sie dabei am meisten berührt?
Alles. Was soll ich sagen? Die Familie, die Enkelkinder, die Künstlerkollegen und ihre Botschaften und Standups. Wirklich alles. Mein Team und meine Freundinnen und Freunde haben mich mit einer völlig übertriebenen Sondervorstellung überrascht, die ich gewiss nie mehr vergessen werde. Ich empfand eine unglaubliche Wertschätzung. Das hat mich sehr geehrt und tief berührt. Für einen Moment dachte ich, noch einmal 15 Jahre anzuhängen. Aber wie gesagt: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.

Ihre nächsten Projekte?
Ich werde erst mal ausschlafen und dann mit dem Rückbau meines Körpers beginnen. Zwei Wochen gutes Essen, Wein und Weihnachtsguetzlis haben ihre Spuren hinterlassen. Heute früh hatte ich eine Nahtoderfahrung, als ich auf die Waage stieg. Ich hoffe sie lügt.



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