Herr Steiner, was bedeutet der bundesrätliche Entscheid, dass man ab Oktober wieder Veranstaltungen mit 1000 Leuten durchführen kann, für Sie?
Einerseits ist es erfreulich, dass der Bund die 1000er-Grenze aufgehoben hat, weil die verschiedenen Grossanlässe nicht in einen Topf geworfen werden können und die Zahl 1000 nur bedingt tauglich ist. Viel wichtiger sind Kriterien wie Abstand oder Sitz- resp. Stehplätze. So ist es unverhältnismässig, in ein Fussballstadion nur 1000 Zuschauer reinzulassen und damit den Spitzensport in den Ruin zu treiben. Anderseits hat der Bund die «heisse Kartoffel» auf die Kantone abgeschoben, welche final über Grossanlässe entscheiden. Eine Regelung auf Bundesebene hätte für Unternehmen wie «Das Zelt» als nationale Veranstalter, welche in mehreren Kantonen tätig sind, mehr Planungssicherheit gegeben.
Nehmen Sie den Betrieb mit «Das Zelt» wieder auf?
Wir hoffen natürlich, den Spielbetrieb möglichst bald wieder aufzunehmen. Zuerst müssen wir abwarten, dass wir die einheitlichen Kriterien für Schutzkonzepte kennen, welche Bundesrat Alain Berset mit den Kantonen bis zum 2. September aufstellen will. Möglicherweise werden wir aber unsere Zeltinfrastruktur vergrössern müssen, damit wir für die neuen Abstandregeln genügend Raum schaffen können, so dass die bestehende Zuschauerkapazität aufrecht erhalten werden kann. Andernfalls werden wir die Anzahl Plätze reduzieren müssen. Hinzu kommt, dass wir normalerweise mehrere Monate Vorlauf für die Planung und Umsetzung des Spielbetriebes an einem beliebigen Standort benötigen. Erst wenn diese Fragen geklärt sind, kann definitiv der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden.
«Auch wenn es vielen Künstlern missfällt, vor einem maskierten Publikum ohne Mimik zu spielen, ist es in ihrem Interesse»
Befürworten Sie eine Maskenpflicht in den Veranstaltungen?
Obwohl ein Grossteil der Zuschauer ungern Maskentragen, sind wir für eine Maskenpflicht, weil wir ein Interesse daran haben, dass möglichst viele Zuschauer die Vorstellungen wieder besuchen werden und davon auszugehen ist, dass wir ohne Maskenpflicht einen grossen Teil des Publikums verlieren würden und die Gesundheit oberste Priorität hat. Auch wenn es vielen Künstlern – insbesondere Komikern - missfällt, vor einem maskierten Publikum ohne Mimik zu spielen, ist es in ihrem Interesse, den Schutz der Gesundheit und somit ihre eigene Existenz zu sichern.
Was planen Sie für die zweite Jahreshälfte?
Wir arbeiten mit Hochdruck daran, den Spielbetrieb baldmöglichst wieder aufzunehmen, ist das Spielen vor Publikum und den Menschen Freude bereiten die DNA von «Das Zelt». Aber mit der sich ständig ändernden Ausgangslage ist es schwierig, die zweite Jahreshälfte konkret zu planen. Wir sind zuversichtlich, dass der Wunsch der Menschen nach Live-Kontakt unverändert ist.
Wie geht es «Ihren» Künstlern?
Viele Künstler hat die Corona-Pandemie sehr hart getroffen, weil sie als Selbstständig-Erwerbende viel schlechter gestellt sind als Arbeitnehmer. Ich war früher ja selbst Zirkusartist und leide stark mit den Künstlern mit, welche im Bereich der nicht subventionierten Kultur alle Unternehmer sind.
«Ohne zusätzliche staatliche Hilfe wird ein Teil der Veranstaltungsbranche die Corona-Pandemie nicht überleben»
Wie kann man der Veranstaltungsbranche am besten helfen?
Als liberal denkender Mensch bin ich grundsätzlich für möglichst wenig staatliche Eingriffe. Im konkreten Fall aber ist es so, dass ohne zusätzliche staatliche Hilfe ein Teil der Veranstaltungsbranche die Corona-Pandemie nicht überleben wird. Anderseits haben wir in den letzten Monaten gelernt, wie wichtig emotional geladene kollektive Erfahrungen für jeden Einzelnen bei Sport- und Kulturanlässen sind. Der Live-Kontakt mit dem Zuschauer ist in einer immer digitaleren Gesellschaft unersetzlich. Deshalb wünsche ich mir, dass die Unternehmen ihre Budgets bald möglichst wieder ins Live-Marketing investieren und damit einen Beitrag leisten, dass die Veranstaltungsbranche die coronabedingte Durststrecke besser überstehen kann.
Fühlen Sie sich von Bern im Stich gelassen?
Grundsätzlich hat es die Schweiz besser gemacht als andere ausländische Staaten. Die unbürokratische Auszahlung vom Covid-I-Kredit ist weltweit einzigartig, hat der Wirtschaft sehr geholfen und dafür müssen wir alle sehr dankbar sein. Trotzdem leiden in der Eventbranche viele Unternehmen und Selbstständigerwerbende stark unter der Situation und erwarten eine stärkere Unterstützung vom Staat.
Ganz privat: wie haben Sie die letzten Monate verbracht?
Ich habe zwar viel gearbeitet, habe aber die Zeit mit der Familie sehr genossen. Auch die schulfreie Zeit ist unseren Kindern und uns Eltern in bester Erinnerung, haben wir doch als Familie noch nie so viel Zeit miteinander verbracht. Die Corona-Zeit hat uns alle verändert, denn wir hatten viel Gelegenheit über uns selbst nachzudenken. Dies hat auch Auswirkungen auf die Zukunft von «Das Zelt», welches seit über 18 Jahren ununterbrochen durch die Schweiz reist und nun das erste Mal stillsteht.
Haben Sie auch Ferien gemacht?
Nein, die Situation hat mich seit dem März bis heute stark beschäftigt.
Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Wegen dem staatlich verordneten Veranstaltungsverbot haben wir ein TV-Format mit zugeschaltetem Publikum auf einer Videowall ins Leben gerufen. Wir wurden daher zum TV-Produzenten und werden auch in Zukunft vermehrt auf digitale Inhalte setzen. Insofern hat die Corona-Pandemie für «Das Zelt» einen Innovationsschub zur Folge.
Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.

