23.03.2021

Hans Peter Riegel

«Ich bin Joseph Beuys oft begegnet»

Hans Peter Riegel hat im aktuellen Spiegel als Beuys-Experte einen prominenten Auftritt. Der in Zürich lebende Konzeptkünstler und Filmemacher gilt als einer der bedeutendsten Experten von Joseph Beuys, der am 12. Mai seinen 100. Geburtstag feiert. Warum kritisiert er ihn ständig?
Hans Peter Riegel: «Ich bin Joseph Beuys oft begegnet»
Er gilt als einer der bedeutendsten Experten für Joseph Beuys: Hans Peter Riegel (Bild: zVg)
von Matthias Ackeret

Herr Riegel, Sie gelten als einer der grössten Beuys-Kritiker, wie Spiegel und Welt am Sonntag dieses Wochenende berichteten. Nun gilt Joseph Beuys, der dieser Tage seinen 100. Geburtstag feiern könnte, als einer der berühmtesten Künstler Deutschlands. Was haben Sie gegen Beuys?
Natürlich habe ich absolut nichts gegen Joseph Beuys. Ich sehe mich nicht als sein Kritiker. Beuys ist lange tot. Welchen Sinn würde es machen, ihn zu kritisieren? Hingegen wende ich mich mit Nachdruck gegen die vielen eklatant falschen Darstellungen seiner Person und damit auch seines Werks.

Was meinen Sie damit?
Es gibt Wagenlandungen von Literatur über Beuys, die nur ein Ziel haben, nämlich ihn zu verklären, ihn möglichst weit weg von seinen problematischen Ideen zu positionieren. Gerade erst kam eine solche Hagiografie des Zürcher Architektur-Historikers Philip Ursprung auf den Markt. Ursprung, der zuvor als Steiner- nicht jedoch als Beuys-Experte aufgefallen war, hat ein Buch verfasst, das ein Konglomerat an schönfärberischen Fehlinterpretationen und objektiv falschen Darstellungen ist, die durch meine Recherchen längst widerlegt sind. Ich habe soeben eine geplante Radiodiskussion mit Ursprung abgesagt, weil sein Buch derart fehlerhaft und tendenziös ist, dass mir eine sachliche Diskussion mit ihm nicht möglich scheint.

Sie bezeichnen Beuys als «Vorgänger der heutigen Querdenker-Protestler». Worauf stützen Sie diese Annahme?
Beuys war kein links-grüner Öko-Visionär, zu dem er immer wieder hochgejubelt wird, sondern ein Reaktionär, der sich mit Altnazis und Anthroposophen umgab, dessen Weltbild in der deutschen Romantik verhaftet war, der den «deutschen Genius» und die «Auferstehungskraft des deutschen Volkes» pries. Wie Steiner, wie auch die Rechten von heute war Beuys gegen die parlamentarische Demokratie und nannte den Parlamentarismus und die politischen Parteien ein «fragwürdiges Gebilde». Die Medien sah er als Teil des staatlichen Machtapparates, nannte etwa den Spiegel ein «etabliertes Organ der etablierten Macht». Haltungen, die nicht weit etwa vom «Lügenpresse»-Begriff der Rechtsextremen sind. Dass Beuys von einer esoterischen Lehre überzeugt war, welche die Schulmedizin ablehnt, womit der Weg zur Impfgegnerschaft nicht weit ist, sei nur am Rand erwähnt.

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Wie würden Sie dann seinen Stellenwert in der Kunstgeschichte einordnen?
In jedem Fall ist Beuys auch global gesehen einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts, der eine objektiviere Deutung seines Werks verdient hat. Dazu sollte man sein Werk endlich als das wahrnehmen, was es ist: Die Botschaft einer Weltanschauung, die Vermittlung der Anthroposophie.

Sie sind mittlerweile der bekannteste Beuys-Experte im deutschsprachigen Raum.
Nicht nur im deutschsprachigen Raum.

Wie reagieren seine Verwandten und sein Umfeld auf Ihre Enthüllungen?
Meine Arbeiten werden weltweit rezipiert und sind heute der anerkannte, wissenschaftliche Standard zu Beuys. Deshalb ist es absurd, dass die Beuys-Apologeten mit grosser Energie weiterhin an den haarstäubend falschen Darstellungen seiner Person und seines Werks festhalten. Ihre mit Steuergeldern finanzierten unkritischen Huldigungen in den pompösen Grossanlässen dieses Jahres werden zunehmend laut hinterfragt. Huldigungen eines Mannes wohlgemerkt, der dezidiert gegen den Staat war, der ihn nun feiert und mit dessen Mitteln seine Werke aufwendig konserviert werden.

«Ich habe einen völlig rationalen Zugang zu ihm»

Haben Sie ihn persönlich gekannt?
Anders als die heutigen, zumeist nachgeborenen Beuys-Versteher kannte ich ihn persönlich und habe ihn bei Aktionen und Ausstellungen erlebt. Erstmals bin ich ihm 1973 begegnet, als mich mein Kunstlehrer Wilfrid Polke, der Bruder von Sigmar Polke, zu einer Kunstaktion schickte, an der Beuys zugegen war. Mit dem Auftrag, Beuys ein paar Fragen zu stellen, die er auch sehr freundlich beantwortete. Später, als ich mit Immendorff zusammenarbeitete, etwa ab 1975, bin ich Beuys oft begegnet. Ich kannte ihn gut.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit ihm?
Seit meinem Studium, also seit etwa 1980. Ich habe mit einer Arbeit über ihn in Kunstwissenschaft abgeschlossen.

Sie haben schon drei Bücher über Beuys geschrieben, jetzt ist das vierte erschienen. Worum geht es darin?
In dem Band analysiere ich Reden und Interviews von Beuys, die bislang vor der Öffentlichkeit verborgen waren. Daher der Titel «Verborgenes Reden». Ich weise durch Beuys’ eigene Worte nach, dass er seine vorgeblich eigenen Theorien eins zu eins, teils wortgleich, bei Steiner abgeschrieben hat. Damit beweise ich nicht nur, dass Beuys ein fanatischer Anthroposoph war. Ich beweise auch sein reaktionäres, völkisches Denken. Was mehr kann man tun, als ihn mit seinen eigenen Worten zu entlarven?

Ganz persönlich gefragt: Haben Sie mittlerweile eine Beuys-Obsession oder träumen Sie manchmal von ihm?
Nein, ich habe einen völlig rationalen Zugang zu ihm. Das ist eine Tätigkeit wie viele andere, die jedoch immer währt, weil ich in der Forschung zu Beuys ziemlich gefragt bin. Was mich halt momentan etwas mehr als sonst beschäftigt. Aber glücklicherweise habe ich andere Träume.



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