14.05.2019

Tom Zürcher

«Ich manipuliere die Gefühle der Leser»

Der 53-jährige Zürcher Werbetexter hat soeben seinen dritten Roman «Mobbing Dick» publiziert. Die Vernissage seines packenden Romans war im vollbesetzten Zürcher Kulturclub Kosmos. persoenlich.com hat sich mit ihm über die Schriftstellerei unterhalten.
Tom Zürcher: «Ich manipuliere die Gefühle der Leser»
Tom Zürcher, geboren 1966, lebt in Zürich und verdient seine Brötchen mit Werbetexten. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Zürcher, zuerst: «Mobbing Dick» ist kein lustiges Buch. Einverstanden?
Die ersten paar Kapitel lacht man. Bis die Tür zugeht. Aber dann ist es zu spät.

Für den Noch-Nicht-Leser: Wann geht die Türe zu?
Spätestens dort, wo Dick beginnt, sich in Mobbing Dick zu verwandeln. Um sich auf absurde Art an seinen Peinigern zu rächen. 

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Ihre Story ist sehr packend. Wie macht man das?
Das ist nicht so schwer. Man muss nur den Rechthaber-Motor im Leser in Gang setzen. Ihn dazu bringen, eine bestimmte Sache zu ahnen. Dann liest er weiter, bis er sagen kann: Ha, ich habs gewusst. Und unterwegs speist man weitere Ahnungen ein.

Überspitzt formuliert: Sind Sie ein Manipulator.
Oh ja. Vor allem manipuliere ich die Gefühle der Leser, schicke sie auf eine Berg- und Talfahrt. Ich habe ein paar Techniken entwickelt, mit denen sich das Empfinden aus der Tiefe steigern lässt. 

Wie soll das gehen?
Will ich zum Beispiel, dass der Leser an einer bestimmten Stelle genauso verwirrt ist wie der Held, baue ich kurz vorher einen logischen Fehler ein. Nur einen kleinen, den man mit dem Kopf kaum wahrnimmt. Das Unterbewusstsein muckt auf und sagt: Moment mal, da stimmt doch was nicht. Der Leser wird parallel zum Helden unsicher und sucht mit ihm einen Weg aus der Verwirrung. 

Lernt man das als Werbetexter?
Nein, da lernt man etwas anderes, das einem beim Erzählen hilft: Nur die Sätze stehen zu lassen, die unbedingt notwendig sind. Schreiben kann, wer streichen kann.

Sie schreiben seit über 20 Jahren Romane. Trotzdem kennt man Sie nicht als Schriftsteller. Wieso nicht?
Möchten Sie eine Verschwörungstheorie hören?

Bitte.
Die Götter wollen nicht, dass ich berühmt werde. Sie wollen, dass ich meine Ruhe und Freiheit auf dem Papier behalte und weiter solche Romane schreibe. Tom Zürcher ist dazu verdammt, ein Leben lang ein Geheimtipp zu bleiben. 

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Höre ich da einen Hauch Verzweiflung hinter der originellen Antwort heraus?
Nur einen Hauch?

Wie bringen Sie das Leben eines Werbetexters und eines Schriftstellers unter einen Hut?
Das Konto gibt den Takt an. Ist Geld drauf, schreibe ich Romane, ist es leer, texte ich Reklame.

Als junger Mann haben Sie Ihr Geld auf der Bank verdient. Spielt «Mobbing Dick» deshalb auf einer Zürcher Bank?
Ist sicher auch ein Grund. Wenn man auf Schauplätze zurückgreift, die man aus eigener Erfahrung kennt, muss man weniger recherchieren. Ausserdem hat man dann die Chance, Geschichten ein zweites Mal zu erleben und ihnen eine andere Richtung zu geben.

Warum dieser überraschende Titel?
Als beim Schreiben die Figur des Mobbing Dicks immer lebendiger wurde, war mir klar, dass der Name aufs Cover musste. Ein richtiger Hashtag-Titel wegen seiner Anlehnung an «Moby Dick». Ich hatte dann die ganze Zeit Angst, jemand bringt vor mir ein Buch mit diesem Titel heraus, ein Sachbuch zum Beispiel. Gegen Ende konnte ich nicht mehr am Schaufenster meiner Buchhandlung vorbeigehen, ohne Herzklopfen zu kriegen. Ich war so überzeugt, dass mir jemand zuvorgekommen ist. Aber es passierte nichts und heute würde ich ganz gern den Titel im Schaufenster sehen.  

Zum Schluss dürfen Sie mal so richtig die Werbetrommel für «Mobbing Dick» rühren.
Lieber nicht. Wir sollten die Götter nicht erzürnen…



Der Werbetexter Tom Zürcher – unter anderem Publicis und Wirz – gilt als der «unentdeckte Schriftsteller» der Schweiz. Sein dritter Roman «Mobbing Dick» ist im Zürcher Salis-Verlag erschienen.  

 

 



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Kommentare

  • Geri Aebi, 15.05.2019 13:56 Uhr
    Dringende Kaufempfehlung! Hab Mobbing Dick innert zwei Tagen so ziemlich verschlungen. Tom Zürcher hätte es verdient, seinen Status als unendecktester Schriftsteller der Schweiz asap zu verlieren.

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