29.09.2020

Rolf Lyssy

«Ich wollte Filme machen, die die Säle füllen»

Der Zürcher Regisseur Rolf Lyssy ist am Montagabend im Zürcher Kino Corso mit dem Career Achievement Award des Zurich Film Festivals ausgezeichnet worden. Ein Gespräch über Anerkennung, Werbefilme und den Film «Der Büezer».
Rolf Lyssy: «Ich wollte Filme machen, die die Säle füllen»
Keiner widerspiegelt Gloria und Tragik der Schweizer Filmbranche mehr als der Zürcher Regisseur Rolf Lyssy. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Lyssy, herzliche Gratulation zum Career Achievement Award des Zurich Film Festival. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Eine Auszeichnung ist immer gut. Die Frage stellt sich nur, wofür man sie erhält. Bei diesem Preis wird meine Filmkarriere in der Schweiz und vor allem in Zürich gewürdigt.

Praktisch alle Ihre Filme handelten in Zürich.
Ja, die einzige Ausnahme ist «Konfrontation», der das Attentat von Davos auf den Schweizer Nazigruppenleiter 1936 behandelt. Acht von neun meiner Filme spielten in Zürich. Wenn Sie so wollen, bin ich ein urbaner Filmemacher in einem – und das meine ich überhaupt nicht abschätzig – Bauernland. Der einzige Preis, den ich in den vergangenen 45 Jahren erhielt, war 1975 der Zürcher Filmpreis für – eben – «Konfrontation». Christian Jungen, der künstlerische Direktor des Zurich Film Festival, mag meine Filme und hat mir als erste Amtshandlung nun diesen Preis verliehen.

Aber klingt da nicht durch, dass Sie sich zu wenig anerkannt fühlen?
Nein, ich fühle mich nicht zu wenig anerkannt. Ich bin derjenige Filmemacher, der mit «Schweizermacher» den erfolgreichsten Schweizer Film machte. Aber das gilt nur kommerziell. Sobald Abstimmungen in irgendeiner Filmzeitschrift durchgeführt wurden, lagen immer «Höhenfeuer» oder «Les petites fugues» vorne.

Ist das nicht ein bisschen frustrierend?
Überhaupt nicht. Ich mag dies Fredi Murer, dem Regisseur von «Höhenfeuer», wirklich gönnen. Aber ich habe lange darüber nach-gedacht. Es gibt beim Film immer zwei Basiselemente: Kunst oder Kommerz. Ich habe den kommerziell erfolgreichsten Schweizer Film gedreht, Fredi den künstlerisch wertvollsten. Okay, das kann ich so stehen lassen. Es ist doch schön, dass ausgerechnet ich den kommerziell erfolgreichsten Schweizer Kinofilm realisieren durfte, ich wollte immer Filme machen, die die Säle füllen. Im Inserat des Uto-Kinos stand: «Die Schweizermacher: 100. Woche». Das ist heute undenkbar.

«Ich habe den kommerziell erfolgreichsten Schweizer Film gedreht, Fredi den künstlerisch wertvollsten»

Sie haben 1983 die Komödie «Teddy Bär» gedreht, in der der Schweizer Filmemacher und Regisseur Teddy Bär den Oscar für den besten Schweizer Film gewinnt. Am Ende wendet sich alles gegen ihn. Ihre Geschichte?
(Lacht.) Kann man so sagen, nur war die Oscar-Verleihung im Film Fiktion. Einen wirklichen Oscar hat ein paar Jahre später, 1991, Xavier Koller mit «Reise der Hoffnung» gewonnen. Mit «Teddy Bär» hatte ich wieder Boden unter den Füssen, obwohl er publikumsmässig mit knapp über 50 000 Besuchern niemals an «Kassettenliebe» oder gar «Die Schweizermacher» mit über einer Million Zuschauern herankam. Aber er wurde von den Medien sehr positiv besprochen. Mein Selbstverstrauen war wieder intakt.

Ungewöhnlich, Sie haben Teddy Bär selbst gespielt.
Ja, nicht weil ich keinen Schauspieler gefunden hätte. Aber mein Freund, der Autor und Psychoanalytiker Jürg Acklin, hat mir geraten, meine Hochs und Tiefs als Filmer in einem Film umzusetzen. Das brachte mich auch auf die Idee, die Figur des Teddy Bär selber zu spielen.

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Filmemachen in der Schweiz ist wirklich ein hartes Business. Sie selbst erlebten 1998 eine schwere Depression, wie Sie in Ihrem Buch «Swiss Paradise» beschreiben.
Ja, das war wirklich eine harte Zeit. Ich war soeben geschieden und bekam keine Unterstützungsgelder für das neue Filmprojekt «Swiss Paradise». Drei Monate wurde ich ambulant behandelt. Dann empfahl mir mein Arzt, eine Klinik aufzusuchen, da er kein Sterbehelfer sei. So entschied ich mich für einen Klinikaufenthalt im Burghölzli. Nach weiteren drei Monaten wurde ich zu meiner Überraschung wieder gesund, obwohl ich während eines halben Jahres jegliche Hoffnung auf Besserung aufgegeben hatte. Es war eine Reise durch die Hölle.

«Meine Depression war eine Reise durch die Hölle»

Haben Sie sich über die Gründe dieses Absturzes Gedanken gemacht?
Es sind wirklich mehrere Faktoren, die zu einer Krise und wieder heraus führen können. Zermürbend waren die jahrelangen Auseinandersetzungen mit der Filmförderung und die ständige Geldsuche. Film ist eine teure Kunst. Einige meiner Regiekollegen haben sich wegen Depressionen das Leben genommen.

Haben Sie auch Werbefilme gemacht?
Nein, zwei Spots habe ich als Kameramann bei Advico in Gockhausen gedreht.

Jetzt haben Sie gerade den TV-Film «Eden für jeden» abgedreht.
In der Tat, es handelt sich um meinen ersten Fernsehfilm und auch den letzten, da das Fernsehen diese Sparte bis auf den «Tatort» eingestellt hat. Leider werden nur noch Serien produziert.

Welcher Schweizer Film hat Ihnen in letzter Zeit gefallen?
«Der Büezer», ein Film von Hans Kaufmann, ein Kinoerstling von beachtlicher Qualität. Er erzählt eine Geschichte aus dem Bauarbeitermilieu, und Joel Basman spielt sehr überzeugend einen Elektriker, der sich nach einer Frau sehnt. Ein beeindruckendes Drama. 


Das ausführliche Interview mit Rolf Lyssy finden Sie in der aktuellen Printausgabe von persönlich

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