26.03.2014

Spike Jonze

"Ich wollte immer Sachen machen, die uns direkt betreffen"

Sein neuer Film schlägt hohe Wellen: Für "Her" erhielt der US-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Spike Jonze – bekannt von eigenwilligen Werken wie "Being John Malkovich", "Adaptation" und "Jackass" – den Oscar in der Kategorie Bestes Originaldrehbuch. Im Interview mit persoenlich.com spricht er über die ungewöhnliche Liebesgeschichte, die Arbeit mit Hauptdarsteller Joaquin Phoenix und seine Lieblingsband.
Spike Jonze: "Ich wollte immer Sachen machen, die uns direkt betreffen"

Mr. Jonze, wann kommen Ihnen die besten Ideen?
Schwer zu sagen. Sicher nicht vor dem Computer. Wenn ich mich bewusst hinsetzte und schreiben will, kommt meist gar nichts zustande. Ich glaube, die guten Einfälle kommen mir meist beim Tagträumen, beim Spazieren, kurz vor dem Einschlafen oder manchmal auch während einem Gespräch.

In Ihrem neuen Film geht es um die Liebe zu einem Betriebssystem. Wann ist Ihnen die diese Idee gekommen?
Ich hab vor zehn Jahren mal einen Artikel über künstliche Intelligenz gelesen. Es ging da um ein Online-System, das in der Lage war gewisse Dinge zu simulieren. Zu der Zeit gab es auch schon diverse Instant-Messenger-Chats, bei denen man mit einem Programm kommunizieren konnte. Das habe ich dann auch mal ausprobiert. Im ersten Moment war ich baff. Ich dachte tatsächlich, dieses Ding unterhält sich mit mir. Aber nach 20 Sekunden habe ich gemerkt, dass alles nur ein Trick war. Ich glaube, da sprang der erste Funke. Richtig interessant wurde die Idee für mich aber erst, als die emotionale Bindung ins Spiel kam, als es sich dann tatsächlich um eine Liebesgeschichte zu handeln begann.

Glauben Sie, dass man eine Liebesbeziehung zu einem Betriebssystem aufbauen kann?
Ich weiss es nicht. Möglich ist meiner Meinung nach alles. Ich glaube aber, dass man Liebe und Anziehung unmöglich verallgemeinern kann. Jeder funktioniert anders, hat andere Vorlieben. Ich kann unmöglich für alle sprechen. Was glauben Sie?

Nun, ich glaube, dass Sie sich in den letzten Jahren viel eingehender mit der Frage beschäftigt haben als ich.
Wir haben versucht ein Drehbuch zu schreiben, in dem die Figur der Samantha – die Rolle, die Scarlett Johansson spielt – ein eigenes Wesen darstellt. Mit einem eigenen Bewusstsein, eigenen Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen, Sehnsüchten, Unsicherheiten und Fähigkeiten. Es gibt Dinge, die sie ihrem Partner bieten kann und Dinge, die sie braucht – wie in einer echten Beziehung.

Scarlett Johansson, bzw. die Figur Samantha, bekommt man in Film nie zu Gesicht. Man hört nur ihre Stimme. Konnten Phoenix und Johansson überhaupt aufeinander eingehen?
Wir haben lange Zeit mit einer anderen Schauspielerin gearbeitet. Erst hat Samantha Morton die Rolle des Betriebssystems gespielt. Als es dann an die Nachbearbeitung ging, realisierten wir, dass es nicht funktionierte. Es war nicht das, was der Film brauchte. Die Verbindung, die Intimität war aber trotzdem von Anfang an da. Samantha und Joaquin haben sich intensiv ausgetauscht. Auf den Aufnahmen fühlte es sich an wie zwei Leute, die miteinander sprechen. Später mit Scarlett genauso: Wir haben dann mit ihr die Tonaufnahmen in einem Studio wiederholt. Sie hat mit Joaquin interagiert.

Ihre Filme sind immer von einer besonderen Intimität. Mussten Sie dieses Mal eine andere Herangehensweise wählen, um diese Intimität herzustellen?
All unsere Filmsets waren sehr isoliert, sehr abgeschieden. Wir haben stets versucht, Umgebungen zu schaffen, die volle Konzentration erlaubten. Vor allem, weil Joaquin ja meistens alleine vor der Kamera stand und er mit einer Stimme im Ohr spielen musste. Deshalb waren wir dann auch nur ein ganz kleines, eingeschworenes Team, das wirklich mit Joaquin im Zimmer war. Sechs oder sieben Leute, mehr nicht. Ich, der Kameramann, der Tontechniker, der Script Supervisor, der Beleuchter. All diese Leute waren voll in der Geschichte drin. Wir haben gemeinsam gelacht, geweint, geschwiegen. Ich bin sicher, Joaquin würde bestätigen, dass alle zu seiner Performance beigetragen haben.

Sind Sie bei ihm auch auf Widerstand gestossen?
Nein, das war ein enger Austausch. Joaquin und ich haben fast ein Jahr über diesen Film gesprochen. Wir haben uns alle paar Wochen wieder getroffen und sind das Drehbuch durchgegangen. Er hat seine Ideen eingebracht. Und er brachte allem eine grosse emotionale Offenheit entgegen. Ein wichtiger Bezugspunkt in unseren Gesprächen – und ich bin mir sicher, dass viele Regisseure genau das Gleiche sagen würden – war der Film "Last Tango In Paris" von Bernardo Bertolucci. Die Art, wie sich dort die beiden Schauspieler verhalten, wie gemeinsam den Moment erleben, wie sie atmen ohne zu schauspielern – das hat uns inspiriert.
Zehn Monate später, als wir endlich bei der Anprobe waren, wollte ich, dass sich Joaquin einen Schnurrbart wachsen lässt. Wir probierte diverse Brillen, grelle Kleider und hochtaillierte Hosen, geschnitten wie in den 20er Jahren. Joaquin war überrascht und meinte: "Warte mal, ich dachte wir gehen in eine ähnliche Richtung wie 'Last Tango In Paris'?" – Ich musste ihn dann überzeugen, dass wir unsere eigene Version davon kreieren.

(Bild:) Gegen Ende einer erfolgreichen Oscarnacht: Spike Jonze küsst seinen Kollegen Alfonso Cuarón, dessen Film "Gravity" insgesamt sieben Oscars gewann.

Wie Sie bereits erwähnt haben, herrschen im Film besondere Farben vor: Theodore Twombly, die Figur, die Joaquin Phoenix spielt, spaziert durch eine moderne Welt, ist proper gekleidet, trägt orange Pullover, braune Hosen. Welche Symbolik haben diese Farben?
Die Farben orange, gelb und rot sind die Farben des Filmes geworden, weil wir eine gewisse Wärme erzeugen wollten. Wir haben versucht, eine sehr schöne, angenehme Welt zu kreieren, in der alles schön und einfach ist. So wie die Welt, in die sich die unsere entwickelt. Wenn du aus der Mittel- oder Oberschicht kommst, ist alles schön in dieser Welt. Die Technologie ermöglicht uns so viel, das Leben wird uns ständig leichter gemacht. Trotzdem gibt es in dieser Welt Einsamkeit und Isolation.

Bekannt geworden sind Sie als Clipregisseur für Björk, für Daft Punk, für Fatboy Slim und etliche andere. Wie haben Sie eigentlich den Übergang zum Filmregisseur geschafft?
Damals, als ich noch hauptsächlich Musikvideos gedreht habe, hatten die Regisseure, die sowas gemacht haben, den Ruf, ganz hektische, schnelle Schnitte einzusetzen und auf der Bildebene möglichst viel passieren zu lassen. Als ich dann "Being John Malkovich", meinen ersten Spielfilm, gedreht habe, lag mein Hauptfokus ganz klar auf der Arbeit mit den Schauspielern. Das war mir damals noch fremd. Aber auch heute gilt den Schauspielern und den Rollen mein Hauptaugenmerk. Aus einem einfachen Grund: Der Look und die Kameraführung sind zwar wichtige Grundbestandteile eines Films, aber das Wichtigste sind immer noch die Figuren.

In den letzten Jahren haben Sie – neben den Spielfilmen – vor allem mit einer Band zusammengearbeitet: Arcade Fire. Welche Beziehung pflegen Sie zu der Gruppe um Songwriter Win Butler?
Wir sind gute Freunde. Ich kenne Arcade Fire seit ihrem ersten Album «Funeral». Ich habe dann alle ihre Platten irgendwie visuell begleitet: Für "Neon Bible" habe ich einige ihrer ersten Konzerte in Kirchen gefilmt, für "The Suburbs" entstand ein Begleitfilm. Und diesmal haben wir dann auch für mein Projekt zusammengearbeitet. Ich finde, man hört sehr gut, dass der Soundtrack und ihr letztes Album "Reflector" zur gleichen Zeit entstanden sind. Auch thematisch sind beide Stoffe verwandt: Ich habe einen Film über Beziehungen gedreht, sie haben eine Platte aufgenommen, die sich intensiv mit dem Thema befasst. «Supersymmetry», der letzte Song auf dem Album, ist für den Film entstanden. Und jetzt schliesst er zugleich ihre Platte ab.

Zuletzt haben Sie an den Youtube Awards im November bei einem Live-Musikvideo für den Arcade-Fire-Song «After Life» Regie geführt. Sind weitere Musikvideos geplant?
Geplant ist noch nichts, aber ich werde bestimmt weiter mit Arcade Fire arbeiten. Ich liebe ihre Musik.

Sie stammen aus der Generation von Filmemachern wie Wes Anderson, Mike Mills oder Sophia Coppola und einigen mehr, die alle einen eigenen Stil pflegen, aber einen ähnlichen Spirit zu haben scheinen. Teilen Sie diese Ansicht?
Nun, wir stammen alle aus der gleichen Ära. Wir haben uns untereinander stets ausgetauscht, uns gegenseitig unsere Filme gezeigt, Drehbücher herumgereicht und mit Notizen versehen und dergleichen. Wir haben uns also sicher gegenseitig beeinflusst und inspiriert. Ich hatte das Glück, mit ihnen zu wachsen, gross zu werden und von ihnen lernen zu dürfen. Übrigens würde ich Michel Gondry, Roman Coppola und David Russell unbedingt auch noch zu dieser Generation dazuzählen.

Sie haben es geschafft, mit sehr eigenwilligen Filmen den Weg zum Erfolg zu finden. Können Sie aus Ihrem Tun einen Rat ableiten?
Damit tu ich mich schwer. Wenn der Rat schlecht ist und sich seine Befolgung nicht auszahlt, wäre ich ja dann verantwortlich. Das Einzige was ich sagen kann: Es gibt nie nur eine Art etwas zu machen. Ich bin vor allem froh um all die Begegnungen, die ich gehabt habe. Die Leute, die ich kennengelernt habe. Die Beastie Boys zum Beispiel, die mich mit ihrer Spass-Dynamik sehr geprägt haben. Oder das Team von "Jackass": Wir haben immer versucht, uns zum Lachen zu bringen, uns gegenseitig anzuregen. Es ging darum, Sachen zu kreieren, die uns berühren, die uns beeindrucken. Anstatt zu vermuten, was sein könnte, wollte ich immer Sachen machen, die uns direkt betreffen.

Sind Sie ein geduldiger Mensch?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Zeiten, da bin ich sehr geduldig und Zeiten, da bin ich eher ängstlich oder manisch. Mein Bestreben ist aber schon ein geduldiger Mensch zu werden. Ich glaube, ich bin auf einem guten Weg. Immerhin habe ich mittlerweile aufgehört Nägel zu kauen.

Der Film "Her" ist ab Donnerstag in den Schweizer Kinos zu sehen.

Interview: Adrian Schräder//Bilder: Keystone


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