18.04.2021

Serie zum Coronavirus

«In Asien erlebt das Kino einen Hype»

Folge 169: Franziska Thomas öffnet am 22. April ihre Kinos Arthouse Le Paris und Arthouse Piccadilly in Zürich wieder. Auch diejenigen der Mitbewerber wie das Kosmos, Riffraff oder Houdini oder das Bourbaki in Luzern gehen wieder auf. Kommt dadurch das Kinofeeling wieder zurück?
Serie zum Coronavirus: «In Asien erlebt das Kino einen Hype»
Franziska Thomas ist Co-Geschäftsleiterin der Arthouse Commercio Movie AG. (Bild: zVg)
von Matthias Ackeret

Frau Thomas, Ihre Kinos Arthouse Le Paris und Arthouse Piccadilly in Zürich öffnen im Verlauf der nächsten Woche wieder. Welchen Aufwand müssen Sie jetzt betreiben, damit Sie den bundesrätlichen Anforderungen gerecht werden?
Da wir bereits ähnliche Rahmenbedingungen vor dem Lockdown hatten, gibt es diesbezüglich keinen grossen zusätzlichen Aufwand. Neu ist, dass kein Kioskverkauf möglich ist. Somit werden wir uns sicherlich über die Gestaltung des Kioskbereichs Gedanken machen. Auch müssen wir die Schutzkonzeptschulung der Mitarbeitenden wiederholen und aufdatieren. Besucherbegrenzung, Distanzen, Maskenpflicht und Besucherführung gab es schon vorher. Auch sind die Abläufe bereits gut eingespielt.

Wie fällt es für Sie ins Gewicht, dass Sie keine Süssigkeiten und Getränke verkaufen dürfen?
Ein Kinobesuch ist etwas Sinnliches und ein Gesamterlebnis, das mit einem Snack beginnt und das man bei einem gemeinsamen Glas Wein und dem Gespräch über den Film ausklingen lässt. Das ist derzeit nur begrenzt möglich. Im Kino ist das Essen und Trinken untersagt, und es sind nur Restaurants mit Terrassen geöffnet. Im Bereich Stadelhofen haben wir das Glück, dass gleich nebenan der Bistropark und das Restaurant Collana sind. So können sich unsere Gäste unmittelbar in der Nähe verpflegen. Natürlich würden wir diesen Umsatz lieber in unseren Kinos generieren, und hier fallen uns Einnahmen weg. Was die Einnahmen angeht, ist aber primär die Besucherbeschränkung für uns einschneidend, da im Studiokinobereich der Anteil Concession-Einnahmen weniger gross ist als bei den Mainstream-programmierten Kinos.

«Wir haben noch keinen Franken eingenommen»

Wie gross ist der Schaden, den Sie durch die ganze Pandemie erlitten haben?
2020 war eine grosse Herausforderung. Der finanzielle Schaden konnte dank Ausfallentschädigung des Kantons Zürich einigermassen in Schach gehalten werden. Nun haben wir bereits Mitte April, wichtige Kinomonate sind vorbei und wir haben noch keinen Franken eingenommen. Das ist bitter und macht nachdenklich. Wir sind sehr froh und dankbar, dass die Zürcher Kantonalbank, unsere Hauptpartnerin, trotz Schliessungen ihre volle Unterstützung zugesichert hat. Das ist wirklich nicht selbstverständlich. Auch die Zusammenarbeit mit dem Tages-Anzeiger ist sehr wichtig und gut.

Wie viel Ausfallentschädigung erhalten Sie?
Wie haben im vergangenen Jahr Ausfallentschädigung beim Kanton Zürich beantragt und 80 Prozent des beantragten Ausfalls erhalten. Wie dies im Jahr 2021 gehandhabt wird, wissen wir noch nicht.

Gibt es auch noch andere Folgen?
Es gibt auch nicht monetäre Folgen, die derzeit kaum einzuschätzen sind. Ich denke vor allem an soziale Folgen. Was bedeutet die lange Abwesenheit vom Arbeitsplatz für einzelne Mitarbeitende? Natürlich stehen wir mit den meisten telefonisch und per Mail in Kontakt, aber das ist nicht dasselbe. Und was bedeutet der Lockdown für alleinstehende Personen, die regelmässig zu uns ins Kino kamen, auch um sich mit anderen Kinobesucherinnen und Kinobesuchern oder mit unseren Mitarbeitenden auszutauschen? Wie geht es diesen Menschen und wie treffen wir sie nach dem Lockdown an?

Neben Ihnen öffnen auch andere Kinos in Zürich wie das Kosmos oder Riffraff und Houdini. Wie gross ist die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Kinobetreibern?
Wir sind im Austausch mit den beiden anderen Studiofilmkinos. Auch haben wir die Öffnung gemeinsam koordiniert.

Welche Filme werden Sie ab nächster Woche im Kino haben?
Wir starten «El robo del siglo», eine wunderbare Gaunerkomödie über den spektakulären Überall auf die Banco Rio in Buenos Aires. Spannend, super besetzt und äusserst charmant. Ich freue mich sehr auf diesen Film und bin mir sicher, dass er genau richtig für diese Zeit ist. Des Weiteren starten wir «The Nest» mit Jude Law, ein perfekt inszenierter Thriller bzw. ein Drama über Entfremdung und unausgesprochene Wünsche. Ebenfalls starten wir Milo Raus «Das neue Evangelium», und wir nehmen Titel, die wir bereits vor dem Lockdown gestartet haben, nochmals auf. So zeigen wir «Beyto», «La bonne épouse» und «W. – Was von der Lüge übrig bleibt», Rolando Collas sehr sensibles und gelungenes Portrait über Wilkomirski und dessen Täuschung.

«Ich bin davon überzeugt, dass es Kinos auch noch in 100 Jahren geben wird»

Wird das Kino langfristig überleben oder – was sehr schön wäre – sogar ein grosses Comeback erleben?
Derzeit erlebt das Kino im asiatischen Raum einen Hype. Nach dem Ende des Lockdowns strömten die Leute wie nie zuvor in die chinesischen Kinos. Das macht Hoffnung. Ob auch wir in der Schweiz einen solchen Hype erleben werden, weiss niemand. Ich bin aber davon überzeugt, dass es Kinos auch noch in 100 Jahren geben wird.

Die Kinos und ihre Angebote werden sich aber mit Sicherheit verändern, und die Coronakrise hat eine bereits begonnene Entwicklung verstärkt.
Kinos bieten gemeinsame und einzigartige emotionale Erlebnisse. Es liegt an uns Kinomacherinnen und Kinomachern, den Kinobesuch zum unvergesslichen Erlebnis zu machen und dies zusammen mit Medienschaffenden wieder vermehrt den Menschen in Erinnerung zu rufen.

Welche Neuerungen sind geplant?
Wir haben in den vergangenen Wochen das Foyer des Kinos Le Paris aufgefrischt und sind jetzt gespannt, wie unsere Gäste darauf reagieren werden. Ebenso sind wir daran, uns im Bereich der Nachhaltigkeit zu verbessern, und setzen auf regionale und nachhaltige Produkte in unserem Kiosksortiment. Weitere Neuerungen im technischen Bereich sind ebenfalls in Abklärung, aber noch nicht spruchreif und müssen in der derzeitigen Situation besonders gut geplant werden.

Was waren für Sie während der letzten Wochen die prägendsten Momente?
Ein ganz besonderer Moment war die Kommunikation des ersten Lockdowns im März 2020. Als Geschäftsleitung gaben wir den Mitarbeitenden die Möglichkeit für Fragen und einen Austausch. Und boten unter anderem auch die Möglichkeit eines physischen Treffens im Kino Le Paris an. Es kamen fast alle ins Le Paris und wir verteilten uns im grossen Saal und trotz der Distanz war natürlich Unsicherheit deutlich spürbar, aber auch eine grosse Solidarität und ein Zusammenhalt. Das hat mich zutiefst berührt.



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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