22.02.2021

Gebeutelte Kulturbranche

Transformation, das Zauberwort der Stunde

Digitalisierung und Hybridisierung sind Schlagworte für Entwicklungen im Kulturschaffen, die mit der Coronakrise an Bedeutung gewonnen haben. Was das für die Zukunft heissen könnte, erklärt Pro Helvetia-Direktor Philippe Bischof und nennt den Prozess Transformation.
Gebeutelte Kulturbranche: Transformation, das Zauberwort der Stunde
«Wir müssen gemeinsam Modelle neu denken», sagt Bischof. (Bild: pixabay/Andreas Glöckner)

Egal, ob Film, Theater, Musik, Literatur oder bildnerische Kunst: «Kulturschaffende verlieren die Energie und haben weitgehend aufgehört ins Nichts zu planen», sagt Philippe Bischof, Direktor der Kulturförderstiftung Pro Helvetia gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Was die Zukunft betreffe, herrsche zunehmend Ratlosigkeit. «Schwebezustand» nennt er die Situation, in der die Kulturbranche derzeit steckt.

Es bestehe überall «das dringende Bedürfnis nach einer gemeinsamen Standortbestimmung, einer Auslegeordnung», so der Direktor der Kulturstiftung weiter. «Auch wenn momentan nirgends Euphorie herrscht, so sollten wir die Chancen zu nutzen, die sich in dieser Krise bieten.» Bischof sieht im Wesentlichen drei Entwicklungen, die sich nach einem Jahr Coronakrise bereits abzeichnen.

Lokal und international

An erster Stelle nennt er die Tendenz, dass das Kulturschaffen neue Wege des internationalen Austausches erfindet und dabei ökologischer wird. Als Beispiel führt er das Stück «Profil» am Théâtre Vidy in Lausanne an, in dem der Hauptdarsteller aus Afrika virtuell zugeschaltet wird. «So entsteht ein Spiel mit Nähe und Distanz, anstatt dass real hin und her geflogen werden muss.» In Zeiten der Pandemie werde zwangsläufig über das Verhältnis von Lokalem und Internationalem nachgedacht.

Im Netz und vor Ort

Mit der Digitalisierung hängt auch die zweite Tendenz zusammen, die Bischof ausmacht. Ursprünglich aus der Not heraus seien Veranstaltungen ins Internet verlegt worden, beispielsweise Festivals oder Podiumsdiskussionen. «Und dann haben die Veranstalter festgestellt, dass sie anderes und internationaleres Publikum erreicht haben, dass der Echoraum enorm vergrössert wurde.» Mit diesen Erfahrungen liessen sich sogenannt hybride Modelle entwickeln: Veranstaltungen, die teils im Netz und teils mit Publikum vor Ort stattfinden – laut Bischof ein zu entwickelndes Modell der Zukunft.

Schere zwischen Gross und Klein

Die dritte Tendenz: eine Schere geht weiter auf, zwischen grossen, von der öffentlichen Hand subventionierten Institutionen und freien Kunstschaffenden oder Initiativen, die überwiegend von ihren Einnahmen leben. Auch wenn die Freien auf die Coronakrise wendiger reagierten, «je länger die Pandemie mit den Shutdowns dauert, umso mehr sind diese aber in ihrer Existenz bedroht.» Vor diesem Hintergrund müsste, so Bischof, die soziale Sicherheit im Kultursektor zum dringlichen Thema werden.

Und was fängt Bischof nun mit den von ihm ausgemachten Tendenzen an? Als Direktor der Kulturförderstiftung Pro Helvetia spricht er «eine deutliche Einladung zur Transformation» aus und richtet sich damit an die Politik wie die Kulturschaffenden: «Transformation im Sinn von: Förderung digitaler Kompetenzen, um den gegenwärtigen Strukturwandel zu bewältigen, und im Sinn von: weg von teils veralteten Idealbildern hin zu neuen Szenarien».

So müssten etwa Förderkriterien überdacht oder Fragen in den Mittelpunkt gestellt werden, wie Inhalte künftig vermittelt werden: Sollen, fragt Bischof, etwa Tanzkompanien auch für ihre Recherchearbeit finanziell unterstützt werden, anstatt wie bisher das Modell «Easyjet» mit zahlreichen Tourneedaten zu forcieren? «Wir müssen gemeinsam Modelle neu denken», sagt Bischof. Und da ist es wieder, das dringende Bedürfnis nach einer Standortbestimmung. (sda/lol)



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