30.11.2014

Frankreich

Twitter statt Balzac

Literatur verliert in Frankreich an Stellenwert.

Lange Zeit war Literatur das Fundament der französischen Bildung - doch Blogs, Kurzbotschaftendienste wie Twitter und soziale Netzwerke stellen diese Tradition heute in Frage.

Die Diskussion erreichte kürzlich einen Höhepunkt, als Bildungsministerin Fleur Pellerin öffentlich zugeben musste, keinen einzigen der rund 30 Romane von Nobelpreisträger Patrick Modiano gelesen zu haben.

Das Geständnis sorgte für erstaunte bis empörte Reaktionen bei den Eliten. Schliesslich ist die 41-jährige Pellerin Bildungsministerin eines Landes, das mit Modiano bereits den 15. Literaturnobelpreisträger hervorgebracht hat - mehr als jeder andere Staat.

"Das ist unmöglich, eine Schande", ereiferte sich der aus Marokko stammende französische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun. "Aber wir leben in einer Zeit, in der die Kultur mit Füssen getreten wird", klagte Jelloun.

Manche sehen's gelassen
Der Schweizer Philosoph und Literaturprofessor Yves Citton sieht das gelassener. "Das Internet hat die Grenzen zwischen niedriger und hoher Kultur verwischt, und dies ist eine gute Sache", meint er. In den vergangenen 20 Jahren sei der Zugang zu Informationen regelrecht explodiert. Dies sollte als Chance gesehen werden, "sogar für die französische kulturelle Tradition".

Das Internet sei durchaus ein gutes Werkzeug, wenn es richtig gebraucht wird, plädiert auch der französische Literaturprofessor Pierre Bayard für Toleranz. Im Übrigen gebe es verschiedene Arten, mit Literatur umzugehen und nicht nur den "einen Pfad", der bisher gelehrt werde: ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen. "Wir können es auch kurz überfliegen, durchblättern, oder eben nicht zu Ende lesen." Diese Art des kreativen Umgangs müsse mehr als bisher gelehrt werden.

"Wir erleben das Ende der Vordenker", wie es die grossen Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts gewesen seien, meint indes der Geschichtsprofessor Michel Winock. Neue Lesegewohnheiten hätten zu mehr Individualismus geführt. "Jeder hat heute seine Meinung und kann sie äussern, es gibt kein Halten mehr".

Allgemein wird weniger gelesen
Unstrittig ist, dass die Lektüre selbst im traditionell literaturbegeisterten Frankreich an Terrain verliert: Gemäss einer Erhebung des nationalen Statistikinstituts INSEE ist die Zeit, welche die Franzosen mit Lesen verbringen - einschliesslich des Lesens im Internet - seit 1986 um ein Drittel zurückgegangen.

Die Zeiten, als das öffentliche Fernsehen in Frankreich an jedem Freitagabend
zur besten Sendezeit die beliebte Literatursendung "Apostrophes" ausstrahlte,
sind lange vorbei. 15 Jahre lang interviewte der französische Literaturkritiker
Bernard Pivot über 75 Minuten namhafte Schriftsteller aus aller Welt - und zog
damit bis zu zwei Millionen Zuschauer pro Abend an.

Doch 1990 war Schluss damit - eine ähnliche Sendung hat heute keiner der
grossen Fernsehsender mehr im Programm. (sda)


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