27.11.2019

Buch über Pfarrer Sieber

«Viele erinnerten sich spontan an eine Begegnung»

Der Werber Rolf Bootz und der PR-Experte Hugo Engeler haben in einem Buch 40 Geschichten über Pfarrer Sieber gesammelt. Die beiden sprechen über überraschende und kritische Reaktionen auf ihre Anfrage nach Anekdoten.
Buch über Pfarrer Sieber: «Viele erinnerten sich spontan an eine Begegnung»
Die Macher des Buches: Hugo Engeler, Michel Bootz und Rolf Bootz (v.l.). (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Bootz, Herr Engeler, was hat Sie dazu bewogen, ein Buch über Pfarrer Sieber herauszugeben?
Rolf Bootz: Pfarrer Sieber hat das christliche Gedankengut tagtäglich in Taten umgesetzt und dies in verschiedensten Funktionen: als Seelsorger, Künstler, Bauer, Politiker Sozialarbeiter, Schriftsteller, Mediator, Anwalt, Ehemann, Vater, Tierfreund, Rhetoriker, Marketing-Genie, Züri-Bürger und überhaupt als riesiges Multitalent. Dies versuchen wir unserem Buch, das ich mit dem Buchgestalter Michel Bootz und Hugo Engeler, der für Texte und Kommunikation zuständig ist, in seiner vollen Breite aufzuzeigen.

Hugo Engeler: Solche Menschen gibt es eigentlich heute nicht mehr. Seine charismatische Persönlichkeit wollten wir in einer neuen Form würdigen. Mit 40 authentischen Geschichten und vielfältigen Facetten: erzählt von Weggefährten, Betroffenen, Politikern und Künstlern.                                  

Jetzt sind sie beide aus der Kommunikationsbranche. Haben Sie Ernst Sieber, der im vergangenen Jahr verstarb, persönlich gekannt?
Bootz: Nein. Da ich in Zürich aufgewachsen bin konnte ich aber alles hautnah miterleben, vor allem das Drogenelend am Letten. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Sieber hat bei der Räumung der ganzen Szene eine wichtige Rolle gespielt, indem er viele der Süchtigen aufgesucht hat und sie kurz vor Weihnachten 1994 nach Kollbrunn gebracht hat, wo sie in einer ehemaligen Spinnerei von Adrian Gasser medizinisch betreut wurden. Das ist genau ein Vierteljahrhundert her. Sieber wurde in den Medien wie ein Heiliger beschrieben, kurze Zeit später liessen sie ihn ein Teil von ihnen wegen angeblicher finanzieller Verfehlungen in seinem Umfeld fallen. Dies hatte Sieber verletzt, machte ihn gleichzeitig auch menschlich. Er war ein «Stadtheiliger» im besten Sinn des Wortes. Im Buch ist dies alles hautnah beschrieben.

Kannten Sie ihn, Herr Engeler?
Engeler: Nein. Ich verfolgte aber seine Politik und seine fadengraden Medienauftritte vor allem bei TeleZüri immer mit grossem Interesse.

In Ihrem Buch kommen 40 Persönlichkeiten vor, die Sieber gut gekannt haben. Gab es bei deren Texte auch Überraschungen?
Bootz: Ja, ich finde die Texte des heutigen Gemeindepräsidenten von St. Moritz und Musikers Christian Jott Jenny sowie denjenigen der Rocklegende Chris von Rohr ganz speziell. Beide kannten Sieber gut. Was zeigt, dass Sieber nicht nur ein hervorragender Theologe war, sondern auch ein Faible für das Showbusiness hatte.                     

Engeler:  In den Geschichten seiner langjährigen Mitarbeiterin Hanny Seewer entdeckte ich auch seine humorvolle Seite mit leicht ironischem Unterton. Besonders berührt hat mich der Beitrag der ehemaligen Sozialreferentin und Stadträtin Monika Stocker, die mit dem Pfarrer «viele Sträusse» ausgefochten hatte. Ernst Sieber war auf seine Art ein Revolutionär, der auch immer wieder bei den Behörden aneckte. Vielfach konnte er aber seinen Kopf durchsetzen – und meist zum Guten (lacht).

Pfarrer Sieber ist vor anderthalb Jahren gestorben. Was ist von ihm geblieben?
Bootz: Es ist sehr viel geblieben, ich denke dabei an die Stiftung mit ihrer Gesinnung und Tatkraft. Damit ist er eigentlich unsterblich geworden. Sein Lebensmotto «Kämpft weiter, ich hab‘s heiter» haben wir als Buchtitel verwendet, weil es Siebers Lebenshaltung treffend umschreibt. Weniger bekannt war sein künstlerisches Schaffen. Oftmals hat er sich in sein Haus am Sihlsee zurückgezogen und hat gemalt. Seine Bilder und Skulpturen, die erstmals in unserem Buch zu sehen sind, beweisen eindrücklich sein grossartiges Talent in diesem Bereich.

Gab es auch kritische Stimmen?
Bootz: Ich hatte nur ein Erlebnis mit einem Journalisten, der Sieber in den neunziger Jahren stark kritisierte und eine eigentliche Medienkampagne lostrat und überhaupt nicht gut fand, dass wir dieses Buch veröffentlichen wollen. Ansonsten stiessen wir überall, wo wir anfragten, auf offene Türen. Viele erinnerten sich spontan an irgendeine Begegnung mit dem Pfarrer und wollten diese sogleich niederschreiben. Sieber berührt die Leute immer noch, auch anderthalb Jahre nach seinem Tod. Dies ist wirklich aussergewöhnlich. Wie haben einen bunten Querschnitt von Direktbetroffenen über Mitarbeitende bis hin zu Künstlern und Politikern, die mit ihm zu tun hatten. Sieber war ja einige Jahre im Nationalrat. Das hätte sogar Stoff für viele weitere Geschichten geliefert...

Vor 40 Jahren bei den Zürcher Unruhen und vor 25 Jahren bei der Lettenräumung spielte Ernst Sieber eine sehr wichtige Rolle. Gibt es ein Sieber-Prinzip, das ihn so erfolgreich machte?
Engeler: Er hat christliche Werte aus der Bibel als Leitgedanken in die Tat umgesetzt. Zugleich war er ein Marketing-Genie mit Visionen, die er eisern verfolgte. Seine Anliegen verankerte er bei den Menschen mit Symbolen und einprägsamen Worten: «Betten statt Letten» oder «Sorgen ertrinken nicht im Alkohol. Sie können schwimmen.» Unvergesslich sind auch Bilder, wie er sich mit seinem Esel auf der Quaibrücke während den Zürcher Unruhen zwischen die Polizei und Demonstranten stellte und damit eine Eskalation verhinderte. Ähnliches passierte auf dem Platzspitz und dem Letten.

Am Donnerstag ist die Vernissage. Wer ist eigeladen?                                                                   
Bootz: Die Vernissage in der Wasserkirche beim Helmhaus direkt am Limmatquai ist öffentlich. Geladene Gäste sind alle Autoren, Sponsoren, Exponenten der Stadt Zürich und der Stiftung Sozialwerk Pfarrer Sieber und die vielen kleinen, aber wichtigen Helferinnen und Helfer. Christian Jott Jenny und Toni Vescoli werden die Vernissage musikalisch bereichern. Politikerinnen wie Monika Stocker, Monika Weber und Christoph Blocher haben ihr Kommen zugesagt. Und vor allem möchte ich seine Tochter Ilona erwähnen, die die Fackel ihres Vaters weiterträgt. Ich glaube, es könnte eine Veranstaltung werden, wie sie Ernst Sieber gefallen hätte: bunt, originell, lebhaft und vielleicht auch ein bisschen chaotisch. Und dies unmittelbar beim Zwingli-Denkmal, einem Ort, der für Ernst Sieber sehr wichtig war und wo er vor 25 Jahren zu einer Demo für seine Anliegen aufgerufen hatte. Das ist ein sehr gutes Omen.


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Die Vernissage des Buchs «Kämpft weiter, ich hab‘s heiter» findet am Donnerstagabend, um 17.30 Uhr in der Zürcher Wasserkirche statt und ist öffentlich. Bekannte Persönlichkeiten wie Ilona Sieber, Monika Stocker oder Christoph Blocher sind vor Ort. Toni Vescoli und Christian Jott Jenny werden auch auftreten und Lieder singen. 



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