08.12.2019

Human Rights Film Festival

«Wir zeigen Themen, die uns alle betreffen»

Katharina Morawek ist Präsidentin des Human Rights Film Festivals in Zürich. Bei einem Treffen spricht sie über das schlechte Gewissen, unsexy Weltverbesserungen und warum weisse alte Männer nicht immer schlecht sind.
Human Rights Film Festival: «Wir zeigen Themen, die uns alle betreffen»
«Es ist wichtig, für Räume zu kämpfen, in denen den Mächtigen den Spiegel vorgehalten werden kann. Diese Haltung findet man in vielen Filmen des Festivals immer wieder», sagt Katharina Morawek. (Bild: zVg.)
von Loric Lehmann

Frau Morawek, was sind die Aufgaben der Präsidentin des Human Rights Film Festivals?
Ich beschäftige mich gemeinsam mit dem Vorstand zum Beispiel mit der Frage, an welche Öffentlichkeiten wir uns richten. Wir sind daran interessiert, ein breites Publikum anzusprechen und nicht nur jene, die schon Bescheid wissen. Wir wollen nicht nur zeigen, wie in weit entfernten Ländern Menschenrechtsverletzungen geschehen, sondern auch, wo die Schweiz involviert ist.

Ist man als Menschenrechtsfestival nicht der Buhmann, der mit dem Finger auf Missstände zeigt, so dass die Leute sich ab all den Ungerechtigkeiten auf der Welt schlecht fühlen?
Viele Filme zeigen positive Dinge. Zum Beispiel eine jüdische Anwältin in Israel, die palästinensische politische Gefangene vertritt. Sie bezeichnet sich selbst als «losing lawyer», als eine, die dauernd verliert. Aber der Film zeigt eben, dass es sich lohnt zu kämpfen.

Macht man es sich mit so einem Festival nicht etwas einfach, indem man nur Probleme aufzeigt, aber gar nicht über Lösungen spricht?
Wir stehen in Partnerschaft mit verschiedenen NGOs. Nach einigen Filmen gibt es Podiumsdiskussionen, in denen Hilfsorganisationen erzählen, wie sie gegen Ungleichheiten vorgehen. So werden Anknüpfungspunkte gezeigt, was man selber tun kann. Dann lehnt man sich nicht einfach entspannt im Kinosaal zurück und empfindet einen wohligen Schauer, weil woanders auf der Welt etwas schiefläuft.

«Wichtig ist nicht unbedingt, ob man ein Steak mehr oder weniger isst, sondern für welche Zukunft man sich entscheidet»

Wer muss sich denn ändern, dass diese Rechte allen zukommen? Sind das Konzerne? Oder wir selber als Bevölkerung?
Wieviel CO2-Ausstoss man verursacht, hängt in erster Linie davon ab, wie finanzstark man ist. Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung sind für fast die Hälfte des CO2-Ausstosses verantwortlich, die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung für einen Zehntel. Bevor man im schlechten Gewissen versauert, muss man sich das vor Augen halten.

Dieses schlechte Gewissen ist gerade allgegenwärtig. Langsam wird uns allen bewusst, dass Fleisch essen ungerecht ist, Autofahren sowieso und nun sollten wir nicht mal mehr in die Ferien fliegen dürfen.
Das Problem liegt aus meiner Sicht tiefer, und zwar in unserem Lebensstil. Wirtschaftswachstum ist letztlich keine Garantie für Wohlstand, sondern für eine Welt, in der die soziale Kluft immer grösser wird. Der dazugehörige Lebensstil ging schon immer auf Kosten derjenigen, die nicht das Glück hatten, in einer Industrienation zur Welt zu kommen. Auto, Dauerkonsum, Flugreisen und als Krönung ein Eigenheim: Dieser Lebensstil kommt an ein Ende, auch weil die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht,

In der Schweiz geht es uns aber noch verhältnismässig gut.
In ganz vielen anderen Ländern funktioniert das aber nicht mehr. Viele meiner Bekannten in Österreich, Deutschland oder Spanien haben teilweise drei, vier Jobs und werden trotzdem keine Pension haben. Wenn wir eine lebenswerte und demokratische Zukunft möchten, dann geht es darum, andere, schonendere Lebensmodelle zu finden. Wir sehen eine Generation, die unter dem Motto «Fridays for Future» für ihr Recht auf Zukunft kämpft. Wichtig ist also nicht unbedingt, ob man ein Steak mehr oder weniger isst, sondern für welche Zukunft man sich entscheidet.

«Uns ist es wichtig Blickwinkel von Leuten einzubringen, die nicht vier Schweizer Grosseltern haben und aus der Mittelklasse kommen»

Kann man das auch als Ziel des Festivals bezeichnen?
Eines der Ziele ist, genau diese Themen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Menschenrechte und Weltverbesserung waren eine lange Zeit nicht sexy. Aber eigentlich ist es sehr simpel: Es geht um Themen, die uns alle betreffen. Zum Beispiel um jemandem, der in einer Koltan-Mine im Kongo das Erz für mein Smartphone produziert. Diese Person ist auch Teil meines Lebens, obwohl ich sie nicht kenne. Solche Geschichten darzustellen, ist ein Ziel des Human Rights Film Festivals.

Seit Ihrer Ernennung ist das Festival laut einer Mitteilung «ganz in Frauenhand». Was bedeutet das?
Das bedeutet, dass die Direktorin, die Managerin und die Präsidentin Frauen sind. Es gibt natürlich noch weitere Frauen im Team. In dem Fall ist es aber gar nicht unbedingt ein erklärtes Ziel des Festivals. Ich glaube viel mehr, dass es bereits viele gute Frauen gibt, die in diesem Bereich tätig sind.

Wie sieht die Situation in der Filmszene für Frauen aus?
Man muss sich in Erinnerung rufen, dass in den Chefetagen der Kommunikations- und Unterhaltungsbranche immer noch häufig viele Männer sitzen. Und wenn dies Männer sind, die in erster Linie ihre eigenen Netzwerke pushen, unter sich bleiben und andere Realitäten eben nicht so wichtig finden, dann ist das ein Problem. Von daher ist es uns wichtig, diese Wohlfühlperspektive zu verlassen und zum Beispiel auch die Blickwinkel von Leuten einzubringen, die nicht vier Schweizer Grosseltern haben und aus der Mittelklasse kommen.

«Einen Film auszuwählen, nur weil er von einer Frau gemacht wurde, bringt uns nicht weiter»

Sie reden von weissen alten Männern.
Ich bin nicht unbedingt ein Fan dieses Begriffs, denn er suggeriert, dass man nur bestimmte Leute zum Schweigen bringen muss, und dann ist die Welt in Ordnung. Das ist mir zu einfach. Manche weisse alte Männer haben übrigens auch Gutes bewirkt. Ich denke, es geht nicht einfach nur darum, dass die aktuellen Chefposten dieser Welt mit jenen besetzt werden, die bisher nicht diese Chance hatten. Sondern es gilt jene dafür zu finden, die verstehen, dass ihre Verantwortung eben alle betrifft und nicht die Interessen einiger weniger.

Wird bei der Filmauswahl darauf geschaut, dass auch weibliche Filmemacher ausreichend vertreten sind?
Einen Film auszuwählen, nur weil er von einer Frau gemacht wurde, bringt uns nicht weiter. Wichtiger wäre, einen Film zu zeigen, der sich inhaltlich konsequent mit dem Thema beschäftigt. Ich würde übrigens gerne mal einen Film schauen, der sich mit Entscheidungspositionen in der Filmbranche auseinandersetzt. Grundsätzlich geht es darum, Filme zu zeigen, die Dinge thematisieren, über die wir sonst nicht sprechen – und über die auch nicht berichtet wird.

Da kommen wir zum Thema Journalismus. Wo spielt dieser eine Rolle beim Festival?
In der Medienlandschaft sind Machtkonzentrationen und Abhängigkeiten ein grosses Thema. Diese machen es schwierig, über relevante Dinge zu berichten. Das ist natürlich nicht mit der Zensur in anderen Ländern vergleichbar. Trotzdem finde ich es wichtig, für Räume zu kämpfen, in denen den Mächtigen den Spiegel vorgehalten werden kann. Diese Haltung, findet man in vielen Filmen des Festivals immer wieder.

«Es ist  ein Trugschluss, dass nur viele Leute unsere Filme schauen sollten und nachher alle easy und frei von Vorurteilen sind»

Von den 29 Filmen, die gezeigt werden, handeln lediglich zwei vom Journalismus. Dieser ist doch dazu da, die Menschenrechte zu stützen. Würden Sie mir da widersprechen?
Es gibt noch andere Filme, die Aufgaben übernehmen, die ich gerade angesprochen habe. Aber in diesen beiden von Ihnen angesprochenen Filmen geht es explizit darum, wie heutzutage Öffentlichkeit funktioniert. Der Film «XY Chelsea» dreht sich um Chelsea Manning, eine bekannte amerikanische Whistleblowerin. Dabei geht es auch nicht nur um Medien, sondern darum, welche Hebel man als einzelne Person hat, um Machtstrukturen zu ändern. Nach dem Film gibt es eine Diskussion mit Adam Quadroni, dem Whistleblower, der das Bündner Baukartell aufgedeckt hat, um eben auch den Link zur Schweiz zu machen.

Auf der Website steht: «Die Filme des Human Rights Film Festivals Zurich werfen einen neugierigen, unbequemen Blick auf Menschen, die mit festgefahrenen Zuschreibungen ringen und zeigen, dass Identitäten verästelt und kompliziert sind.» Wer ist damit gemeint?
Wir sind uns Stereotypen viel zu sehr gewöhnt. Zum Beispiel weibliche Asylsuchende in Europa. Da stellt man sich gleich eine Kopftuchträgerin mit herzigen Kindern vor. Solche Klischees schaden manchmal mehr als sie Gutes tun. Damit meine ich, dass die Leute keine Widersprüche haben dürfen: Wehe, dieses Flüchtlingskind klaut einmal einen Apfel. Da ist dann gleich die Integration kaputt. Aber genau solche Widersprüche machen unser Leben aus. Nicht jeder Migrant will sein ganzes Leben nur ein Migrant sein. Mit Stereotypen wird man der Welt nicht gerecht. Die Dinge sind oft viel komplizierter. Ich denke, auch das steckt in diesem Satz.

Ist es nicht ein Problem, dass Leute mit einem ausgeprägten Schubladendenken das Festival sowieso nicht besuchen, da diese sich für ein solches, salopp formuliert, «Gutmenschentum» gar nicht interessieren?
Ich glaube, dass die meisten von uns gelernt haben, in Schubladen zu denken. Und dass uns allen langfristig etwas abhanden kommt, wenn die Welt in allzu einfachen Mustern erklärt wird. Aber Aufklärung der Andersdenkenden, egal in welche Richtung, erreicht ihr Ziel meistens nur sehr begrenzt. Es gibt in unserer Gesellschaft einfach knallharte Interessen, die darüber entscheiden, wer auf die Butterseite fällt und wer nicht. Es ist  ein Trugschluss, dass nur viele Leute unsere Filme schauen sollten und nachher alle easy und frei von Vorurteilen sind. Aber ja, das Festival hat sicher auch den Anspruch, Mainstreaming zu betreiben, um die Schubladen zu überwinden.

Wo sehen Sie das Festival in der Zukunft?
Unsere Schweiz ist nicht mehr die Schweiz von 1291 oder 1848. Sie ist eine neue Schweiz. Eine Schweiz die auch von neu dazu gekommenen Menschen mit aufgebaut worden ist. Jetzt haben wir eine gemeinsame Zukunft, es führt kein Weg zurück die Vergangenheit. Daher müssen wir schauen, dass wir alle die gleichen Möglichkeiten haben, um unser gemeinsames Leben zu gestalten. Und wir alle, die in diesem Hochleistungsland leben, haben eine Verantwortung, wie es dem Rest der Welt geht.



Das Human Rights Film Festival läuft vom 5. bis 10. Dezember im Zürcher Kosmos.



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