17.10.2016

Fabian Biasio

«Zu oft wird in Hinterzimmern gestorben»

Pizza oder Schuhe bestellen, ein Hotelzimmer oder ein Auto mieten – das Web ist voller Service-Angebote. Doch Informationen zum Sterben seien keine oder nur ungeordnet zu finden, sagt Fabian Biasio. Der Fotojournalist will mit dem Portal letztereise.ch diese Marktlücke füllen.
Fabian Biasio: «Zu oft wird in Hinterzimmern gestorben»
«Der Profitgedanke steht im Hintergrund»: Fabian Biasio über sein Start-up (Bild: Edith Hollenstein)
von Edith Hollenstein

Herr Biasio, sehen Sie im Beerdigungsgeschäft eine klarere Zukunftsperspektive als in den Medien?
Ich bin und bleibe Fotoreporter. «Letzte Reise» ist ein Webportal, das als Werkzeug eine interaktive Checkliste für die Zeit nach einem Todesfall beinhaltet. Planen müssen die Leute die Bestattung selber, aber wir möchten es ihnen einfacher machen indem wir aufzeigen, was gemacht werden muss und welche Möglichkeiten es gibt.

Was ist Ihr Ziel mit dem Start-up «Letzte Reise»
Wir möchten Menschen dazu anregen, sich früh mit dem Tod auseinanderzusetzen – und ihnen die Hilfe bieten, die wir uns in der schwierigen Zeit nach einem Todesfall gewünscht hätten. Zu oft wird in Hinterzimmern gestorben und nicht über die letzten Wünsche gesprochen. Da ist ein Wandel nötig. 

Daher haben Sie ein Unternehmen gegründet.
Ja, eine Firma schien uns der passende Rahmen für ein langfristiges Projekt in diesem Stil. Wir sehen unser Engagement als «Social Entrepreneurship»: Der Profitgedanke steht im Hintergrund. 

Dennoch benötigen Sie Geld. Wie werden Sie Erträge erwirtschaften?
Wir sehen uns als Vermittler. Unser Geschäftsmodell sind Premium-Einträge von Dienstleistern, die wir in der Checkliste präsentieren, beispielsweise von Urnentöpfern, Floristen, Sargschreinern oder Ritualgestalterinnen. Dabei möchten wir vor allem lokale Angebote präsentieren.

Damit verdienen Sie genug?
Ob wir daraus ein funktionierendes Geschäftsmodell machen können, wird sich zeigen müssen. 

Ihr Konzept basiert auf drei Pfeilern. Können Sie diese genauer erklären?
Der redaktionelle Teil erzählt Geschichten zum Thema Sterben und Tod in Form von multimedialen Reportagen. Zweitens planen wir eine Palliativ-Karte, die Anfang 2017 online gehen wird. Sie wird eine Übersicht über die etablierten Palliative-Care-Einrichtungen in der Schweiz zeigen. Video-Testimonials von Mitarbeitern und Fotos präsentieren den Ort, der für einige Patienten die letzte Station ihres Lebens sein wird.

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Und sonst?
Der dritte Teil ist die erwähnte interaktive Checkliste für Todesfälle. Um dem Besucher möglichst genaue Informationen liefern zu können, haben wir rund 1500 Deutschschweizer Gemeinden angeschrieben und sie um die Erfassung von Bestimmungen und Tarifen gebeten.

Wie kamen Sie auf diese Idee?
Mein Vater war im vergangenen Sommer schwer krank. Nach zwei Wochen im Spital hiess es: «Sie müssen sich für ein Hospiz entscheiden». Da hatte ich die Idee für ein Webportal zum Thema Lebensende. Ich wunderte mich, dass keine adäquate Übersicht über Palliative-Care-Abteilungen und Hospize existiert. «Also schaffe ich eine!», sagte ich mir. Denn ein solcher Planer hätte meine Familie bei der Suche eines geeigneten Ortes für die letzte Lebenszeit meines Vaters unterstützt. Er starb einen Tag vor seiner Überführung ins Hospiz in einem kleinen Spitalzimmer mit Ausblick auf das Mitarbeiterparkdeck. 

Mit welchen Themen wird man da konfrontiert?
Die Organisation der Abdankung wurde an mich delegiert. Fragen tauchten auf: Wie sind die Bestimmungen in der Stadt Zürich beim Bestattungsfall? Ist es erlaubt, die Asche von Verstorbenen in ein Gewässer zu streuen? Wo gibt es ein schönes Restaurant an einem Fluss, in dem eine würdige Trauerfeier im kleinsten Rahmen, wie von meinem Vater gewünscht, möglich ist? Alles Fragen, für die ein Webportal zum Thema Lebensende Antworten liefern könnte.  

Wer gehört zu Ihrem Team?
Mit dem Web- und Softwareentwickler Andreas Ley habe ich einen ausgezeichneten Partner für gefunden. Er hatte im Jahr 2000 meine erste Webseite gemacht – damals war es noch avantgardistisch, als Fotograf schon eine Homepage zu haben. Nun habe ich sogar ein eigenes Webportal – mal sehen, ob nicht auch das Modell «selbstfinanzierter Journalismus» zur Selbstverständlichkeit wird. Ich habe jedenfalls das Gefühl, in der Branche wäre etwas frischer Wind angebracht. 

Haben Sie weiterhin Zeit für fotojournalistische Projekte?
Natürlich. Jemand muss ja die guten Multimediageschichten für «Letzte Reise» produzieren. Generell gibt es beim Thema Bestattung noch viel journalistisches Potential, das ich im nächsten Jahr in Form einer Fotoreportage ausleuchte.

Wie?
Beispielsweise gibt es heute Wasser- Wind- und Himmelsbestattungen: Bei letzterer wird die Asche Verstorbener in mannshohen Raketen in den Himmel getragen und in 300 bis 400 Meter Höhe mit einer letzten, mächtigen Feuerwerksblume freigesetzt. Zum Thema Lebensende und Tod gibt es viele gute und zum Teil skurrile Geschichten.

Zum Beispiel?
Unsere erste Scrollreportage «Im Huhn begraben», die wir gemeinsam mit der Berner Ethnologin und Fotografin Regula Tschumi realisierten. Sie handelt von der geheimnisumwobenen Sargkunst in Ghana.

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In diesem Zusammenhang wird am Freitag, 28. Oktober in der Heiliggeistkapelle Luzern die Ausstellung «So ein schöner Tod? Eine fotografische Suche von Fabian Biasio» eröffnet. Sie dauert bis 5. November 2016.



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Kommentare

  • Fabian Biasio, 03.11.2016 10:26 Uhr
    Sehr geehrter Herr Mueggler Vielen Dank für Ihre Interesse an unserem Projekt. Von diesem Gerücht hören wir zum ersten Mal. Wir haben keinerlei Verbindung zu Exit und haben unser Projekt bisher ausschliesslich aus eigener Tasche finanziert. Beratende Unterstützung erhalten wir jedoch von palliative zh+sh. Transparenz ist uns sehr wichtig; wir arbeiten daran, auf unserer Webseite Details über unsere Partnerschaften zu publizieren. Freundliche Grüsse, Fabian Biasio und Andreas Ley
  • Peter Mueggler, 03.11.2016 07:47 Uhr
    Sehr geehrter Herr Biasio, In der Palliative Szene munkelt man, Ihr Webprojekt würde von EXIT gesponsert. Falls dem so ist: Weshalb keine Transparenz? Und: Warum diese Instrumentalisierung? Freundliche Grüsse, P. Mueggler
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