18.05.2020

Agenturgründung

«Atoll steht für Aufbruch und Abenteuer»

Axel Eckstein lanciert eine eigene Agentur, zusammen mit Alexander Kranz-Mars. Das erste Projekt von Atoll war gleich ein Produkt: ein Handschuhabstreifer, über den sogar internationale Medien berichteten.
Agenturgründung: «Atoll steht für Aufbruch und Abenteuer»
«Nutzen instinktiv die Nähe»: Axel Eckstein und Alexander Kranz-Mar. (Bild: Claudia Klein Photography)
von Edith Hollenstein

Herr Eckstein, Herr Kranz-Mars, wie kommen Sie auf Atoll als Namen für eine Agentur?
Axel Eckstein: Wir haben uns viele Namen überlegt und viele durchgestrichen. Atoll ging souverän durchs Ziel. Leicht aussprechbar und in vielen Sprachen gleich geschrieben und verstanden. Ein Atoll ist ein Sehnsuchtsort, steht für Aufbruch und Abenteuer, bietet aber auch den Schutz der Lagune.

Alexander Kranz-Mars: Korallenriff und schneebedeckte Berge sind eigentlich ein Widerspruch in sich, daher gefiel uns die Top-Level-Domain .cc von den Kokosinseln nicht nur besser als die Variante mit ch-Endung, sondern atoll.cc war auch noch frei.

Sie haben die Agentur kurz vor dem Lockdown gegründet. Haben Sie Ihr Geschäftsmodell nochmals überarbeiten müssen?
Eckstein: In unserem Manifest stand schon vor Ausbruch der Pandemie, dass wir hellwach sind, wenn das Unbekannte ruft. Unser Angebot scheint weiterhin zu funktionieren. Wir arbeiten ja bereits seit einiger Zeit zusammen, es fehlte noch der Firmenname. Für eine Art von Agentur, von der wir glauben, dass die Schweiz sie braucht. Jetzt umso mehr, wo sich Unternehmen an eine neue Normalität herantasten. Unterstützt durch uns als Kombination der Kombination. Business-Idee plus Umsetzung. Design plus Werbung. Text plus Art Direction. Und das Wort «digital» benutzen wir so gut wie nie, weil es selbstverständlich ist.

Welche Kunden haben Sie?
Kranz-Mars: Wir arbeiten für börsenkotierte Schweizer Unternehmen aus dem Industrie- und Dienstleistungssektor, aber auch für kleine Beautymarken, Arztpraxen, Anwaltskanzleien.

Sie wollen für «grossartige Erfahrungen sorgen». «Experience» ist doch zum Modebegriff geworden.
Kranz-Mars: Experience gab es im Prinzip schon immer. Und sie wird immer noch vernachlässigt, wenn man Interaktion nur als Schlusspunkt betrachtet. Unser Job muss sicherstellen, dass die Experience stimmt, von Anfang an und gesamthaft bei allen Berührungspunkten mit einer Marke, nicht nur bei der UX als solcher.

Wie können denn nicht nur Konsumenten gute Erfahrungen machen, sondern auch Unternehmen?
Kranz-Mars: In Marketing und Werbung spricht man gerne von Kunden als Zielgruppe oder Persona oder sagt «die Menschen», so als ob man selbst nicht dazugehöre. Wir sind alle Menschen und Kommunikation läuft in beide Richtungen. Auch Unternehmen müssen gute Erfahrungen machen – mit anderen Menschen, die ihre Marken lieben und gerne dafür Geld ausgeben. Gäste, Fans und Käufer, auf die man stolz sein kann.

Ihr Motto dabei lautet «Safe Adventure». Ist das nicht ein Widerspruch?
Eckstein: Menschen und Organisationen streben nach irgendeiner Form von Erhalt. Gleichzeitig heisst Überleben Anpassung. Und wo Veränderung ist, da ist es wieder – das Risiko. Als Agentur wollen wir diesen Gegensatz überwinden, zumindest ein Stück weit. Wir sagen nicht, teste alles zu Tode. Aber wir sagen auch nicht, sei ein furchtloser Daredevil. Risiko ist eine Tatsache, die immer vorhanden ist und gute Vorbereitung ist die beste Antwort darauf. In einem Interview mit Reinhold Messner und Arved Fuchs hiess es sinngemäss: Wenn man illusionslos und akribisch plant und sich nicht selbst belügt, dann kann man 2800 km zu Fuss und ohne Panikattacken durch die Antarktis laufen.

Glauben Sie der Vormarsch von Technologie und Automatisierung kommt an eine Grenze?
Eckstein: MarTech-Plattformen machen State-of-the-art-Lösungen für alle zugänglich, die dafür bezahlen. Je mehr Marktteilnehmer das aber tun, desto mehr verschwindet der strategische Vorteil von Technologie in einem Wettbewerbsumfeld. Wissenschaft sucht die Wahrheit, die für alle gleich ist. Wir suchen den Unterschied, der für jede Marke anders ist. Deshalb ist Kreativität auch keine Wissenschaft. Es gibt gute Gründe für unsere Entscheide, aber die Ergebnisse unserer Arbeit sind immer auch anders möglich. Und genau das ist es, das unseren Kunden den Vorsprung sichert, den sie von uns zu Recht erwarten.

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Das erste Projekt von Atoll war gleich ein Produkt. Wie kamen Sie auf die Idee mit dem Handschuhabstreifer?
Eckstein: Unsere Firmengründung fiel mit den Massnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus zusammen. Es war sofort klar: Wir wollten einen Beitrag leisten, aber auch mehr hinkriegen als ein Gimmick. Zusammen mit zwei wunderbaren Firmen aus dem Industriebereich, die gleich mit an Bord kamen, ist uns das gelungen. Das Ergebnis ist ein Tool zum hygienischen und effizienten Abziehen von Schutzhandschuhen. Die 3D-Druck-Daten stellen wir auf unserer Website gratis zur Verfügung, damit der Handschuhabstreifer überall auf der Welt lokal hergestellt werden kann. Als wir das Ding erstmals ausprobierten, waren wir begeistert, wie schnell und einfach es funktioniert.

Wie war die Resonanz?

Kranz-Mars: Wir bekamen Anfragen zum Produkt selbst und die Presse griff unsere Story auf. Zuerst berichtete das grösste US-Portal für 3D-Druck und eins in Südafrika. Dann 20 Minuten, Die Republik und weitere Medien in Europa. Und gerade twitterte das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten über «Swiss Start-up Atoll».

EcksteinNeben ihrem Nutzwert hat unsere Lösung natürlich auch Signalkraft: In Zeiten, in denen niemand die üblichen Konsumbotschaften hören will, kann Kommunikation auch so aussehen. Für uns als Agentur, aber auch für andere Unternehmen.

Wie haben Sie sich überhaupt kennengelernt?
Kranz-Mars: Der Wunsch, mehr als nur Basilikum auf dem Fensterbrett anzuzüchten, brachte uns auf die gleiche Idee: Mitglied im Familiengartenverein am Zürichberg werden. Lange bevor die Corona-Krise die Warteliste noch länger machte lernten wir uns also bei einer der Vereinssitzungen kennen.

Eckstein: Wahrscheinlich suchten wir instinktiv die Nähe zueinander, da wir mit Abstand die Jüngsten im Saal waren.

Wohin wollen Sie mit Ihrer Firma? 
Kranz-Mars: Wir lieben unseren Namen Atoll und finden, er klingt mehr wie eine Marke, der man noch ganz andere Sachen zutraut. Wir können uns vorstellen, in Geschäftsfelder vorzustossen, die kaum mit unserer jetzigen Arbeit zu tun haben, dafür aber immer mit unseren Überzeugungen.

 


Axel Eckstein ist Gründer und Partner von Atoll. Mitglied der Account Planning Group Schweiz, des ADC Schweiz und ADC Deutschland. 350 Kreativ-Awards. Stationen: Executive Creative Director bei Leo Burnett und Havas in Zürich, Art Director bei Jung von Matt in Zürich und Frankfurt und bei BBDO in Düsseldorf.

Alexander Kranz-Mars ist Gründer und Partner von Atoll. Dozent für Grafik- und Screen-Design, Buchautor und Spieleentwickler. Stationen: Inhaber von plusgestaltung, Senior Consultant bei Nose und Partner bei Crafft in Zürich. Digital Art Director bei der Stuttgarter Zeitung. Designer in London und Sydney.

Das Interview wurde schriftlich geführt.



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