Was fällt den Schweizern dieses Jahr bei der Werbe-Weltmeisterschaft in Cannes auf? Hier der fünfte und letzte Tagebuch-Eintrag, direkt von der Croisette, verfasst am Freitagvormittag von Edith Hollenstein, Redaktionsleiterin persoenlich.com:
«‹It's because we want to stay green›: Schnippisch fiel die Antwort auf meine Frage aus, warum genau der Goodie-Bag im Vergleich zu anderen Jahren so stark abgenommen hat. Die gereizte Reaktion der Empfangsdame ist verständlich: Wahrscheinlich musste sie das schon über tausend Mal beantworten – gut möglich bei rund 14'000 registrierten Festival-Teilnehmern, die Gäste nicht einmal mitgerechnet. Keine Flyer, Broschüren, Aufkleber, Radiergummis oder UBS-Sticks: Der Auftritt in den Goodie-Bags blieb dieses Jahr allen Sponsoren verwehrt (vgl. dazu auch hier).
Cannes will also grün sein. In diesem Zusammenhang steht wohl auch die Aktion von Anfang Woche, wo das Festival auf die weltweite Luftverschmutzung aufmerksam machen wollte (und damit verbunden auf den ‹Lions Health Innovation Hack› mit Fokus China). Eine handvoll Festival-Teilnehmer zog mit brombeerfarbenen Stofffetzen vor der Nase durch das pittoreske Cannes. Cannes Lions verschickte anschliessend eine Mitteilung samt Bildmaterial (vgl. unten) an alle Presse-Akkreditierten, welche aber von den Journalisten links liegen gelassen wurde.
Wie grün oder nachhaltig Cannes oder Werbung generell überhaupt sein kann, gerade heute wo sie digital und damit sehr ressourcenintensiv funktioniert, oder hier in Cannes, wo Klimaanlagen so leistungsfähig sind, dass man im ganzen Palais Fromage de Chèvre für zwei Wochen frischhalten könnte, wäre eine Frage, die sich die Branche ernsthaft stellen müsste. Doch das merken wir uns für ein anderes Mal.
In Cannes zählt nämlich nicht Grün, sondern primär Bronze, Silber, Gold und natürlich der Grand Prix. Aus Schweizer Sicht darf man sich neben den sechs Bronze-Löwen vor allem über den Gold-Löwen für Iart freuen. Die Gratulationen dafür gehen nach Basel. Es mag Iart-Gründer Valentin Spiess etwas gewurmt haben, dass er die Trophäe am Mittwochabend nicht persönlich im Scheinwerferlicht des legendären Palais de Festival entgegennehmen konnte.
Was sonst ist aufgefallen beim Besuch an der Croisette? Die Ausstellung im Untergeschoss des Palais erinnert nicht mehr unbedingt an eine Kunstmesse. In viele Arbeiten kann man sich nur per Kopfhörer und Touchscreen vertiefen.
Trotzdem gibt es einige sehr schöne Plakat- oder Illustrations-Arbeiten in der Ausstellung, wie diese von Almap BBDO Brazil für Alpargatas:
Oder diese hier:
Die Ästhetik der Arbeiten ist zwar weiterhin wichtig in Cannes, doch auch 2017 dominieren, wie in den letzten Jahren, die Tech-Konzerne nicht nur den Strand, sondern auch die Themen der ausgezeichneten Arbeiten. «Google Home of the Whopper» für Burger King zum Beispiel. Die Fast-Food-Marke machte mit einem Trick Googles Sprachassistenten zum unfreiwilligen Werbeträger. Mit dem Hin und Her über plötzlich veränderte Wikipedia-Einträge hat die Firma nicht nur die halbe Welt ins Rätseln gebracht, sondern sogar von Google eine Stellungnahme diesbezüglich abgerungen.
Was man sich punkto Verwendung von Technologie und Daten merken sollte, zeigen diese zwei Grand-Prix-Arbeiten:
Recruit Lifestyle – The Family Way (von Dentsu Y&R Tokyo)
The Bank of Aland – Aland Index (von RBK Communication Stockholm)
Natürlich geht es in Cannes noch immer um gute Ideen, die Weltklasse-Werbung ausmachen. Doch die Frage nach der Verbreitung, dem möglichst personalisierten Erreichen der Zielgruppe in der digitalisierten, stark fragmentierten Welt steht ganz klar im Zentrum.

Lesen Sie auch die Tagebuch-Einträge von:
Regula Bührer Fecker und David Schärer, Partner bei Rod Kommunikation. Aus vier Augen gewähren sie zehn Einblicke im Tagebuch #4.
Raul Serrat, Kreativchef bei Serviceplan: «Mir ist etwas aufgefallen, das so gar nicht nach neuer Welt riecht. Sondern nach Pommes frites», schreibt er im Eintrag #3 vom Donnerstag.
Dennis Lück, Kreativchef bei Jung von Matt/Limmat: «Kennt ihr das, wenn ihr eine Arbeit seht, sofort auf die Knie fallt und dreimal laut ‹Scheisse› ruft, weil es so gut ist?», schreibt Lück im Eintrag #2.
Reto Schild, Kreativchef bei Maxomedia, über den diesjährigen mickrigen Goodie-Bag ohne Sponsoren im ersten Eintrag vom Dienstag.





