21.06.2019

Cannes Lions 2019

«Die Idee muss einen längeren Atem haben»

Bill Yom ist Global Creative Director von Cheil Worldwide und Jurypräsident Innovation. Wir haben den Deutschen, der seit fünf Jahren in Südkorea lebt, an der Croisette getroffen. Ein Gespräch über Live-Präsentationen vor der Jury, Netzwerken in Cannes und südkoreanische Werbung.
Cannes Lions 2019: «Die Idee muss einen längeren Atem haben»
Bill Yom, Global Creative Director bei Cheil Worldwide und Jurypräsident Innovation vor dem Palais des Festivals in Cannes. (Bild: persoenlich.com)
von Michèle Widmer

Herr Yom, am Donnerstagabend wurden die Gewinner der Kategorie Innovation verkündet. Was macht die Grand-Prix-Arbeit «See Sound» von Area 23 so bahnbrechend?
Der Grand-Prix-Case ist phänomenal gut, weil er sich mit einem starken Insight beschäftigt: Er kümmert sich um Leute, die nicht hören können. Dann hatten die Macher die simple Idee, diese App und ein Produkt zu designen, aber das Ganze mit Youtube zu verknüpfen, um damit Gefahren erkennbar zu machen, indem man eine AI kreiert, die alle Sounds von Youtube analysiert. Zum Beispiel: Wenn bei taubstummen Menschen der Feuermelder piept, erhalten sie auf einer Mobile-App eine Warnmeldung. Diese Kombination von Youtube zu hacken und gleichzeitig benachteiligten Leuten einen Vorteil zu verschaffen – das hat zum Grand Prix geführt.


Welche Trends konnten Sie beim Jurieren in der Kategorie Innovation feststellen?
Innovation soll keine Trends setzen, sondern Probleme lösen. Die generellen Themen sind dabei häufig dieselben, also Nachhaltigkeit, oder eben die Unterstützung von Benachteiligten. Die zu lösenden Probleme sind dann aber häufig einzigartig, wie «See Sound» zeigt.

«Wichtig ist auch, dass die Idee einen etwas längeren Atem hat – sprich, dass ein Businessplan dahintersteckt»


Was ist Ihre Aufgabe als Jurypräsident?
Ich definiere, was für die Jury Innovation bedeutet und gebe somit die Richtung vor. Mir war wichtig: Wir honorieren keine Kampagnen, sondern eine Idee, die einen Impact hat und der Gesellschaft einen Nutzen bringt. Innovation heisst nicht, dass neue Technologien entwickelt werden müssen. Es können auch bestehende hinterfragt und so genutzt werden, um anderen zu helfen. Wichtig ist, dass die Idee einen etwas längeren Atem hat – sprich, dass ein Businessplan dahintersteckt und wir sehen, dass sich da jemand auch Überlegungen zu Zahlen gemacht hat.

Die Shortlist in Ihrer Kategorie wurde bereits Ende Juni verkündet. Warum?
Der Jurierungsablauf Innovation wurde von Cannes Lions wirklich schlau kreiert. Die Shortlists werden bereits früh verkündet, während dem Festival müssen die Finalisten ihre Cases vor der internationalen Jury präsentieren. Diese Live-Präsentationen sind ein essentieller Bestandteil davon, ob eine Arbeit gewinnt oder nicht.

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Warum sind die Live-Präsentationen so wichtig?
Jedes Jurymitglied hat bereits ein Bild von einer Arbeit im Kopf. Bei der Präsentation sieht man schliesslich die Macher. In diesem Jahr gibt es Fälle, da war der Film wirklich überzeugend, aber vor der Jury haben die Verantwortlichen schlicht und einfach «verkackt». Die Präsentation kam nicht ehrlich rüber, es fehlte die spürbare Überzeugung. Und gleichzeitig gibt es Cases, da denkt man zuerst «naja», und dann haut dich das Ding live einfach weg.

Warum lohnt es sich Ihrer Meinung nach Cannes zu reisen?
Zum einen ist es spannend zu sehen, wie sich die Arbeiten und auch die Kategorien über die Jahre verändern. Zum anderen ist es einfach erfrischend herzukommen und sich inspirieren zu lassen. Es ist ein Mehrwert, sich mit den Machern über ihre Kampagnen auszutauschen. Die Organisatoren des Festivals überlegen sich stetig, was sie machen können, damit sich eine Reise nach Cannes lohnt. Aus diesen Überlegungen heraus ist wohl auch die Kategorie Innovation entstanden. Seinen Case vor einer internationalen Jury präsentieren und danach mit ihr darüber diskutieren zu können, hilft ungemein.

Wie gut eignet sich die Cannes Lions, um Kontakte zu knüpfen? Und wo gehen Sie dafür hin?
Für mich ist es einfach, weil ich aus Deutschland bin. Ich treffe hier alle meine Freunde, die ich in Korea nicht sehen kann. Ich lasse mich treiben.

«Die koreanischen Agenturen sind froh, wenn sie einmal rauskommen»

Sie sind vor fünf Jahren von Deutschland nach Seoul gezogen. Bemerken die Südkoreaner Ihren Hamburg-Akzent?
Mein Koreanisch ist mehr schlecht als recht. In Südkorea bin ich Deutscher, und in Deutschland bin ich Südkoreaner (lacht).

Welche Bedeutung haben die Cannes Lions in Südkorea? Wie viele Agenturen sind hier?
Die Koreaner sind schon sehr stolz, wenn sie einen Preis gewinnen – vielleicht sogar mehr, als meine früheren Agenturen in Deutschland. Cheil ist ja Sponsor und auch mit einer grossen Delegation vertreten. Das gilt übrigens auch für die anderen asiatischen Länder. Die Reise ist für die Agenturen ja nicht ganz billig, aber Cannes Lions ist ein guter Grund und wird von der lokalen Repräsentanz supportet.

Welche bahnbrechenden Arbeiten hat Südkorea in diesem Jahr eingereicht?
Leider keine, ich wünschte es wäre anders.

Wie unterschieden sich die koreanische und die europäische Werbeindustrie?
Der Job ist der gleiche – es gilt eine Idee zu haben oder ein Problem zu lösen. Allerdings ist die Arbeitskultur ganz anders, vor allem mit Blick auf die Hierarchien. In Südkorea gibt es hauptsächlich Inhouse-Agenturen, wie Cheil eine von Samsung ist. Da wird anders gearbeitet. Insgesamt ist man in Korea von viel Innovation umgeben, es ist toll hier zu arbeiten.

«Die Bereitschaft, das Mobiltelefon zu nutzen, um sich zu filmen, ist in Asien viel höher»

Hier am Strand sind Facebook, Instagram oder Twitter präsent. Welches sind die bedeutendsten Sozialen Medien in Südkorea?
Die gleichen wie hier. Instagram ist ganz gross, und auch Facebook. Twitter eher weniger.

Überraschenderweise habe ich keine grosse TikTok-Präsenz gesehen. Wie stark wird die App in Südkorea genutzt?
Die App wird von vielen genutzt. Man merkt schon: Die Bereitschaft, das Mobiltelefon zu nutzen, um sich selbst zu filmen, ist in Asien viel höher als in Europa.

Generell seien die Menschen im asiatischen Raum gegenüber neuen technischen Entwicklungen offener. Wie erleben Sie das in Seoul?
Die Diskussion um die 5G-Technologie zeigt das ganz deutlich. Während in Deutschland noch die ersten Lizenzen verteilt werden, wird sie bei uns bereits genutzt. Man liest sogar, dass Samsung bereits an 6G forscht. Ich verstehe den ganzen Widerstand in Europa nicht. In Südkorea gab das keine Diskussionen.

Bald ist Cannes Lions 2019 wieder vorbei: Mit welchen Erkenntnissen und wie vielen neuen Kontakten fliegen Sie zurück nach Südkorea?
Als Jurypräsident habe ich Einblick in alle Kategorien. Es hilft, all die anderen Cases zu sehen und zu verstehen, wie genau man sie für Cannes Lions aufbereiten sollte. Zudem habe ich die Diskussionen mit meinen Jurykollegen sehr genossen, das wird mir fehlen. Auch die vielen Gespräche machen einfach Spass. Man sieht sich ja immer zweimal im Leben.



persoenlich.com verkündet laufend Shortlists und Gewinner des Cannes Lions Festivals an der Côte d'Azur, welches noch bis am Freitag, 21. Juni stattfindet. Alle Artikel und Interviews zu den Werbe-Weltmeisterschaften finden Sie hier.



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