06.06.2019

Cannes Lions 2019

«Projekte müssen glaubwürdig und aus einem Guss sein»

Zwei Wochen vor der Werbeweltmeisterschaft an der Côte d'Azur beurteilt Jurymitglied Dominic Sturm bereits Arbeiten in der Kategorie Design. Im Interview verrät er, welche Trends zu erkennen sind. Und er sagt, weshalb Design für den Markterfolg absolut entscheidend ist.
Cannes Lions 2019: «Projekte müssen glaubwürdig und aus einem Guss sein»
Dominic Sturm ist Mitinhaber der Agentur Fond, Dozent für Design und Präsident der Swiss Design Association. (Bild: zVg.)
von Michèle Widmer

Herr Sturm, Sie jurieren an der Côte d’Azur in der Rubrik Design mit. Welchen Stellenwert hat das Cannes Lions Festival in Ihrer Branche überhaupt?
Die Schweizer Design-Branche ist sehr vielfältig und stark fragmentiert. Für Designerinnen, die im Bereich der Kommunikation oder Werbung arbeiten, ist das Festival natürlich sehr vertraut. Bei Designern, die eher in der produzierenden Industrie tätig sind, ist es weniger bekannt. National haben für uns der Design Preis Schweiz, die Swiss Federal Design Awards und international der Red Dot und der IF Design Award sicher einen hohen Stellenwert.

Sie werden als einziger Schweizer Juror vor Ort mitentscheiden. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?
Die Swiss Design Association wurde von Cannes Lions angefragt. Wir freuen uns und fühlen uns geehrt in der Designjury mitzumachen. Neben unserem Engagement bei Cannes Lions nehmen wir Einsitz in eine Reihe von Gremien und Jurys in der Schweiz sowie im Ausland.

Zurzeit sind Sie mit der Vorjurierung beschäftigt. Wie muss man sich diese Arbeit vorstellen?
Die Vorjurierung findet online statt. Es sind rund 250 Projekte, die mit Punkten von 1 bis 9 bewertet werden. Die Arbeit ist ziemlich zeitintensiv. Ich rechne mit einem Aufwand von mehreren Tagen.

«Der Trend zu gutem Storytelling und hohem Userinvolvment sind ebenfalls klar erkennbar»


Nach welchen Kriterien gehen Sie bei der Bewertung vor?
Ich bewerte die Projekte aufgrund ihrer gesellschaftlichen, kulturellen und gestalterischen Relevanz. Die Projekte müssen zudem glaubwürdig, neuartig und formal aus einem Guss sein. Nur solche, die sich klar abheben vom Rest, erreichen eine hohe Punktzahl.

Sie sehen ja bereits jetzt die eingereichten Arbeiten in der Design-Rubrik. Sind auch Schweizer Arbeiten mit dabei?
Darauf habe ich bis jetzt noch nicht geachtet. Im offiziellen Projektbeschrieb ist das Herkunftsland jeweils leer gelassen. Für mich kommt die Qualität der Arbeiten vor der Herkunft.

Welche Trends konnten Sie bei der Beurteilung der Cases bisher erkennen?
Die Projekte, die ein glaubwürdiges Anliegen vertreten und eine gute, nachvollziehbare Geschichte erzählen, heben sich über alle Kategorien hinweg ab. Der Trend zu gutem Storytelling und hohem Userinvolvment sind ebenfalls klar erkennbar.

Design gilt für viele – sagen wir es salopp – als netter Zusatz, aber nicht unbedingt ausschlaggebend für den Erfolg eines Produktes oder eines Services. Was sagen Sie dazu?
Sie meinen Design als Aufhübschung kurz vor Schluss einer Produktentwicklung? Das bringt tatsächlich wenig. Die heutigen kurzen Zyklen, hohe Nutzeransprüche und die Veränderungen auf dem Markt und in der Gesellschaft sind dafür zu komplex und technologieabhängig. Wenn Design aber von Anfang an als integrierter, transdisziplinärer und prospektiver Gestaltungsprozess verstanden wird, ist Design absolut entscheidend für den Markterfolg.

«Designerinnen arbeiten auf Augenhöhe mit dem Management und gestalten auf strategischer Ebene die Zukunft»

Sie sind Präsident der Swiss Design Association und kennen die Branche gut. Welche Entwicklungen durchlebt Design zurzeit?
Wir beobachten als Folgen der Digitalisierung und unserer beschleunigten Gesellschaft zwei Entwicklungen: Immer komplexere digitale Technologien und Systeme führen zu tiefen Spezialisierungen mit neuen Jobbeschreibungen wie UX- und UI-Designer, Interaction- und Game-Designer. Gleichzeitig sind die ganzheitliche Sichtweise und prospektiven Methoden des Design als Innovationstreiber breit annerkannt. Business- und Social Designerinnen arbeiten auf Augenhöhe mit dem Management und gestalten auf strategischer Ebene die Zukunft. Heute arbeiten Design-Generalistinnen und Design-Spezialisten in grossen multi- und transdisziplinären Teams. Dementsprechend wandelt sich der ursprüngliche Erfindungsakt vom einzelnen Schöpfer zu einer Vielzahl von Autorinnen. Design wird in der Folge anonym und die einzelne Autorschaft weniger wichtig.  

Schon in einer Woche sitzen Sie in Cannes. Welchen Zeitplan haben Sie für die Arbeit vor Ort erhalten?
Von Mittwoch bis Sonntag werden wir jeweils von 8.30 bis 21 Uhr die Arbeiten jurieren. Am darauffolgenden Montag finden erste Pressekonferenzen und am Abend die erste Award Ceremony statt für die Kategorien Health & Wellness, Pharma, Outdoor sowie Design, Print & Publishing. Am Dienstag werde ich zurück in die Schweiz reisen, um an der Hochschule Luzern die Masterarbeiten im Bereich Design zu bewerten.  

Sie sind das erste Mal in Cannes. Mit welchen Vorstellungen und Zielen reisen Sie an die Côte d’Azur?
Ich bin sehr neugierig auf die Juryarbeit und freue mich auf spannende Begegnungen. Im Namen der Swiss Design Association werde ich mich für höchste gestalterische Qualität und für die Interessen der Schweizer Designerinnen und Designer einsetzen.


persoenlich.com berichtet vor Ort über das Cannes Lions Festival, das vom 17. bis 21. Juni 2019 stattfindet. Alle Berichte und Interviews zu den Cannes Lions 2019 finden Sie hier laufend ergänzt.



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