21.06.2014

Cannes Lions 2014

Zu viel Kreativität zum Selbstzweck

Frank Bodin, CEO von Havas Worldwide Schweiz, über seine Woche in Cannes.
Cannes Lions 2014: Zu viel Kreativität zum Selbstzweck

17. Juni 2014
Wie jedes Jahr in Cannes verbinde ich das Vergnügen mit dem Vergnügen, Emel und unsere Tochter Ayleen dabei zu haben. Der Abreisetag entpuppte sich als ein schwarzer Dienstag, so schwarz wie nur eine American Express Centurion sein kann. Beim Check-in erfuhren wir, dass deren Reise-Service Ayleen entgegen den uns geschickten Unterlagen nicht regelkonform gebucht hatte und sie nur standby war. Alle Flieger nach Nizza waren voll. Da wir keine Rabeneltern sind, die eine Vierjährige alleine am Flughafen zurücklassen, blieb nur das Auto (Achtung Unterbrecherwerbung: ein Peugeot 4007) um noch am selben Tag nach Cannes zu kommen.



Wegen des Ärgers vergass ich meine Tasche auf dem Trolley am Flughafen; ein ehrlicher Finder gab sie ab (danke!) und die Tasche inkl. Inhalt (1 Laptop, 1 iPad, 1 Lesebrille, 1 Sonnenbrille, 12 Einladungen an Events in Cannes, 857 Euro in bar, 1 Lieblingsjeansjacke) reiste einen Tag später mit unserem Zürcher Creative Director Michael Kathe nach. Zu allem wurden aus den sieben Stunden Fahrtzeit, die unser Navi errechnete, neuneinhalb wegen eines Unfalls bei Monaco.

18. bis 21. Juni 2014
Manche mögen nun meinen, dass man sich im Internet-Zeitalter eine solche Reise ersparen könne; das Festival ist inzwischen gut dokumentiert, die Spots, Case-Movies und Ausstellungen kann man sich via Computer ansehen, viele Seminare, Panels, Show-Cases usw. werden via Internet übertragen. Aber gerade die neuen technologischen Möglichkeiten machen klar, wie wichtiger denn je ein solches Festival ist: Um Menschen zu treffen. Meine Agenda ist voll. Ich hatte das Vergnügen, viele grossartige Kreative und Agentur-Leader aus aller Welt zu treffen und kennenzulernen. Auch wegen meiner neuen zusäzlichen Funktion in unserem Agenturnetzwerk zusammen mit Mark Whelan das Global Board of Creative Directors zu leiten.

Die Löwen-Ausbeute von Havas Worldwide ist erfreulich besser als letztes Jahr: Der Grand Prix von Havas Peru freut gross. Für unsere Agenturen in Zürich und Genf lag dieses Jahr leider nichts drin. Was auffällt: 1. #Hashtags #überall: #Social #Media #prägt #Kampagnen #mehr #denn #je - "Sharable Creative Campaigning" wird weiterhin bedeutend sein. 2. Auch darum werden die Formate kürzer, schneller (short cuts) - ein Trend, der in meinen Augen noch zunehmen wird. 3. Neue Technologien inspirieren viele Kampagnen. 4. Die Grenzen zwischen Promotion/Activation, Direktmarketing, PR, Media und den anderen Disziplinen sind fliessend; als Konsequenz gewinnen herausragende Kampagnen in mehreren Kategorien mehrere Löwen. 5. Schock ist out bzw. hat es schwer; positive Inhalte sind chic. 6. Unglaubwürdige Resultate bei den Zielerreichungen sind kontraproduktiv.

21. Juni 2032
Drehen wir das Zeitrad 18 Jahre zurück (vor 18 Jahren besuchte ich das erste Mal das Festival): 2 Kategorien gab es damals (Film und Press) - Smartphones und Tablets existierten nur in der Fantasie, iTunes, Google, Facebook und Co., Skype, Online-Shopping, Big Data und, und, und gab es nicht mal im Traum.

Könnten wir das Zeitrad 18 Jahre vordrehen und aus dem Blickwinkel des Jahres 2032 auf diesen Jahrgang zurückblicken, so würde unser Fazit vielleicht in etwa so ausfallen: Das Jahr 2014 war noch eines der letzten Jahre, in denen sich die Kommunikationsbranche selbst belügen konnte. Zu viel Kreativität zum Selbstzweck - 2014 wimmelte es mehr denn je von "Half-Ghosts" (Kampagnen, die zwar mit dem Segen eines Kunden gemacht wurden, deren Zweck aber nur der Gewinn von Awards sind), allen Ländern voran Brasilien. Man würde feststellen, dass dieser Zustand noch etwas angehalten hätte, sagen wir mal bis ins Jahr 2020 (eine erneute Wirtschaftskrise war der Auslöser für eine radikale Umstellung des Festivals).

Obschon 2014 mit über 37'000 Einreichungen ein neuer Teilnahmerekord in Cannes aufgestellt wurde, ist die Branche und sind ihre Paradigmen spürbar im Umbruch - es gibt zu viel von allem. Eine Award-Show, die das Beste vom Besten auszeichnen und aufs Podest heben möchte, sollte zu Orientierung verhelfen, aber eher das Gegenteil ist der Fall. Mehr Kategorien denn je (17). Mehr Auszeichnungen denn je. Mehr Preisverleihungen denn je. Mehr Lärm denn je. (Und trotz vielen brillanten Ideen blieb die Fussball-WM das Thema Nummer eins.)

In der Detail-Analyse wird man vielleicht feststellen, dass Werbung aus England auch im Jahr 2014 zum intelligenteren, kreativeren gehörte (im Gegensatz zu ihrem Fussball). Ideen, die sich nicht nur in den Dienst einer Marke stellen, sondern welche der anvisierten Zielgruppe einen Nutzen bieten. Kommunikation, die nicht nur durch brillante Inhalte (was) exzellent aufbereitet auffällt (wie), sondern welche die DNA einer Unternehmung offenbart (warum).

21. Juni 2015
Aber sicher bin ich mir ebenfalls nicht, wo die Reise hingeht. Darum ist es wichtig, dass Unternehmen und Organisationen wie die Publicitas, die Swiss Film Association und der ADC Schweiz in Cannes präsent sind (danke, danke!), insbesondere auch was die Nachwuchs- und Talentförderung betrifft.

Auch darum möchte ich nächstes Jahr wieder nach Cannes reisen und mich mit den besten Leuten austauschen und messen. Wenn nötig, wieder mit dem Auto.


Frank Bodin ist Chairman und CEO von Havas Worldwide Schweiz und Präsident des ADC Switzerland.


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