06.09.2026

Employer Branding

Zürich vergibt Kampagne zu Tiefstsätzen

Für einen Stundensatz von 110 Franken erhält die Agentur Source Associates den Zuschlag für die gesamtstädtische Employer-Branding-Kampagne der Stadt Zürich. Aus der Branche kommt Kritik – von «Dumping» ist die Rede. Die Stadt verteidigt den Entscheid.
Employer Branding: Zürich vergibt Kampagne zu Tiefstsätzen
«Deine Stadt. Dein Team»: Sujets der bestehenden Employer-Branding-Kampagne der Stadt Zürich, die im Rahmen des neuen Auftrags weiterentwickelt werden soll. (Bild: KSP)

Die Stadt Zürich hat den Zuschlag für die Weiterentwicklung und Umsetzung ihrer gesamtstädtischen Employer-Branding-Kampagne vergeben. Wie aus der Publikation auf der Beschaffungsplattform simap.ch hervorgeht, erhielt die Zürcher Agentur Source Associates AG den Zuschlag. Sie habe die höchste Gesamtnote erzielt und damit das wirtschaftlich vorteilhafteste Angebot eingereicht, heisst es in der Begründung.

Für Aufsehen sorgt dabei der Preis: Gemäss Publikation offerierte Source Associates einen mittleren Stundensatz von 110 Franken (inklusive Mehrwertsteuer). Aus der Werbebranche gibt es Kritik an dieser Grössenordnung. Ein Werber spricht gegenüber persoenlich.com von Dumping. Ein anderer geht davon aus, dass 110 Franken nicht einmal den Deckungsbeitrag für einen Junior-Mitarbeiter abdecken dürften. Einen derart tiefen Ansatz könne man wohl nur anbieten, wenn die Arbeit ins Ausland verlagert werde.

Kritisiert wird zudem das langwierige Verfahren und dessen Ausgang. Die Ausschreibung auf der Beschaffungsplattform Simap habe nun, nach über einem Jahr, ihren Abschluss gefunden, kommentiert ein weiterer Werber. Er wisse nicht, wie eine Schweizer Agentur zu diesem Preis wirklich überleben könne. Offenbar gewinne man mit einem solchen Ansatz aber öffentliche Ausschreibungen.

Zwei Angebote, ein Zuschlag

Der Auftrag ist Teil eines längeren Verfahrens. Die Stadt Zürich hatte eine erste Ausschreibung für die Kampagne im September 2025 abgebrochen (persoenlich.com berichtete). Die Neuausschreibung wurde im Januar 2026 auf simap.ch publiziert, mit neuer Aufgabenstellung sowie angepassten Zuschlags- und Bewertungskriterien.

In der ersten Stufe gingen bei der Vergabestelle 23 Teilnahmeanträge ein. Davon erfüllten 21 die geforderten Mindestanforderungen hinsichtlich der Eignungskriterien, wie aus der Simap-Publikation zur Teilnehmerauswahl hervorgeht. Vier Anbieter qualifizierten sich für die zweite Stufe. Dort wurden ein Preisblatt mit Stundensätzen sowie die Bearbeitung und Präsentation mehrerer Aufgaben verlangt. Zwei der vier Anbieter zogen sich während dieser Stufe zurück – aus Gründen, die laut Stadt im Verantwortungsbereich der jeweiligen Anbieterinnen liegen. Damit standen sich am Ende nur noch zwei Angebote gegenüber, wie die Zuschlagspublikation zeigt.

Zum Vergleich: An der ursprünglichen, im September 2025 abgebrochenen Ausschreibung hatten sich noch elf Agenturen mit vollständigen Angeboten inklusive kreativer Vorarbeit beteiligt. Im neu aufgesetzten, zweistufigen Verfahren war das Feld der Bewerberinnen zwar mit 23 Teilnahmeanträgen breiter, verengte sich am Ende aber auf denselben Zweikampf.

Stadt bestätigt vertiefte Preisprüfung

Auf Anfrage von persoenlich.com bestätigt Greta Grashorn, Leiterin HR-Kommunikation und Employer Branding bei der Stadt Zürich, dass die eingereichten Stundensätze sorgfältig geprüft worden seien. Aufgrund der tiefen Preisansätze sei gestützt auf die Nachfragepflicht gemäss Artikel 38 Absatz 3 der Interkantonalen Vereinbarung über das öffentliche Beschaffungswesen (IVöB) eine vertiefte Prüfung durchgeführt worden. Die Anbieterin sei aufgefordert worden, ihre Preisgestaltung sowie die Erfüllung der Anforderungen näher zu erläutern.

Diese habe «nachvollziehbar darlegen» können, dass sie die Anforderungen des Auftrags und die Vertragsbestimmungen verstanden und bei der Preisgestaltung berücksichtigt habe, so Grashorn. Ausschlussgründe hätten sich keine ergeben. Ein erhöhtes Risiko für die Qualität der Leistungserbringung sehe die Stadt nicht: Der Zuschlag habe nicht allein auf dem Preis beruht, massgeblich seien auch die Qualifikation der Schlüsselpersonen, Referenzen sowie die Bearbeitung und Präsentation der gestellten Aufgaben gewesen. Eine genaue Gewichtung der einzelnen Kriterien nennt die Stadt nicht.

Agentur weist Dumping-Vorwurf zurück

Lukas Rüegg, Partner Strategie und Consulting bei Source Associates, weist den Dumping-Vorwurf indirekt zurück. Beim publizierten Stundensatz von 110 Franken inklusive Mehrwertsteuer handle es sich nicht um einen Einheitssatz, sondern um einen mittleren Stundensatz; je nach Leistung und Projektphase variierten die Ansätze. Das Team-Setup habe man anhand der in der Ausschreibung verlangten Projektrollen definiert. Die offerierten Sätze seien «selbstverständlich kostendeckend», was die Stadt vor dem Zuschlag detailliert nachgeprüft habe.

Zur eigenen Erfahrung mit öffentlichen Aufträgen verweist Rüegg auf «viel Erfahrung» mit der öffentlichen Hand und staatsnahen Betrieben. Die Kalkulation für die öffentliche Hand unterscheide sich «nicht grundsätzlich» von jener für private Kundschaft; Offerten seien immer transparent und basierten auf unternehmerischen Kalkulationen. Man habe an der 2025 abgebrochenen Ausschreibung nicht teilgenommen und sei «völlig unbelastet» ins neue, zweistufige Verfahren gestartet.

Kostendach deckt Agentur, Produktion und Media

Zur finanziellen Grössenordnung des Auftrags liefert die Stadt auf Anfrage zudem neue Zahlen: Für die vierjährige Vertragslaufzeit gilt ein Kostendach von jährlich 450'000 Franken, total also 1,8 Millionen Franken. Dieses Kostendach deckt allerdings nicht nur die Agenturleistung ab, sondern auch Produktion und Media inklusive Platzierung und Distribution. Ein konkretes Stundenvolumen für den Aufwand der Anbieterin wurde laut Stadt nicht definiert.


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KOMMENTARE

Andreas Felder
11.09.2026 19:23 Uhr
Wir von Rembrand waren die zweite Agentur. Unterlegen, wegen dem Preisdumping von Source Associates. Wir wiesen übrigens einen durchschnittlichen Stundensatz von CHF 180 aus. Die Stadt hat gar nicht "gedrückt" und Frau Grashorn kann auch nichts dafür. Das System ist falsch! Es werden Stundensätze mit 30% Gewichtung im Entscheid bewertet, statt ein wirkliches Angebot. Und das hat Source scheint's messerscharf erkannt. Denn: Ein Stundensatz macht noch kein Budget. Ich setze den tiefsten Preis ein, um die meisten Punkte zu holen und schreibe dann einfach mehr Stunden auf. Und dieses "Buebetrickli" hätte die Stadt Zürich als Auftraggeber erkennen müssen. Denn - und das ist allen klar: Die in der Ausschreibung geforderte Expertise und Erfahrung können nie und nimmer für CHF 110.– inkl, MwSt. und Spesen geleistet werden. Dass da etwas faul ist, hätte von den Verantwortlichen erkannt werden können.
Lea Frei
07.09.2026 21:04 Uhr
Schön wie eine Beamte, gekommen Notabene von der ZHdK, gemeinsam mit der Stadt Zürich, eine Branche zu Dumpingpreise zwingt, gleichzeitig aber bei der Stadt sonst keine Möglichkeit verpasst wird, grosszügig Geld aus dem Fenster zu werfen und noch grosszügigere Löhne zu bezahlen. Wie sollen die Agenturen zukünftig höhre Stundensätze rechtfertigen, wenn die Stadt diese auf CHF 110.- drückt?! Ist die Stadt Zürich so noch ein seriöser Kundin für weitere Aufträge in der Zukunft? Da will sich niemand mehe die Finger verbrennen.
Beat Lang
07.09.2026 19:12 Uhr
Ein herzliches Dankeschön an Source Associates! Die gesamte Schweizer Werbeszene verneigt sich ehrfürchtig vor eurem betriebswirtschaftlichen Geniestreich: 110 Franken brutto in Zürich. Für einen Ansatz, bei dem nicht einmal mehr der Velomech den Schraubenschlüssel ansetzt, serviert ihr der Stadtverwaltung eine «selbstverständlich kostendeckende» Kampagne. Danke, dass ihr der öffentlichen Hand so uneigennützig vorführt, wie billig strategische Denkarbeit in einer der teuersten Städte der Welt sein kann. Das macht künftige Honorarverhandlungen für uns alle doch gleich viel entspannter. Wir freuen uns schon auf die Kampagne: Sie wird sicher genauso wertig, wie die Stadt dafür bezahlt.
Thomas Krebs
07.09.2026 17:49 Uhr
Bedenklich, dass zwei der vier Agenturen aus Runde 2 ausgestiegen sind. Wer die Ausschreibungen der öffentlichen Hand kennt, ahnt, dass in dieser Phase wohl weltfremde Ansprüche an die Agenturen gestellt worden sind. Nur so kann ich mir erklären, dass 2 Agenturen, die bereits den Aufwand aus Runde 1 geleistet haben, jetzt die Notbremse ziehen. Darum gilt: Grösste Vorsicht bei Simap-Ausschreibungen.
Simon Burkhardt
07.09.2026 13:34 Uhr
Schade, dass man nichts über die weiteren Agenturen und deren Kostenstruktur erfährt. Aus eigener Erfahrung mit SIMAP-Verfahren weiss ich aber auch, dass ein kontinuierlicher und konstruktiver Austausch mit dem Auftraggeber während des Auswahlprozesses kaum vorgesehen ist. Insofern sind gewisse Resultate und Kostenstrukturen vielleicht auch eine Folge des Verfahrens selbst.
Susanne Keller
07.09.2026 12:31 Uhr
Der Standort Zürich hat kein Nachfrageproblem, Bewerbungen dürften genug eintreffen. Employer Branding wirkt hier eher wie Selbstzweck als wie echter Bedarf. Vielleicht liegt das Problem aber gar nicht bei der Kampagne, sondern bei den Ansprüchen der Auftraggeberin selbst: billig und willig, statt gut und fair bezahlt. Über ein Jahr Verfahren, zwei Anläufe, am Ende ein Dumpingpreis, das ist Einkaufspolitik, kein Employer Branding.
Axel Thoma
07.09.2026 10:33 Uhr
Hier stimmt vieles nicht. "Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen." Die Frage ist, wer welches Äfflein ist. Ob das ein gutes Fundament für wirkungsvolles Employer Branding ist?
Adrian Schaffner
07.09.2026 09:53 Uhr
Mein Auto braucht manchmal einen Service. Manchmal auch nur das Auswechseln einer Batterie. Oder ab und zu mal einen neuen Reifen. Der Stundenansatz der Garage liegt bei CHF 250.-. Zieht man Werkzeug- und Platzbedarf ab, bleibt deutlich mehr als CHF 110.- Nun kann man finden, dass das viel zu viel sei. Ich kann die Reparaturen und den Service jedoch nicht selber durchführen. Mir fehlt das Know-how und schätze daher die Leistung der Mechaniker:innen. Ich spreche hier übrigens von einer VW-Ansätzen und nicht von Porsche oder Lamborghini. Die Stadt braucht bei der Employer Branding-Kampagne ebenfalls Unterstützung, weikl ihnen das Know-how und die Kapazitäten fehlen. Ein gemittelter Stundensatz von CHF 110.- lässt jedoch die Wertschätzung für das nötige Know-how vermissen.
Walti Fankhauser
07.09.2026 09:45 Uhr
Mit solchen Stundensätzen kann eine professionelle Agentur nicht vernünftig und kostendeckend arbeiten. Diese Rechnung geht nicht auf. Entweder wurden günstige Praktikanten kalkuliert, oder es wurden mehr Stunden offeriert, als später geleistet werden können. Beides fliegt dem Auftraggeber in der Zusammenarbeit als Bumerang um die Ohren. Öffentliche Organisationen – die wir notabene mit unseren Steuern finanzieren – sollen Preis und Leistung optimieren und dafür sorgen, dass professionelle Arbeit zu vernünftigen Konditionen möglich bleibt. Und nicht den Preis so lange drücken, bis gesunder Menschenverstand störend wird. Dazu gehört auch, dass sie in Marketing & Kommunikation Profis einstellen, und nicht Beamte. Darum: Liebe Agenturen, wehrt euch. Liebe Ausschreibende, bleibt vernünftig. Liebe Procurement-Leute: Schämt euch.
Peter Bräm
07.09.2026 08:54 Uhr
Greta Grashorn müsste als ehemalige Angestellte der ZHdK ja wenigsten ein Mindestmass an Verständnis für die Branche mitbringen. Es ist ein erbärmliches Beispiel das die Stadt Zürich – welche nebenbei (sehr) grosszügige Saläre an ihre Angestellte bezahlt – hier abgibt. Fast schon zynisch das es sich auch noch um die gesamtstädtische Employer-Branding-Kampagne handelt.
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