08.05.2019

Mobile Commerce

«Auch ein Seniorenportal kann zum Commerce-Kanal werden»

In der Schweiz werden 37 Prozent der Online-Einkäufe mit dem Smartphone getätigt. Und in den USA und China kommen TikTok oder Instagram als Verkaufskanal auf. Am Rande des Mobile Business Days spricht Marc Gasser von der E-Commerce-Agentur Aioma über Trends.
Mobile Commerce: «Auch ein Seniorenportal kann zum Commerce-Kanal werden»
Marc Gasser ist geschäftsführender Verwaltungsrat der E-Commerce-Agentur Aioma. (Bild: zVg.)
von Michèle Widmer

Herr Gasser*, wann haben Sie das letzte Mal etwas auf ihrem Smartphone gekauft oder damit bezahlt?
Ich beschäftige mich gerne mit neuen mobilen Angeboten und schaue dann natürlich, wie nutzerfreundlich sie sind. So habe ich kürzlich etwas beim Onlinemarkplatz Wish bestellt.

9,5 Milliarden Franken wurden 2018 im Schweizer E-Commerce-Markt umgesetzt. Davon wurden 37 Prozent auf dem Smartphone getätigt. Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich?
Weltweit werden etwa 2,32 Billionen Franken mit M-Commerce umgesetzt – 67 Prozent des Onlinehandels. Auch Skandinavien, Grossbritannien und Deutschland setzen 50 Prozent und mehr über Mobile um. Die Schweiz hat also noch Nachholbedarf.


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Woran liegt das?
Zwei Drittel vom weltweiten mobilen E-Commerce kommen aus China. Das hat sicher einen kulturellen Grund. Dort ist das Smartphone quasi der verlängerte Arm. In der Schweiz wird das sicherlich nie so werden, und das ist auch nicht schlecht. Aber trotzdem glaube ich, dass wir in der Schweiz etwas zu vorsichtig dabei sind, Neues auszuprobieren. Schweizer Unternehmen sind dabei – auch im Vergleich mit Deutschland oder UK – wenig proaktiv. Das hängt wohl auch mit den Nutzerinnen und Nutzern zusammen, die diese Innovation nur bedingt einfordern.

Welche Entwicklungen sehen Sie, die das ändern?
Die Digitale Natives kommen ins kaufkräftige Alter und ältere Personen, sogenannte Silver Surfers, sind vermehrt mit Mobile Devices unterwegs. Auf der Angebotsseite intensivieren Detailhändler ihre E-Commerce-Bestrebungen zulasten des stationären Handels. Und B2B-Produktions- und Handelsbetriebe kommen erst jetzt mit E-Commerce in Fahrt.

80 Prozent der Nutzer brechen den Kaufprozess auf dem Smartphone ab. Woran liegt das?
Wer schon einmal unterwegs auf einer mobilen Webseite eines Onlineshops eingekauft hat, weiss warum. Die Verbindung ist lahm, man muss Namen, Lieferadresse und Kontoverbindung in Felder eintippen. Das macht keinen Spass. Für Unternehmen ist es sehr aufwendig, eine App zu bauen und den integrierten Onlineshop auch noch nutzerfreundlich zu gestalten. In der Realität fokussiert man dann halt auf ersteres.

Sie sprechen technische Voraussetzungen an. Was könnte sich hier bald verändern?
Bezüglich Geschwindigkeit hilft vielleicht bald der 5G-Mobilfunkstandard, welcher die Latenz und die Ladezeiten verbessert. Gemäss Adobe könnte das alleine ab 2021 jährlich zu 11,8 Milliarden Franken Mehrumsatz im Mobile Commerce führen. Aber auch Progressive Web Apps (PWA) sollen dabei helfen, die Benutzererfahrung zu verbessern. PWAs sind Webseiten, die Merkmale besitzen, die bislang nativen Apps vorbehalten waren – wie zum Beispiel eine flüssige Navigation. Gleichzeitig stellt man auch fest, das die Seitenbesuche via Smartphones immer kürzer werden. Die Nutzer haben hohe Erwartungen und alles muss immer schnell gehen.

Welche Unternehmen im europäischen oder auch weltweiten Markt nutzen die Vorteile von E-Commerce zurzeit am besten?
Im Business-to-Consumer-Bereich sind das Marken wie Nike, Zara oder H&M. Sie haben die nötigen Mittel und probieren neue Verkaufskanäle aus. Sie haben den Weg vorgebahnt, mittlerweile können auch KMU in diese Richtung gehen und müssen nicht alles neu erfinden.

Die oben genannten Firmen nutzen in den USA seit kurzem Instagram als Verkaufskanal. Wie erfolgreich sind sie damit?
Konkrete Zahlen kenne ich nicht. Allerdings sind diese Cases schöne Beispiele für Distributed Commerce. Man baut keinen eigenen Shop, um ein Produkt zu verkaufen, sondern nutzt einen externen Kanal. Wenn meine Kunden auf Amazon sind, dann biete ich mein Produkt dort an. Tummelt sich meine Zielgruppe auf TikTok, biete ich es bald dort an. Anstatt selbst mühsam und kostenintensiv eine eigene Newsletter-Datenbank mit 500’000 Kontakten aufzubauen, gebe ich einen Teil meines Geldes besser dafür aus, diese bestehenden Ressourcen zu nutzen.

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Welche solchen Marktplätze gibt es in der Schweiz?
Amazon, Galaxus oder Brack bieten sich an. Man muss aber auch den Blick öffnen und das Produkt dort platzieren, wo es Sinn macht. Ein Beispiel dazu: Wir entwickelten für das Migros-Unternehmen Bischofszell Nahrungsmittel die E-Commerce-Lösung – ein neuer Mahlzeitendienst für Senioren. Diese Zielgruppe trifft man nicht auf Twitter oder Instagram an. Also haben wir Organisationen wie Pro Senectute oder Spitex eingebunden. Etwas überspitzt gesagt: Auch ein Seniorenportal kann zum Distributed-Commerce-Kanal werden.

Trotz all diesen Ausführungen raten Sie Unternehmen, nicht in M-Commerce zu investieren. Das müssen Sie erklären.
Oben erklärte Massnahmen auf Instagram oder Tiktok sind für alle sichtbar und es ist klar, dass sich Marken darauf stürzen. Diese kampagnengetriebene Art mit einem Unternehmen zu arbeiten, finde ich aber falsch. Wichtiger ist, zuerst die Hausaufgaben zu machen. Ich sehe häufig, dass Firmen viel Zeit und Geld in Projekte setzen, die dann am Schluss nicht gelingen. Dieses Geld hätte man dann besser darin investiert, das Unternehmen agiler aufzustellen und schrittweise strukturiert zu digitalsieren. Mit dem richtigen Fundament sind neue Projekte nur halb so aufwendig und kostenintensiv. 



* Marc Gasser ist geschäftsführender Verwaltungsrat der E-Commerce-Agentur Aioma. Er fokussiert sich seit mehr als 15 Jahren auf E-Business- und E-Commerce-Modelle im internationalen Handel. Er lebte für längere Zeit in Südkorea und pflegt seitdem eine besondere Affinität für E-Business-Modelle in China, Korea und Japan.



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