Ein riesiger Versandkarton kommt über Mittag bei der Redaktion von persoenlich.com an. Darin verpackt: schwarze Ballone. Daran hängt ein goldener Würfel mit rotem Buzzer und QR-Code. Die Neugier ist gross. Schnell ist der QR-Code gescannt, auf dem Handy erscheinen Anweisungen: Gerät einschalten und den auffällig roten Knopf drücken. Nach dem ersten Rufzeichen ist klar: Das ist ein Mobiltelefon in Würfelform. Der goldene Würfel ist ein Unikat, extra für die Redaktion angefertigt, wie sich herausstellt.
Zwei Tage später, am Zürcher Berninaplatz. Von aussen sieht man nur ein offenes Garagentor, keine auffälligen Firmenschilder, keine Schaufenster. Schwere Vorhänge schützen den Eingang vor Zugluft. Dahinter empfängt einen ein Atelier, in dem viele Ideen gleichzeitig entstehen: Der Holzfussboden ist von zahllosen Projekten gezeichnet, auf Werkbänken stehen 3D-Drucker, überall blinken Gadgets. Pflanzen teilen sich den Raum mit Roboterarmen und interaktiven Prototypen, an den Wänden hängen Skizzen, Masken und Modelle. Es ist sauber, aber nie steril – eher ein offenes Labor als ein chaotischer Bastelkeller. Auf einem Flip-Dot-Panel steht leuchtend gelb: «Willkommen! persoenlich.com».
Dominik Keusch und Otto Szabo stehen zwischen Prototypen, Skizzen und Werkzeugen. Keusch ist Robotik-Ingenieur von der ETH, Szabo Künstler von der ZHdK – zusammen sind sie Now + Wow. «Wir verbinden Kunst mit Technologie», erklärt Keusch. Der Vergleich mit der fiktiven Disney-Figur Daniel Düsentrieb liegt nah, doch er präzisiert: «Das haben wir auch schon gehört. Es ist nicht so weit entfernt, nur sind wir künstlerischer.» Szabo ergänzt: «Bei Now + Wow entsteht Einzigartiges – von 3D-Druck, Metall- und Holzarbeiten bis Elektronik, Screens mit interaktiven Sensoren und Apps. Wir denken mit den Händen und dem Kopf.»
Unikate statt Massenversand
Die Idee zu den Buzzern entsteht – wie es sich für Tüftler gehört – spontan zwischen Dusche und WC. Keusch sagt: «Für unseren Outreach mussten wir etwas Verrücktes wagen. Wir konnten nicht einfach eine E-Mail schreiben.» Statt Massen-Spam wählen sie den umgekehrten Weg: Zehn ausgewählte Kreativagenturen bekommen einen handgefertigten schwarzen Würfel, persönlich überbracht.
Die Würfel sind technische Meisterwerke: QR-Code im 3D-Druck-Relief, Mikrocontroller, Lautsprecher, Tracking-Funktionen. Keusch erzählt an einem Holz-Stehtisch mitten in der Werkstatt: «Sobald jemand den QR-Code scannt, wissen wir, welche Firma es war.» Als die ersten Würfel raus sind, wartet er gespannt am Handy.
Die Rechnung geht auf: Von den ersten zehn Würfeln melden sich acht Agenturen. «Viele meinten, so was hätten sie noch nie gesehen», erinnert sich Keusch. Die Aktion wird zwei weitere Male wiederholt, insgesamt werden 30 schwarze Würfel verschickt. Die Firma gibt es seit einem Jahr – mit durchschlagendem Erfolg.
Telefonkabine steht in Nachbars Garten – eigentlich
Der erste grössere Kundenauftrag: Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ) sucht jemanden, der eine Telefonkabine autark umbauen kann. Szabo übernimmt: «Wir wollten eigentlich eine alte Telefonkabine aus einem Privatgarten in der Nachbarschaft holen – im Tausch gegen einen Brennholzhalter, den ich extra gebaut hätte. Zwei Wochen vorher heisst es plötzlich: ‹Sorry, meine Frau will die Telefonkabine behalten.›» Szabo lacht und erzählt weiter: «Für mich war klar: Wir bauen sie selbst. Ich habe die Kabine ausgemessen, ein CAD-Modell erstellt, Metall bestellt und die gesamte Kabine geschweisst.» Das Ergebnis: Im März 2025 steht die neue Kabine als «Ent-Sorgen-Telefon» im Enge-Quartier. Wer drückt, landet direkt bei ERZ und kann Recycling-Fragen stellen. Der Tages-Anzeiger berichtet über die Aktion. Wer die Kabine gebaut hat, steht im Artikel nicht.
Für eine Migros-Mobile-Kampagne liefern Keusch und Szabo ein weiteres Beispiel für High-Speed-Engineering. Zwei Wochen bleiben für die Produktion täuschend echter orangefarbener Geräte als Requisiten. Szabo beschreibt pragmatisch: «Wir modellieren, 3D-drucken, schleifen, lackieren, machen sie unzerstörbar – und am Schluss halten sie vor der Kamera vieles aus.» Keusch fasst zusammen: «Kein anderer Dienstleister hätte so flexibel innert Tagen liefern können.» Doch in den Credits der auf persoenlich.com vorgestellten Kampagne sucht man Now + Wow vergeblich.
Ein drittes Beispiel: Für die Sunrise-Marke Swype bauen Keusch und Szabo ein komplettes Gameshow-Set, inklusive Geldbox und Dunk-Tank. «Die ursprüngliche Idee waren 200 Liter Wasser für den Tank», erzählt Szabo mit leuchenden Augen. «Aber das ergibt keinen Sinn – was tust du am Schluss mit dem Wasser?» Stattdessen setzen sie auf 6000 Schaumstoffkugeln, fügen Rauchmaschinen und farbige Akzente hinzu. Keusch: «Wir denken in Prototypen und Sicherheit – damit alles funktioniert und trotzdem Spass macht.» Der einzige Wermutstropfen für die beiden Freunde: Auch hier bleibt Now + Wow unsichtbar.
«Wer zu uns kommt, kann direkt mitexperimentieren, mitdenken, mitgestalten», betont Keusch. Das Spektrum reicht von Skulpturen über 3D-Druck bis zu interaktiven Apps und Roboter-Kunst. «Eigentlich gibt es nichts, was wir nicht hinkriegen», so Szabo. Und die Grösse der Garage in Zürich zwingt manchmal zu noch kreativeren Lösungen.
Der Blick in die Zukunft ist für Keusch und Szabo klar: Sie wollen sichtbarer werden und sich auch unabhängiger von klassischen Agenturkontakten machen. «Am liebsten würden wir als kleines, diverses Studio weiterwachsen – fünf oder sechs Leute mit ganz unterschiedlichen Skills, aber immer noch alles mit viel Herzblut und direkter Zusammenarbeit», schwärmt Keusch. Auch Szabo betont: «Uns geht es nicht darum, gross zu werden – sondern dass aus jedem Projekt etwas entsteht, worauf alle stolz sind.»
Seit Kurzem verstärkt Luca Busby das Team als Praktikant. Er sagt: «Das Praktikum hier ist extrem vielseitig – ich kann überall mitanpacken. Für mich ist das ein Labor für echte Ideen.» Busby ist Absolvent des Studiengangs Interaction Design an der ZHdK. Auf now-and-wow.com kommt er durch eine Internetrecherche. Er schickt eine Spontanbewerbung los. Keusch sieht einen Gewinn für beide Seiten: «Mit Luca kommt frischer Wind ins Studio.» Und, wie sich herausstellt, auch ein Postbote. Er war es, der das Paket bei persoenlich.com abgeliefert hat.

