23.10.2007

GDI-Studie

Einzelhandel prägt das Gesicht der Stadt

"Shopping and the City 2020".

Das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) hat eine neue Studie namens "Shopping and the City 2020" veröffentlicht. Laut Communiqué untersucht der Schweizer Thinktank in dieser, wie sich der städtische Einzelhandel in Zukunft entwickeln wird. Denn die Metropolen werden nicht nur grösser werden, sondern auch anders aussehen und neue Konzepte aufweisen: bei Verkehr, Wohnen, Arbeit -- und beim Einkaufen.

Die Kernaussage der Studie ist daher, dass der Einzelhandel das charakteristische Gesicht einer Stadt stark prägt. Er definiere nicht nur das Shopping-Angebot einer Stadt, sondern gestalte ihr öffentliches Leben, die Kultur, die Atmosphäre und das Design -- also jene weichen Standortfaktoren, die im Wettbewerb der Städte immer wichtiger werden. Der Handel kann von dieser zunehmenden Inszenierung simulierter und kontrollierter Urbanität laut GDI profitieren. Insegesamt sechs Thesen hat das GDI in der Studie formuliert.

These 1: Der traditionelle Stadtkern ist Vergangenheit, in Zukunft stehen mehrere Zentren nebeneinander.

Die Städte wachsen schnell. Und die wenigsten Zuzüger finden im traditionellen Zentrum Platz. In der Folge breiten sich die Städte aus und formieren sich zu eigentlichen Stadtregionen, an deren Peripherie laufend neue Subzentren entstehen. Obwohl also mit der Expansion der Städte eine Zentralisierung einsetzt, sind die einzelnen Metropolen dezentral gestaltet. Dies schafft lebendige, moderne Quartiere. Die Stadt gewinnt insgesamt an Attraktivität, doch gleichzeitig erwächst der traditionellen Innenstadt eine starke Konkurrenz: Diverse Stadtteile werden in Zukunft um Konsumenten, Mieter, Besucher oder Investoren buhlen.

These 2: 'Unstoring' ergänzt 'Store Concepts'.

Um sich gegen die harte Konkurrenz zu behaupten, muss sich die Innenstadt erneuern. Sie muss sich inszenieren und den Besuchern vielfältige Erlebnisse bieten. Für den Detailhandel heisst das: Entscheidend sind nicht mehr die Ladenräumlichkeit und der klassische Verkauf, sondern der Erlebnis- und Erfahrungsgewinn der Kunden – und zwar vor, während und nach dem Kauf. Ladenlokale werden zu Orten, wo man lernen und experimentieren kann, wo man Menschen trifft, sich austauscht, wo man unterhalten wird und eine angenehme Zeit verbringt. Die Konsumenten erwarten überraschende Erlebnisse, Entertainment, neue Erfahrungen – letztlich also Authentizität.

These 3: 'Social Shopping' wird wichtiger als 'Lonely Shopping'.

n den Städten der Zukunft lösen sich die traditionellen Gemeinschaften weiter auf, Individualisierung und Anonymisierung verstärken sich, es gibt mehr Singles. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Nähe, Zugehörigkeit und Verbindlichkeit. Die Stadtzentren werden zu Orten, wo sich Menschen treffen und gemeinsam etwas unternehmen – beispielsweise einkaufen. Shopping wird zum Socializing.

These 4: Die Stadt wird zum Full-Service-Anbieter. Der Handel übernimmt Zusatzaufgaben.

Einfach Produkte anzubieten, reicht nicht mehr. Es müssen aussergewöhnliche Produkte sein, und sie müssen mit einem aussergewöhnlichen Service in aussergewöhnlicher Umgebung präsentiert werden. Die völlige Ausrichtung auf den Kunden kann so weit führen, dass die Händler alle öffentlichen Funktionen und Dienstleistungen übernehmen: Sie werden zu eigentlichen Stadtstaaten. Wo der Städter einkauft, erledigt er auch seine Verpflichtungen und verbringt seine Freizeit. Der Einzelhandel wird so zu einem "Convenience-Provider" – zum konsequenten Full-Service-Anbieter.

These 5: Die grauen Städte werden grüner.

Die Städte von morgen verändern nicht nur ihre Grösse und Struktur, sondern auch ihren Charakter. Entscheidend dafür ist der gesellschaftliche Wertewandel, der ökologische Kriterien stärker ins Bewusstsein rückt. Gefordert wird eine nachhaltige Entwicklung, die Verkehr und Umweltbelastung reduziert. Die Distanzen zwischen Wohnen, Arbeiten, Unterhaltung und Einkaufen werden kürzer. Damit verschwindet das im Industriezeitalter propagierte Trennen der Lebensbereiche, und das Angebot wird verdichtet. Je höher die räumliche Dichte, desto geringer der Energieverbrauch pro Stadtbewohner. Denn nicht nur die Wege der Menschen sind in Zukunft kürzer, sondern auch die Wege der Produkte. Das ökologische Bewusstsein und technologische Innovationen ermöglichen eine erstaunliche Entwicklung: Die Landwirtschaft kommt zurück in die Stadt, Selbstversorgung wird zu einem zentralen Thema.

These 6: Reale Stadträume verschmelzen mit virtuellen – öffentliche mit privaten.

Wer eine Stadt erkunden will, wer shoppen oder Leute treffen möchte, muss nicht aus dem Haus gehen: Längst haben Städte ausgebaute Online-Auftritte. Dieser Trend geht weiter; insbesondere der Einzelhandel wird dabei zu einer Spielwiese für technische Innovationen. In Zukunft werden wir durch virtuelle Städte schlendern, in Online-Shops Produkte aus dem Regal nehmen, sie begutachten und kaufen. Reale Räume verschmelzen mit virtuellen, der ortsgebundene Handel mit dem elektronischen. Das eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten im Verkauf, sondern auch beim Service und bei der Produktentwicklung: Die Retailer können ihre Kunden jederzeit erreichen und umgekehrt. Der Austausch von Informationen, Wünschen und Kritik ist schnell und unkompliziert. Öffentliche Räume verschmelzen mit privaten.


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