17.05.2004

"Es ist kein Versagen, entlassen zu werden."

Was machen Manager, nachdem sie entlassen wurden? Der Basler Rechtsanwalt Roland Rasi (Bild) hat ein neues Betätigungsfeld entdeckt: Als Mediator berät er "gefallene" CEOs und sucht mit ihnen gemeinsam nach Zukunftsperspektiven. Rasi weiss, wovon er spricht. Als Topmanager des ehemaligen Bankvereins stellte er sich gegen die Fusion mit der Bankgesellschaft und verlor den internen Machtkampf gegen Marcel Ospel, worauf er die Bank freiwillig verliess. Das vollständige Interview erscheint im neuen "persönlich blau", "persoenlich.com" bringt Auszüge:
"Es ist kein Versagen, entlassen zu werden."

Sie beraten "gefallene" CEOs. Wie haben Sie diese "Marktlücke" entdeckt?

Durch die Häufigkeit der Fälle. Noch vor einem guten Jahrzehnt verlief der Wechsel an der Unternehmensspitze normal. Der CEO trat freiwillig oder altershalber zurück und sein Nachfolger wurde automatisch eingearbeitet. Eine amerikanische Studie zeigt, dass die heutigen Unternehmensführer durchschnittlich nur noch zwei Jahre im Amt sind, bevor sie wieder weggehen. Das hat Konsequenzen auf den Führungsstil. Wer als Chef ständig mit der möglichen Entlassung rechnen muss, verhält sich anders, als wenn er sich langfristig sicher im Sattel fühlt. Das Bild des CEOs nach aussen hat sich gewandelt. Die vielen Wirtschaftsskandale rückten die Manager in ein schlechtes Licht. Das Medien- und Öffentlichkeitsinteresse richtet sich nun verstärkt auf einzelne Personen und weniger auf deren Firmen. Wird ein CEO entlassen, gibt es drei Möglichkeiten. Er verschwindet in der Versenkung, er wechselt die Firma, um erneut in die Führungsetage aufzusteigen, oder er macht etwas vollkommen Neues. Es ist kein Versagen, entlassen zu werden. Vielleicht war nur diese Arbeitsstelle die falsche. In langen Gesprächen suchen wir nach einer geeigneten Lösung.

Was zeichnet einen entlassenen Manager aus?

Viele Manager haben nie ein ehrliches Feedback ihrer Mitarbeiter bekommen -- und auch nie eines verlangt. Deswegen schätzen sie ihre Fähigkeiten oftmals falsch ein. Auf die Frage nach den Stärken und Schwächen kommen die Antworten meist aus der Pistole geschossen: "Ich bin ein glanzvoller Kommunikator oder ein blendender Stratege." Solche Aussagen bilden den Ausgangspunkt für das Fremd-Assessment in Form eines 360°-Feedbacks. Die ehemaligen Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzten beurteilen ihren ehemaligen Chef meist anders. Plötzlich ist er nicht mehr ein blendender Kommunikator, sondern ein verschlossener, unzugänglicher Typ.

Was für CEOs haben Sie durch Ihre Tätigkeit kennen gelernt?

Es gibt alle Arten von CEOs. Nach ihrem Abgang fallen aber alle in ein riesiges Loch. Zudem haben sie aufgrund ihrer Belastung oft die eigene Familie vernachlässigt, sodass auch das private Umfeld zerrüttet ist. Wie will man eine Firma führen, wenn man nicht einmal sein Familienleben organisieren kann? Ich habe einige CEOs kennen gelernt, die während ihrer ganzen Berufstätigkeit kein einziges Buch gelesen haben!

In den letzten Jahren ist CEO in der Öffentlichkeit zu einem Reizwort geworden…

Aber erst durch die Übertreibungen in der Vergangenheit. In den Boomzeiten der Hochkonjunktur waren die CEOs die grossen Stars. Die Fixierung auf einzelne Personen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Ursprünglich war das nur in den USA der Fall, mittlerweile sind die Spitzenleute dank einer breiten Medienberichterstattung auch bei uns einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Das hat oft fatale Auswirkungen. Die Haupttätigkeit vieler Topshots konzentriert sich zunehmend mehr auf die Aussendarstellung als auf das Wohlbefinden ihrer Firma und Mitarbeiter.

Sie gelten als einer der Entdecker von Joe Ackermann, dem heutigen Chef der Deutschen Bank. Wie beurteilen Sie ihn?

Ich habe ihn als meinen Nachfolger als Sekretär von Robert A. Jeker vorgeschlagen. Ackermann überzeugte so sehr, dass keine andere Wahl blieb. In letzter Zeit aber hatte ich eher den Eindruck, dass auch Ackermann etwas "abgehoben" hat. Viele seiner Interviews und Aussagen entsprechen nicht mehr meinem Bild, das ich von ihm hatte. Andererseits lastet auf seinen Schultern ein Riesendruck.


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