13.05.2002

Interview mit Martin Heller

"Die Leute der SVP sind kulturell noch viel bodenloser als politisch", sagt der künstlerische Direktor der Expo.02, Martin Heller, im Gespräch mit "persönlich"-Autor Ludwig Hasler. Auszüge aus diesem Interview lesen Sie zum Beginn der Landesausstellung auf "persoenlich.com", die integrale Fassung findet sich im neusten "persönlich blau". Diese Sondernummer steht im Übrigen ganz im Zeichen der Expo.02: Sie beleuchtet das Marketing-Konzept; sie zeigt die Aktivitäten der wichtigsten Aussteller sowie Official Partner; und Roger de Weck zieht einen Vergleich zu früheren Landesausstellungen.
Interview mit Martin Heller

Aus dem anfänglich skeptisch bis feindselig verfolgten Martin Heller scheint ein allseits gefragter und respektierter Mann geworden zu sein. Wundert Sie das selber? Oder wollen Sie mir verraten, mit welchem "Marketing" Ihnen das gelungen ist?

Erst einmal: Die Ausstellung hat noch nicht begonnen. Und Zuneigung kann auch schnell wieder umschlagen. Aber: Ausschlaggebend für den Umschwung war sicher der lange Atem -- und die Konsistenz der Argumentation. Ich habe zwar dauernd dazugelernt, meine Grundanschauung jedoch nie korrigieren müssen. Als ich vor drei Jahren begann, musste ich mir sehr rasch ein intellektuelles Grundgefüge zurechtlegen: Was kann die Expo in unserer gesellschaftlichen Situation sein -- und was nicht? Wie verhält sie sich zu ihrer eigenen Geschichte? Die erste Grundannahme hiess: Eine Ausstellung für alle -- also weg von den berühmten fünf Prozent, die Kultur in ihrer Freizeit nutzen, hin zu praktisch hundert Prozent, also tendenziell zu allen, die in der Schweiz leben.

Damit liefen Sie der Kulturkritik auch gleich ins Messer.

Natürlich. Eine Ausstellung für alle: Das heisst normalerweise, es konzipiert einer im Glattzentrum eine Ausstellung mit Krippenfiguren -- das ist für alle. Dass einer wie ich das sagt und dem auch nachlebt, das wurde lange gar nicht verständlich. Wogegen viele wirtschaftliche Partner mir das im besten Sinne abkauften. Sie glaubten es, weil sie auch stets Einblick in die Werkstatt der Ideen hatten.

Das wird aber kaum hingereicht haben, um wirtschaftliche Partner zum Mitmachen zu überzeugen.

Als ich zur Expo kam, gab es keine Überlegung, kein Argumentarium, wie einem Wirtschaftspartner zu erklären sei, warum er mitmachen sollte. Also musste ich schleunigst etwas entwickeln, um den Geschäftsleitungen ehrlich zu sagen, was sie von unserer Expo haben können. Das ging, kurz gesagt, etwa so: Ihr könnt in der Expo -- innerhalb der geltenden Spielregeln -- zwar nicht Bandenwerbung kaufen, aber ihr könnt euch für einmal völlig anders zeigen. Ihr könnt zum Beispiel soziale Verantwortung demonstrieren. Oder ihr könnt euer Image anders positionieren, indem ihr euch mit Themen liiert. Ihr könnt von der Zusammenarbeit mit Kulturschaffenden profitieren. Zu den Designern sagten wir: Die Expo gibt euch die Chance, für einmal nicht mit eurem Produkt arbeiten zu müssen. Ihr könnt in einer Zeit, da viele Produkte verwechselbar geworden sind, vom Produkt abstrahieren und einen Wert setzen. Also Kommunikation -- nicht Handy, Arbeit -- und nicht Maschinen.

Nun beginnt das "zweite Leben" der Expo mit den Millionen von Besuchern. Und falls Ihre Ambition aufgeht, dann werden diese nicht nur das "Zusammenführen von Interessen" erleben, sondern ein Fest. Wie darf ich mir diese Festlichkeit vorstellen?

Am Anfang war für mich das Fest einfach der Charakter des Theatralischen. Als Gegenspitze gegen den geläufigen Vorwurf: Wozu eine Expo, wir leben doch im Zeitalter der Virtualität, warum muss man das überhaupt noch bauen? Die Behauptung "Fest" war dann das Insistieren darauf, dass es einen Ort braucht. Eine Ausstellung kann ich mir auch auf Umwegen aneignen, ich muss sie nicht partout gesehen haben. Aber zum Fest gibt es keine Second-hand-Realität. Wer es nicht geschmeckt hat, hat es verpasst. Das ist mit "Fest" gemeint, weniger das rauschende Fest während der ganzen Expo, sondern das Dortsein, das identitätsstiftende Moment, die Gastlichkeit -- etwas Zwangsläufiges, nicht die festliche Explosion. Mehr und mehr kam dann eine zweite Bedeutung hinzu: das Fest als Hangout. Viele der jungen Leute, die hier arbeiten, finden es einfach interessant oder scharf, eine Zeitlang hier zu sein, in dieser herrlichen Gegend, mit spannenden Leuten aus der ganzen Schweiz. Nicht weil das Projekt 37 besonders intelligent ausgedacht ist, sondern als Sprung aus dem Alltag heraus.


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen
Neue Podcast-Folge: Jetzt reinhören