31.10.2002

Designers' Saturday 2002

Präsident Peter Ruckstuhl zum Anlass vom Wochenende

Designer und Hersteller zeigen sich antizyklisch.

Am kommenden Wochenende findet in Langenthal zum neunten Mal der "Designers' Saturday" statt. Seit seiner ersten Durchführung 1987 hat sich der zweijährlich mit Symposium, B2B-Treffen und "öffentlichem Sonntag" stattfindende Anlass zur Instution entwickelt. Peter Ruckstuhl, Präsident des Designers' Saturday 2002 und Mitbegründer vom Design Center Langenthal, erkärt, was die Besucher erwartet. Das Interview:

Der 9. Langenthaler Designers' Saturday vom 1. bis 3. November macht visionäre Inhalte und wirtschaftskritische Produktkultur praktisch erlebbar. Wie wird Langenthal für drei Tage internationale Drehscheibe für Entscheider und Gestalter aller Wirtschaftssparten?

37 schweizerische und internationale Hersteller und Designer setzen in eigenen Shows ihre Entwicklungsergebnisse der letzten zwei Jahre und ihre Auffassung von Design der Zukunft in Szene. Sie definieren die Nähe von Arbeits- und Wohnsituationen sowie den Workspace der Zukunft, legen offen, welche Haltung zu ihren Produkten führte, und wie sie mit Rohstoffen umgehen. Die Besucher sind Expo-geschult und erwarten arrangierte und installierte Gedankengänge und Sachverhalte. Wir rechnen dieses Jahr mit einem hohen Niveau.

Reichen die vielen Möbelmessen nicht?

Doch, deshalb gibt es den Designers' Saturday, weil er keine Produktshow ist: Unsere ökonomische Lage zwingt alle Entscheider, in den hoch kompetitiven, gesättigten Märkten neue Marktbereiche zu erschliessen. Wir wollen die Strukturen hinter vorhandenen Produkten erkennen, sinnvollere erarbeiten, deren Relevanz zum eigenen Zielmarkt herausfinden und dadurch zu neuen Produktideen kommen können.

Klingt gut. Wie geht das praktisch?

Indem wir uns Impulsen aus Zukunftslabors ganz anderer Disziplinen öffnen. Dafür haben wir das Symposium "Begegnungen mit der Zukunft" am 1. November organisiert. Von Lidewij Edelcoort, Matthias Horx, Karl Höhner und Ian Pearson erwarten wir uns umsetzbare Ergebnisse aus den Bereichen Lifestyle und Politik, Wirtschaft, Kaufverhalten und Marktentwicklung bis 2010, Nano- und Kommunikationstechnologie. Die anschliessende Podiumsdiskussion wird geleitet von Martin Heller, dem künstlerischen Direktor der Expo.02.

Wie kommt es, dass man dafür stolze 850 Franken investieren darf?

Top-Leute erzielen Top-Honorare. Dieses Fachsymposium ist nur für entscheidungstragende Kader und Gestalter, die sich auseinandersetzen mit Zukunftstrends. Und wer will nicht profitieren von Erkenntnissen, die Forschungsteams schon heute über künftige Märkte prognostizieren können?

Das klingt sehr theoretisch.

Das soll es auch sein. Wir brauchen Brainfood, intellektuelle Anreize, wenn wir neue Produkte, Marktbereiche und Räume erschaffen wollen. Am Anfang jedes Produktes steht die Idee mit vielen Überlegungen. Praktisch wird es am 2. und 3. November - am 2. für Profis. Sie können Gespräche führen mit wichtigen Vertretern der schweizerischen und internationalen Designer-Liga und deren Herstellern. Am 3. November können das alle.

Welche Erkenntnisse darf man dabei erwarten?

Design bedeutet nicht das pure Aussehen von Oberflächen, das Etikett "Design" hat keinen elitären Anstrich. Design besagt nur, als dass etwas gestaltet wurde. Wir sehen Gestaltung unter acht Gesichtspunkten:

Erstens: Design als solches gibt es nicht. Der Begriff Design wird gegensätzlich interpretiert. Das belegen unsere Ausstellungen.

Zweitens ist Design keine Qualitätsgarantie. Jedes Produkt hat ein Design - ein gutes oder ein schlechtes eben.

Könnte man also gar nicht sagen, wie gut Schweizer Design ist?

Das Schweizer Design kann sich international sehen lassen wegen seiner professionellen Qualität. "Design" kann sich erst, und das ist unser dritter Punkt, in der persönlichen Erfahrung des Nutzers beweisen. Diese individuelle oder gruppenweise Erfahrung macht "Design" wertvoll oder wertlos. Wie Arne Jacobsen erklärte: "Das Schöne ist nicht die Form, nicht die Funktion, sondern das Dazwischen."

Viertens stellt Design eine Haltung dar. Lucius Burckhardt sagte einmal: "Der Entwerfer sorgt dafür, dass mit neuen Mitteln alles beim alten bleibt." Genau das können wir uns nicht mehr leisten. Wir müssen dazwischen und dahinter schauen und das Verborgene gestalten, bevor wir uns ans Sichtbare machen.

Was soll man sich vorstellen, wenn es doch unsichtbar ist?

Unseren fünften Punkt: Bei der Gestaltung sollten Gruppenräume, Arbeitsumgebungen, individuelle Situationen, Strukturen, Abläufe und Unternehmenskulturen hinterfragt und einbezogen werden, diese "unsichtbaren", institutionell-organisatorischen, sozialen Komponenten. Z.B.: Trägt jeder Mitarbeiter die Firmenphilosophie mit? Wie sehen die Lieferantenbetriebe von Rohstoffen aus?

Ist Design nur so gut wie eingehaltene Umweltstandards?

Ja. Hinter jedem Rohstoff stehen Menschen, die in einer Umwelt arbeiten, die noch gesund belebbar ist oder eben nicht mehr. Deshalb der sechste Design-Aspekt: Die Herkunft des Materials muss transparent und nachvollziehbar kommuniziert werden. Das führt uns zum siebten: Design beinhaltet immer eine tätige Komponente, einen aktiven Eingriff in ein Gefüge, ob materieller, geistiger oder sozialer Art. Das ist verbunden mit Verantwortung. Wer praktisch erleben will, was Leinenanbau in Ägypten bedeutet, kann sich dafür anmelden. Das wird grundlegende Auswirkungen auf späteres Kaufverhalten haben.

Kauft der Schweizer bewusst nach Qualität und Herkunft der Materialien?

Ja. Viele Design-orientierte Hersteller haben kaum Umsatzeinbussen in der Schweiz zu verzeichnen. Ganz anders in den Export-Ländern, wo wir 75 bis 90 Prozent unserer Umsätze machen. Der deutsche Markt ist nach der verblassten New Economy auch im Luxusbereich unstabil geworden und verlangt nach neuen Nischen.

Was kann der Handel tun?

Das nutzen, was der achte Punkt besagt: Design soll Lust machen. Wenn das Führerhäuschen meines Baggers zeitgemäss und freundlich gestaltet ist und meine Arbeitsabläufe berücksichtigt, macht mir meine Arbeit mehr Spass. Und worauf kommt es sonst an, als dass die Dinge uns unterstützen, und wir Freude an ihrem Gebrauch haben? Selbstverständliche Dinge können sich ordnen, wie sie wirklich sind: Ein Teppich ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Teppich, ein Stuhl bleibt ein Stuhl. Das Wichtigste im Leben sind sie letztlich nicht.

(Interview, Text: Margarete von Lupin).


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