17.03.2020

Coronavirus

Steuerämter sollen Staatsmilliarden gerecht verteilen

Der Bund bietet Direktzahlungen von 10 Milliarden Franken an. Das ist löblich, doch diese Summe werde am Ende nicht ausreichen, um den wirtschaftlichen Schaden zu decken. Ein Vorschlag von Matthias Ackeret.
Coronavirus: Steuerämter sollen Staatsmilliarden gerecht verteilen
von Matthias Ackeret

Seit heute ist Realität, was vor zwei, drei Wochen noch in den Bereich von Science Fiction gehört hätte: die Schweiz steht still. Und nicht nur unser Land, ganz Europa, ja die Welt. Vergleiche mit der Finanzkrise, Tschernobyl, dem Tsunami, ja sogar dem Ausbruch der Weltkriege werden herbeibeigezogen. Doch die Coronakrise ist anders: umfassender, unfassbarer, totaler – und das Ende (noch) nicht absehbar. Jeder ist auf seine Weise betroffen. Sei es – im schlimmeren Fall – gesundheitlich oder eben wirtschaftlich. Fokussieren wir uns auf unsere kleine Welt. Dass der Bund Direktzahlungen von 10 Milliarden Franken angeboten hat, ist löblich, doch diese Summe wird am Ende nicht ausreichen, um den wirtschaftlichen Schaden zu decken. Wahrscheinlich wird das Zehnfache nötig (Die UBS bekam 2008 6 Milliarden Franken vom Bund zur Wiederherstellung der Eigenmittel der Bank und 54 Milliarden Dollar von der Nationalbank für ihre illiquiden Wertpapiere).

Doch zurück in das Heute: Allein die Eventbranche – um ein kleines Beispiel zu nehmen – ist von der Coronakrise umfassend betroffen. 20 Prozent der Grossveranstaltungen garantieren 80 Prozent des Gesamtumsatzes. Fallen diese Grossevents weg, ist ein bedeutender Teil der Branche betroffen. Ein Blick auf den Veranstaltungskalender genügt: Bis Mitte Mai fallen alle Veranstaltungen der Kommunikations- und Marketingbranche aus. Verschiebungen auf einen späteren Zeitpunkt sind gar nicht so einfach, da die Veranstaltungsorte bereits ausgebucht sind, oder – was noch gravierender ist – die Sponsoren aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr mitmachen wollen.

Oder nehmen wir die Gastronomie: Soeben klagte mir der Besitzer einer kleinen Cafébar in Wiedikon, dass eine mehrmonatige Schliessung seines Lokals sein wirtschaftliches Ende bedeuten würde. Denn selbst in dieser Phase laufen Löhne, Sozialkosten und Mieten weiter. Oder – um ganz nah bei unserem Business zu bleiben , da Unternehmen und Auftraggeber in schwierigen Zeiten zuerst bei Werbung und Inseraten sparen, wird es die Medien- und Werbebranche im nächsten halben Jahr existentiell treffen. 

Der Staat, in guten Zeiten von den Privaten oftmals als bürokratisches Monstrum bezeichnet, ist nun plötzlich der Hoffungsträger. Das Hauptproblem, das sich dabei stellt: Wie verteilen wir die staatlichen Milliarden? Falsch wäre es, wenn man nach qualitativen oder subjektiven Kriterien entscheiden würde. Hier gäbe es am Ende nur Neid, Enttäuschungen und bad Feelings. Es wäre dem Bund zu empfehlen, ein objektives und wertfreies Kriterium zur Unterstützung der notleidenden Branchen einzuführen, analog zur indirekten Presseförderung. Der Schlüssel liegt dabei – meines Erachtens – bei den Steuerämtern. Wie wäre es, als Grundlage für die Auszahlung der staatlichen Förderungen die Steuererklärung vom letzten Jahr zu nehmen? Dies wäre ein Hebel, der funktionieren könnte und ein Mindestmass an Gerechtigkeit garantiert. Die Coronakrise könnte vieles verändern: Vielleicht erstmals Steuerämter, die helfen, anstatt zu kassieren.

 

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Kommentare

  • Hugo Engeler, 18.03.2020 14:58 Uhr
    Das ist eine praktikable Idee. Die Kulturschaffenden, die meistens in Kleintheatern auftreten sind auch besonders getroffen. Alle Auftritte weg - also Einkommen direkt auf 0! Wer hilft denen und den noch wenigen Kleinkinos?
  • Victor Brunner, 17.03.2020 17:11 Uhr
    Stimme Ackeret zu, jetzt muss geklotzt werden. Der Bund kann Milliarden aufnehmen zu 0 % Zins. Er soll dies tun, schnell und UNBÜROKRATISCH verteilen, auch wenn dann einige BetrügerInnen profitieren. Grosse Unternehehmen haben Macht und Potential die kommen zu ihrem Geld! Wichtig sind auch Selbständige, KMUs, KünstlerInnen. Es muss eine Art Marschall-Plan geben, auch mit dem Risiko von Steuererhöhungen. Gefragt ist Finanzminister BR Maurer, leider ist der auf Tauchstation wo doch Leadership gefragt wäre! Es geht um die Schweiz als Ganzes, um MENSCHEN.
  • albi matter, 17.03.2020 14:34 Uhr
    grüezi herr ackeret. einmal mehr eine tolle idee, die ich unterstützen kann! bravo! allen viel kraft & durchhaltevermögen. lg a.m.
  • Dieter Widmer, 17.03.2020 09:27 Uhr
    Herr Ackeret, die 10 Mrd. sind keine Direktzahlungen, sondern Geld, das zu vier Fünfteln für die Finanzierung der Kurzarbeit eingesetzt wird. Der Bundesrat hat gestern zusätzliches Geld in Aussicht gestellt.
  • Thomas Krebs, 17.03.2020 09:25 Uhr
    Lieber Herr Ackeret. Herzlichen Dank für diesen sehr wertvollen und guten Beitrag. Tatsächlich beschäftigen uns die existenziellen Fragen eines Arbeitgebers mehr, als die Lieferschwierigkeiten bei Toilettenpapier und Teigwaren. Hoffen wir, dass die zuständigen Ämter rasch, proaktiv und pragmatisch auf uns zukommen, um im Sinne eines "Service Public" Lösungen zu bieten. Denn diese wird es brauchen. Und zwar sehr rasch.

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