10.06.2021

20 Minuten

«Werbeverbote sind nicht zielführend»

Nächste Woche debattiert der Ständerat über die Verschärfung von Werbeverboten. Was heisst das? Wir haben bei Marcel Kohler, Geschäftsführer 20 Minuten, nachgefragt.
20 Minuten: «Werbeverbote sind nicht zielführend»
Marcel Kohler ist seit 2020 innerhalb der dezentral organisierten Struktur der TX Group Geschäftsführer von 20 Minuten. (Bild: 20 Minuten)
von Matthias Ackeret

Herr Kohler, der Ständerat diskutiert in dieser Session über eine weitere Verschärfung der Werbung für Tabakprodukte. Im Gegensatz zum Nationalrat will dieser Tabakwerbung in der Presse und auf Internetseiten, die nicht für Minderjährige bestimmt sind, verbieten. Was heisst das für 20 Minuten?
Der Bundesrat sah in seinem Entwurf einzig ein Verbot vor, wenn sich die Werbung speziell an Minderjährige richtet, namentlich «in Zeitungen und auf Internetseiten», die hauptsächlich für Minderjährige bestimmt sind. Die Variante des Nationalrates sieht nur ein Verbot etwa für Kinowerbung, Plakate vor. Der Ständerat möchte nun jedoch Werbung für Tabakprodukte, für elektronische Zigaretten und Zubehör in Zeitungen, Zeitschriften und im Internet vollständig untersagen. Damit könnte 20 Minuten keinerlei Werbung für die erwähnten Produkte mehr publizieren. 

Wie hoch ist der Anteil von Zigarettenwerbung in Ihrem gesamten Werbevolumen?
Im Jahr 2020 belief sich der Anteil an Tabakwerbung bei 20 Minuten lediglich auf 0.6 Prozent. 2021 macht der Anteil bisher 0.4 Prozent aus. Die Werbung aus der Tabakindustrie ist also für 20 Minuten eine Branche von kommerziell wenig Bedeutung. Dennoch lehne ich den Vorschlag des Ständerats entschieden ab. 

Warum?
Ich bin der Meinung, dass Werbeverbote nicht zielführend sind. Ich halte den durch den Bund eingeschlagenen Weg der freiwilligen Branchenvereinbarungen – wie beispielsweise zur Erreichung der WHO-Ziele bei Zucker und Salz – für vielversprechend. Es gibt auch im Rahmen des Aktionsplans der Schweizer Ernährungsstrategie Bestrebungen, das an Kinder gerichtete Lebensmittelmarketing auf freiwilliger Ebene zu reduzieren. Wirksamer als Werbeverbote ist sicherlich auch eine Steuerung übers Portemonnaie, beispielsweise wird das Reisen mit einer Flugticketabgabe verteuert.  

Wie gross schätzen Sie die Gefahr ein, dass schon bald weitere Werbeverbote für Fett, Zucker oder Reisen folgen werden, wie es teilweise schon in der EU Usus ist?
Ja, die Gefahr ist relativ hoch, unsere Gesetzgebung orientiert sich ja teilweise stark an den Bestimmungen der EU. 

Gibt es Bestrebungen der Schweizer Verlagshäuser, sich dagegen zu wehren?
Der Verband Kommunikation Schweiz, bei dem unsere Vermarktungsgesellschaft Goldbach vertreten ist, macht sich öffentlich gegen das vom Ständerat vorgeschlagene Werbeverbot stark. 

Spüren Sie bereits eine Erholung des Werbemarkts am Ende der Pandemie?
Es macht sich bei unseren Kunden langsam Aufbruchstimmung breit, und wir hoffen, dass sich der Werbemarkt mit den weiteren Öffnungsschritten im zweiten Halbjahr erholen wird. 

Gibt es bereits bestimmte Trends, die sich dabei abzeichnen?
Die strukturelle Verschiebung des Werbevolumens von Print zu Online hat sich während der Pandemie akzentuiert. Wir gehen davon aus, dass sich die Werbung zwar erholen wird, dass wir beim Print jedoch nicht mehr den Stand vor Corona erreichen werden. Entgegen allen Unkenrufen in der Branche möchte ich hier klarstellen: Print ist und bleibt wichtig für uns. Die abgesetzte Auflage steigt permanent und liegt aktuell bereits wieder bei knapp 500'000 Exemplaren pro Tag.

 



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