24.02.2015

Onlinekommentare

4000 Beiträge pro Tag

Onlinenutzer kommentieren Artikel rege – nicht immer ist ihre Wortwahl angemessen. Wie handhaben Redaktionen die Lawine an Leserbeiträgen? persoenlich.com hat nachgefragt.

Ein US-amerikanisches Onlinemagazin verlangt nicht für seine Inhalte Geld, sondern dafür, dass die Kommentare der Leserschaft aufgeschaltet werden. Zwei Dollar pro Tag oder 180 Dollar pro Jahr muss berappen, wer seine Meinung kundtun möchte (persoenlich.com berichtete). Damit will das Magazin «Tablet» eine anständige Diskussionskultur unter den Usern fördern.

Doch wie sieht es in den Deutschschweizer Newsportalen aus? Wie verhalten sich die Kommentatoren und wie gehen Onlineredaktionen mit aggressiven oder gar rechtswidrigen Inhalten um? Gemäss Schätzungen der Chefredaktoren von Tagesanzeiger.ch, Watson, NZZ Online, Tagblatt.ch und der TagesWoche sind 10 bis 30 Prozent der Kommentare inhaltlich unzulässig.

Themen wie Migration, Religion oder Genderfragen erhitzten die Gemüter besonders und führen auch mal zu aggressiven Äusserungen. Die Regel sei das aber nicht, sagt etwa Michael Marti, Leiter Digital und Newsnet und Mitglied der Chefredaktion des Tages-Anzeigers. Publiziert werden solche verbalen Rundumschläge aber nicht: «Eingegangene Leserkommentare werden zuerst von einem Programm auf bestimmte Wörter geprüft, die auf rassistische, ehrverletzende oder diskriminierende Inhalte hindeuten könnten», sagt Marti.

Dazu hat Newsnet eigens eine «Badwords-Liste» erstellt: Ausdrücke wie «Rassist», «Kotzbrocken», «Gesindel», aber auch Kurioses wie «Filzdecke» oder «Abonnent» sind verdächtig und werden in den Kommentaren markiert. Die vorgemerkten Beiträge werden dann manuell gesichtet und freigeschaltet. Dies erledigen freie Mitarbeiter, die täglich 3000 bis 4000 Kommentare sichten. Zudem: «Wer wiederholt gegen unsere Vorschriften verstösst, der kommt auf eine Blacklist oder kann auch gesperrt werden», so Marti.

Drohung gegen Redaktor

Trotz des enormen Aufwandes schätzt Marti die Kommentarfunktion: «Onlinenutzer geben Journalisten immer wieder wertvolle Tipps, indem sie sie auf Fehler in der Berichterstattung oder auf ein bestimmtes Thema aufmerksam machen.» Seit der Einführung der «metered Paywall» sei die Anzahl der Kommentare allerdings um rund 40 Prozent zurückgegangen. 

Auch bei NZZ Online werden Kommentare durch ein Programm und dann von Moderatoren geprüft. Einschreiten müssen diese vor allem, wenn andere Leser in angegriffen oder Diskriminierungen geäussert werden. Das sei aber nur in drei bis fünf Prozenten der Fall, sagt Lorenz König, Comunity Manager von NZZ Online. Einmal habe auch er selbst eine Drohung erhalten.

Bei Watson dürfen nur angemeldete User Kommentare verfassen. Dies führe automatisch zu weniger, aber dafür konstruktiveren Kommentare, sagt Chefredaktor Hansi Voigt. Trotzdem werden auch bei Watson Kommentare manuell überprüft, bevor sie auf die Seite kommen. Mit gutem Grund, wie Voigt erklärt: «Ich musste einmal einem Vergleich zustimmen, obwohl der Artikel juristisch einwandfrei war. Einzig in einem der unzähligen Kommentare rutschte das justiziable Wort ‹Trottel› durch.»

«Durchtränkt von Wut und Frustration»

Auch bei Tagblatt.ch müssen sich Kommentarschreiber vorab mit Vor- und Nachnamen registrieren. Die Online-Redaktion prüft jeden einzelnen Kommentar, bevor dieser auf der Seite erscheint. Die meisten Kommentare, die nicht veröffentlicht werden können, enthalten rassistische Äusserungen: «Es gibt immer wieder Beiträge, die durchtränkt sind von Wut und Frustration, ja sogar Hass – die aggressive Tonalität ist bisweilen erschreckend. Wir haben auch schon massive Drohungen via Kommentarfunktion erhalten, weil wir Beiträge nicht freigeschaltet haben», sagt Sarah Gerteis, Leiterin Online und Mitglied der Chefredaktion vom St. Galler Tagblatt. Aber auch die Wortwahl und Schreibweise lasse manchmal sehr zu wünschen übrig.

Tagblatt.ch überlege sich nun, keine Fantasienamen mehr zuzulassen. «Wer seine Meinung kundtun möchte, soll dies mit seinem richtigen Namen tun und nicht mehr die Möglichkeit haben, sich hinter einem Pseudonym zu verstecken», so Gerteis.

Bei der Basler TagesWoche kann man sich hingegen auch mit einem Pseudonym registrieren. Publiziert werden alle Kommentare, bedenkliche Beiträge werden im Nachhinein gelöscht. Das passiere aber lediglich fünf bis zehn Mal im Monat, sagt Chefredaktor Dani Winter: «Wir haben grundsätzlich eher wenige Kommentare, dafür sind sie tendenziell etwas konstruktiver als bei anderen Onlinemedien.»

Bei 20 Minuten arbeitet man nun mit der ETH an einem Programm, das heikle Kommentare automatisch erkennt und so eine Echtzeitdiskussion ermögliche, wie Peter Wälty in einem Interview mit persoenlich.com erklärt.

 

Text: Lucienne Vaudan

 

 


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