16.06.2024

Friedensgipfel

Acht Anekdoten vom Bürgenstock

Rund 500 Medienschaffende aus aller Welt haben übers Wochenende von der Ukraine-Friedenskonferenz berichtet. Auch Blick, Tages-Anzeiger, NZZ, CH Media, 20 Minuten, SRF und Keystone-SDA hatten Journalistinnen und Journalisten vor Ort. Einige teilen ihre Erfahrungen.

 

Samuel Schumacher, Auslandreporter Blick (Bild: zVg)

«Wie das Selenskyj wohl vorgekommen sein muss, dieses Kuhglockengeläut und dieser Hochglanzgipfel inmitten der alpinen Idylle... Wahrscheinlich hat der ukrainische Präsident auf dem Bürgenstock eingesehen, dass ein Land wie die Schweiz aus seiner paradiesischen Blase hinaus gar nicht verstehen kann, was Krieg bedeutet. Anders ist mir nicht zu erklären, warum er trotz der mageren Ausbeute des Gipfels so gut gelaunt wirkte. Verwundert hat mich der Eifer, mit dem manche JournalistenkollegInnen über die technischen Details der beschlossenen diplomatischen Forderungen diskutierten. Vielleicht täte es der Branche gut, wenn sich jede und jeder der Ukraine-Berichterstatter mal ins Kriegsland begäbe und sich den Horror anschauen würde, den die Russen da veranstalten. Ich bin mir ziemlich sicher: Die Lust an ellenlangen Diplomatie-Diskursen würde manchem ob der Dringlichkeit dieses monströsen Problems vergehen.»









Sebastian Ramspeck, Internationaler Korrespondent SRF (Bild: zVg)

Gipfeltreffen dienen dem Gastgeberland als Visitenkarte – auch für die Journalistinnen und Journalisten, die aus der ganzen Welt angereist sind. Das Medienzentrum des G7-Gipfels in Apulien setzte vergangene Woche die Latte hoch: komfortable Arbeitsplätze für Tausende Medienschaffende, CNN, BBC & Co. auf unzähligen Riesenbildschirmen, eine Erholungszone mit bunten Liegekissen unter Olivenbäumen, ein Fünf-Sterne-Buffet mit glutenfreien Gerichten und Burrata-Herstellung vor Publikum. Und was hatte die Schweiz zu bieten? Die Anreise: kein Vergnügen. Der erste Shuttlebus fährt am Samstag kurz nach sieben Uhr los, auf halbem Weg müssen die Passagiere zum Umsteigen aussteigen, es regnet in Strömen, kein zweiter Bus verfügbar, alle dürfen irgendwann wieder einsteigen. Auch ein paar Mitarbeiterinnen von Kamala Harris stehen minutenlang im Regen. Ein Polizist schimpft: «Nichts funktioniert.» Das Medienzentrum in der Tennishalle des Fünf-Sterne-Hotels Bürgenstock ist eng, aber zweckmässig eingerichtet, das Internet deutlich schneller als jenes in Apulien. Nicht unwichtig. Gut auch der Kontakt zu einzelnen Delegationen, bei dem das Schweizer Aussenministerium behilflich ist. Ungenügend dagegen das Catering für die Journalistinnen und Journalisten, von denen viele vom frühen Morgen bis späten Abend auf dem Bürgenstock arbeiten. Es gibt Blevita, Kägi Fret, ab und zu Sandwiches und Salat. Äs hät solangs hät. Auf ein anderes Problem weist eine indische Kollegin hin: keine Spiegel in den Toiletten. «A serious problem.» Dafür entzückt sie die Aussicht vom Bürgenstock. «Breathtaking!»






Mario Stäuble, Inlandchef Tages-Anzeiger (Bild: zVg)

Was bleibt von dieser Konferenz aus Sicht eines Reporters? Der ständige (und fast durchgehend erfolglose) Kampf um Zugang zu den 100 Delegationen. Die Gleichzeitigkeit von Recherchieren, Zuhören, Organisieren und Schreiben. Debatten mit Journalisten aus Spanien, Indien, Japan und der Ukraine. Ständig ein kalter Luftzug im Pressezentrum. Und eine Hassliebe zur «Frühlingsbowl mit Spargeln, gebratenen Kartoffeln & Quinoa» aus der Bürgenstock-Küche.






Georg Häsler, Bundeshausredaktor NZZ

«Das Setup glich zunächst einem Fussballspiel: Die Journalistinnen und Journalisten sahen sich auf eine Beobachterrolle reduziert. Keine Fragen, kein Austausch. Die ausführliche Pressekonferenz von Wolodymyr Selenskyj und die Medienkonferenz mit der Bundespräsidentin sowie EDA-Chef Cassis sorgten für einen Ausgleich: Denn ein gerechter Frieden kann nur entstehen, wenn er öffentlich diskutiert wird.»








Othmar von Matt, Politikchef Schweiz am Wochenende (Bild: zVg)

«Sobald man auf die Hochebene von Obbürgen auf 749 Metern über dem Meer gelangt, beginnt eine andere Welt. Kuhglocken bimmeln, Ruhe und Stille kehrt ein, die Alltagssorgen sind weit weg. Erreicht man dann den Bürgenstock auf 1’128 Metern, stockt einem der Atem. Eine majestätische Aussicht auf Luzern und den Vierwaldstättersee ist der Lohn. In kürzester Zeit springt man in eine andere Zeit und Welt: Das macht den Mythos Bürgenstock aus. Unter anderem deshalb hat die Regierung den Berg ausgesucht für die Konferenz zum Frieden in der Ukraine. Der Berg half mit, dass das Risiko, das die Schweiz mit der Konferenz einging, zum Erfolg wurde – und zwar zum doppelten Erfolg. Erstens präsentierten sich Behörden, Polizei, Armee und Helferinnen und Helfer in einer angespannten Weltlage von ihrer besten Seite: freundlich, unaufgeregt, immer zu einem Scherz bereit – und doch hoch konzentriert (wer auf den Bürgenstock wollte, wurde mindestens dreimal kontrolliert). Gerade was Nidwalden mit seinen 45'000 Einwohnern als Gastkanton leistete, verdient hohe Anerkennung. Zweitens hat die Schweiz mit der Konferenz einen Prozess in Bewegung gesetzt. Erstmals seit Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 wurde an einer internationalen Konferenz breit über friedensfördernde Massnahmen diskutiert. 92 Staaten nahmen teil. Dass nicht alle die gemeinsame Erklärung unterschrieben, schmälert den Erfolg nicht. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach hohes Lob aus: Die Schweiz habe ein Zeugnis all ihrer diplomatischen Fähigkeiten abgelegt.˚

 


 

Matthias Steimer, Leiter Bundeshaus elektronische Medien CH Media (Bild: zVg)

«Die halbe Welt auf dem Bürgenstock, die grösste internationale Konferenz in der Schweizer Geschichte. Wegen des globalen Interesses waren auch die Schweizer Akkreditierungen arg limitiert. Ein Privileg also, für unser Publikum dabei sein zu können. Da nahm man auch die mitunter abenteuerlichen Shuttle-Anreisen in Kauf (Sonntagmorgen: dreimal umsteigen, einmal falsch fahren, zweimal die gleiche Sicherheitskontrolle). Nun ist das Areal auf dem Bürgenstock ein weitläufiges und die Medienschaffenden waren weitgehend von den Delegationen getrennt. Es mag logistische und sicherheitstechnische Gründe gegeben haben, dass wir Programmpunkte wie die pointierten und nuancierten Reden via Bildschirm verfolgen mussten und nur wenig Begegnungsmöglichkeiten hatten – aus unserer Sicht war das aber schade. Umso erfreulicher, dass einzelne Präsidenten unverhofft im Medienbereich auftauchten und sich spontan den Fragen stellten. Und Selenskyj, der diese Konferenz wünschte, sprach noch so gerne vor uns Journalisten, die seine Botschaft in die Welt hinaustragen. Diese unmittelbare Ansprache des ukrainischen Präsidenten machte denn auch mehr Eindruck als Harris‘ oder Scholz‘ Votum, das uns in der Medienhalle auf den Screens gezeigt wurde. Denn um fernzusehen, waren wir nicht auf dem Bürgenstock. Item. Solche Arbeitseinsätze am Puls der Zeit sind unvergesslich!»

 





Ann Guenter, Chefreporterin International 20 Minuten (Bild: zVg)

«Eindrücke von der Bürgenstock-Konferenz: Mitteilungen, Mikrofone und Schweizer Schoggi für alle: Die Konferenz auf dem Bürgenstock war bestens organisiert. Die Verpflegung mit vielen Salaten war gesund und in grosser Menge vorhanden, was bei internationalen Konferenzen längst nicht immer der Fall ist. Einzig die Kühlschränke sorgten mitunter für Irritation. Sie trugen prominent das Logo einer bekannten Schweizer Brauerei, waren aber nur mit alkoholfreien Getränken gefüllt, was den einen oder anderen Kollegen dann doch etwas enttäuschte. Auf jeden Fall war die Organisation eines so grossen Gipfels für die Schweiz Neuland, das aber souverän betreten wurde. Persönlich hat mich beeindruckt, dass der Ukraine-Krieg hier auch im Kleinen zu beobachten war. Einige russische Medienschaffende sassen neben ukrainischen Journalisten und Journalistinnen. Man schien sich weitgehend zu ignorieren. Darauf angesprochen sagte der Vertreter einer russischen Nachrichtenagentur: ‹Wir haben keine Probleme mit den ukrainischen Journalisten – auch wenn wir uns nicht besonders freundlich gesinnt sind und uns gleich umarmen›. Eine ukrainische Journalistin dagegen stellte klar: An einem Gespräch mit den russischen Kollegen habe sie keinerlei Interesse, zumal diese allein die Propaganda des Moskauer Regimes wiedergeben würden. Mit all dem Leid, das der Kreml in ihrem Land verursachte, sei es ihr schlicht unmöglich, mit den russischen Kollegen zu sprechen. Die Verhärtung im Kleinen lässt tief blicken. Sie ist nachvollziehbar und stimmt doch traurig.»







Thomas Oswald, Nachrichtenchef Keystone-SDA (Bild: Michael Buholzer)

«Der Ukraine-Friedensgipfel in der Schweiz war ein aussergewöhnliches Ding. Zum einen waren da auf einen Schlag über 40 Staats- und Regierungschefs im Kurort Bürgenstock versammelt – so viele Toppolitiker gab es wohl in der Schweiz noch nie auf einmal auf einem Haufen. Und zum anderen war da die Location: Der Tagungsort im Luxusresort bot einem ein atemberaubendes Panorama mit dem Vierwaldstättersee und den Bergen von Rigi bis Pilatus. Und dies alles nach einer rustikalen Anfahrt. Ob Spitzenpolitikerin wie US-Vizepräsidentin Kamala Harris oder gewöhnlicher Agenturjournalist: Für alle Limousinen und Busse blieb kein anderer Weg hinauf als ein schmales, steiles Strässchen vorbei an pittoresken Bauernhöfen, Matten und Misthaufen. Was blieb neben den bedeutungsschweren politischen Beschlüssen und Nicht-Beschlüssen, die der Gipfel brachte? Vor allem Anekdoten, die die Politiker trotz des ernsten Gipfelthemas um Krieg und Frieden sehr menschlich erschienen liessen: Da war etwa der Präsident der Elfenbeinküste, Alassane Ouattara, der beim Defilee plötzlich auf eine wartende Journalistin zuging und zur Verwunderung der Beobachter zu ihr sagte: «Wie geht’s dir? Ich habe kürzlich deinen Vater getroffen.» Oder der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der offenbar spontan abends einen dreissigminütigen Fussmarsch vom Gipfelzentrum rüber zu seiner Unterkunft in der Villa Honegg unternehmen wollte … und so seine Sicherheitskräfte gehörig ins Schwitzen gebracht haben soll.»






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