Dirk Schütz, Sie sind seit vier Jahren Chefredaktor. Ihre Bilanz?
Als ich meinen Posten antrat, ging kurz darauf mit dem Lehman-Brothers-Konkurs die Finanzkrise richtig los. Diese haben wir mit unserer kleinen Mannschaft gut überstanden. Innerhalb der vier Jahre haben wir zwei Redesigns unternommen und eine klare Struktur mit fünf Ressorts sowie eine klaren Dramaturgie zwischen Lang- und Kurzstoffen etabliert. Das Layout und die Inhalte sind etwas frecher und lauter geworden - nach dem Motto: Wer gekauft werden will, den muss man hören. ,
Bei ihrem Amtsantritt haben Sie angekündigt, das Magazin thematisch wieder näher zum Kerngebiet Wirtschaft zu rücken. Ist dies gelungen?
Ja, wir sind wieder klar in der Wirtschaft beheimatet. Dank den neuen Ressorts, insbesondere dem Unternehmens-Ressort, sind wir gezwungen, vermehrt Themen aus diesem Gebiet zu suchen. Das Trend- Ressort haben wir zudem offener definiert. Da bringen wir nun oft auch Konjunktur- oder Karrieregeschichten unter. Aber Luxusthemen bleiben dabei natürlich auch wichtig.
Bevor Sie die Chefredaktion übernahmen, verschwanden die Konkurrenten "Cash" und "Facts". Konnten Sie diese Lücke optimal ausnutzen?
Wir haben unsere Marktstellung gefestigt. Obwohl bei allen Wirtschaftstiteln die Leserzahlen nach unten gehen, sind wir immer noch die klare Nummer 1 im Wirtschaftsbereich. Auch inhaltlich konnten wir profitieren. Wir versuchen, die wirtschaftlichen Themen emotional und personalisiert aufzubereiten. "Cash" und "Facts" hatten einen ähnlichen Ansatz. Dass sie weg sind, hilft uns.
Die "Finanz und Wirtschaft" und die "NZZ" rüsten ihre Wirtschaftsredaktionen auf. Die "NZZ" lanciert im März zudem das neue Magazin "Equity". Wie reagieren Sie auf diese Entwicklung?
Ich beobachte diese Entwicklungen sehr aufmerksam. Ich glaube aber nicht, dass unsere Positionierung und Stellung dadurch bedroht sind.
Sie haben es bereits angedeutet: In den letzten Jahren verging kaum ein Tag, an dem nicht das Wort Finanzkrise in den Zeitungen stand. In einem Interview mit persoenlich.com vor vier Jahren bezeichneten sie sich als "überzeugten Marktwirtschafter". Sind Sie das immer noch?
Auf jeden Fall. Man kann kein Wirtschaftmagazin machen, ohne Marktwirtschafter zu sein. Das wäre, wie wenn Sie als Schauspieler im Theater Ihr Publikum beschimpfen würden. "Bilanz" vertritt marktwirtschaftliche Positionen. Es gibt aber leider viele Exzesse, die der Marktwirtschaft schaden, etwa im Bereich der Managerboni. Da kritisieren wir, wenn nötig, auch scharf.
Haben Sie also keine Ihrer Überzeugungen anpassen müssen in den letzten Jahren?
Mein liberales Weltbild hat sich nicht geändert. Wir haben aber sicher keine blinde Marktgläubigkeit.
Das kapitalistische System wird demnach auch das mit Prophezeiungen umwobene Jahr 2012 unbeschadet überstehen?
Eine Folge dieser ganzen Krise ist, dass man all diesen Prognostikern nicht mehr glaubt (lacht). Ich bin grundsätzlich optimistisch und absolut kein Untergangsprophet. Schauen Sie die Wohlstandsfortschritte in Asien und Lateinamerika an, die vor allem dank der Marktwirtschaft möglich wurden. Dass die Marktwirtschaft auch sehr viele negative Auswirkungen hat, ist nichts Neues. Ein Wirtschaftssystem ohne Regeln kann nicht funktionieren. Die Kunst ist, die richtigen Regeln zu finden.
Die Schweiz steht derzeit unter Druck der USA. Wie schätzen Sie den aktuellen Steuerstreit ein?
Es war sicher nicht intelligent, dass man jahrelang diese Steuerhinterziehungs-Praxis als Businessmodell verfolgte. Jetzt ist die Frage, wie man dieses Modell hinter sich lassen kann. Man muss aber auch sagen, dass andere Länder die Verschwiegenheit in Finanzangelegenheiten genauso gepflegt haben. Gerade auch die USA, die sich sehr widersprüchlich verhält. Die Schweiz hat das Problem, dass sie ein kleines Land ist, das isoliert da steht. Jede Bank wird wohl nun einzeln konfrontiert werden und muss schauen, wie sie mit der Situation umgehen will. Ausschlaggebend wird sein, wie viele Informationen die USA über die jeweilige Bank haben. Wegelin hatte das Pech, dass sich die US-Behörden auch auf Informationen direkt aus der Bank heraus stützen konnten
Solche Affären und Skandale geben für Wirtschaftstitel mehr Stoff zum Schreiben. Sie profitieren also eigentlich von Krisen?
In Krisenzeiten steigt das Interessenach substanziellen Informationen. Als Magazin, das nur alle zwei Wochen erscheint, können wir aber nicht mit einer "NZZ" mithalten, die täglich Wirtschaftsinformationen liefert. Deshalb müssen wir einen anderen Zugang zu diesen Themen finden. Wir haben die Möglichkeit, mit Recherche, Analyse und unserer Magazin-Optik einen Unterschied zu machen. Zur Wegelin-Geschichte konnten wir beispielweise Zusatzinformationen liefern, die vorher nirgends standen.
Einen weiteren Unterschied macht "Bilanz" mit ihren Rankings. Was fasziniert die Leser daran?
Das müssten Sie die Leser fragen (lacht). Rankings faszinieren wohl wegen der Gewinner-/Verlierer-Optik. Die Lust am Vergleich scheint ein menschliches Urbedürfnis zu sein. Für uns ist das praktisch, weil wir mit Rankings eine eigene Aktualität schaffen und Themen setzen können.
Die mit grossem Abstand bestverkaufte "Bilanz"-Ausgabe ist die mit dem Ranking "Die 300 reichsten Schweizer". Weshalb haben Sie sich eigentlich für die Zahl 300 entschieden und nicht zum Beispiel 500?
Begonnen haben wir mit 100, irgendwann waren es 250, jetzt 300. Diese Zahl ist immer wieder Anlass für eine Diskussion. Wir haben den Anspruch, dass wir jedes Jahr alle Personen im Ranking neu recherchieren und zu jeder einen eigenen Text schreiben. Zudem versuchen wir jedes Jahr auch 20 bis 30 neue Personen zu finden. Für die Ausgabe sind mehr als 20 Leute im Einsatz. Mit 300 sind wir da voll ausgelastet.
Es gibt doch bestimmt noch ganz andere Reiche, von denen man nie hört, die aber ganz bestimmt auch unter die 300 Reichsten fallen würden.
Natürlich kann eine derartige Liste nie vollständig sein. Wenn Sie noch andere Reiche kennen, freuen wir uns sehr über die Namen. Wir bemühen uns einfach, jedes Jahr im Dezember nach bestem Wissen und Gewissen die 300 Reichsten aufzulisten. Wir haben eine Untergrenze von 100 Millionen Franken für die Liste.
Wie reagieren die Personen, wenn Sie sich im Ranking entdecken?
Überrascht ist niemand, da wir alle im Vornherein kontaktieren. Heikel sind zuweilen die Personen, die erstmals im Ranking sind. Diese versuchen oft über Anwälte ihr Erscheinen auf der Rangliste zu verhindern. Da bleiben wir aber konsequent. Nach dem Erscheinen der Ausgabe höre ich meistens nichts mehr. Das liegt daran, dass wir fair vorgehen. Wir legen den Porträtierten unsere Schätzungen vor. Diese sind eher konservativ. Ich höre oft: "Ihr seid viel zu tief, der hat viel mehr". Doch so ist unsere Politik.
Diskussionen gibt es also nur mit den "neuen" Reichen?
Diejenigen, die immer dabei sind beklagen sich selten. Die wollen nur heraus, wenn sich ihre Lebenssituation ändert. Etwa bei Scheidungen: Da will der Betroffene nicht, dass riesige Summen genannt werden und die Noch-Ehefrau dann Anspruch auf mehr Geld hat.
In diesem Jahr feiert "die Bilanz" ihr 35-Jahre-Jubiläum. Was für Neuerungen sind im Jubiläumsjahr geplant?
Wir prüfen noch, was wir machen. Es wird allerdings nichts Grosses geben - das sparen wir uns für den 40. Geburtstag auf. Ein Magazin muss sich stetig weiterentwickeln. So wie wir auch zwischen den beiden Redesigns weiter am Layout und an neuen inhaltlichen Gefässen gefeilt haben. Die Zeiten, in denen man alle fünf Jahre einen gigantischen Relaunch macht und dazwischen nichts, sind definitiv vorbei. Ein Magazin muss heutzutage eine permanente Baustelle sein. Und als Chefredaktor muss man eine gewisse Paranoia haben. Da darf man nie zufrieden sein, muss immer dran bleiben und sein Magazin immer wieder auf den Prüfstand stellen.
Interview: Corinne Bauer

