24.08.2010

"Am Liebsten würde ich den ganzen Tag neuer Musik nachstöbern"

Seit nunmehr zehn Jahren wirkt Jubaira Bachmann vor und hinter den Kulissen des Schweizer Musikfernsehens und hat damit erstaunliche Beständigkeit in einem kurzlebigen Geschäft bewiesen. Im Interview mit "persoenlich.com" erklärt die mittlerweile zum Head of Music der Sender MTV und Viva Schweiz aufgestiegene Musikliebhaberin, warum sie keine Probleme mit den programmlichen Veränderungen der letzten Jahre hat und gesteht, dass sie eigentlich viel lieber hinter als vor der Kamera steht. Zum Interview:
"Am Liebsten würde ich den ganzen Tag neuer Musik nachstöbern"

Frau Bachmann, Sie sind nun seit 10 Jahren beim Musikfernsehen. Sehr ungewöhnlich für dieses Metier. Haben Sie bereits Ihren Traumjob?

Auf jeden Fall! Es war schon immer mein Traum für MTV zu arbeiten. Aber schon vor dem MTV-Launch in der Schweiz vor eineinhalb Jahren, durfte ich mich zu den glücklichen Personen zählen, die von sich behaupten können, einen Traumjob zu haben. Ich glaube aber auch, dass ich, wenn sich mein Aufgabenbereich in den vergangenen 10 Jahren nicht ständig erweitert hätte, niemals so lange geblieben wäre.

Moderatorin, Redaktorin, Produzentin, Chefin, Programmgestalterin – wo liegen Ihre Stärken?

Ich hab bestimmt überall meine Stärken und Schwächen. Aber Leitung bzw. Führung sowie Organisation, gehören definitiv zu meinen Stärken. Insgeheim würde ich am Liebsten den ganzen Tag neuer Musik nachstöbern. Aber dafür reicht die Zeit einfach nicht.

Um Sie herum hat sich während diesen Jahren viel geändert – Viva Swizz ist von MTV Networks übernommen worden, Sie sind zum Head of Music aufgestiegen, das Programm besteht mittlerweile zu einem grossen Teil aus US-amerikanischen Paarungsspielen, Musikfernsehen gibt es kaum noch. Wie beurteilen Sie diese Änderungen?

In den vergangenen Jahren hat sich das MTV Networks Portfolio von einem einzelnen Musiksender auf zwei TV-Sendern verteilt. Unsere Musikmarken bieten ein differenziertes und auf die Wünsche der Zielgruppe zugeschnittenes Programm, einen Mix aus Musik und Entertainment. Musik war und wird immer ein elementarer Bestandteil der DNA von MTV und VIVA sein, aber die Darbietungsform, nach der das Publikum verlangt, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Die simple Aneinanderreihung von Musikvideos ist dem Konsumenten zu wenig.

Die Nutzung von Musikvideos erfolgt häufig auf unseren Seiten online, die beliebtesten Musikformate im TV sind heute unter anderem die Konzerte internationaler Superstars bei "MTV Worldstage" oder auch unsere internationalen Awardshows wie die MTV Video Music Awards. Wir können mit zwei Sendern unseren Zuschauern genau das bieten, worauf sie gerade Lust haben.

Musikfernsehen funktioniert in Zeiten von Youtube nicht mehr so einfach. MTV sucht deshalb seit Jahren ziemlich verzweifelt ein neues inhaltliches Konzept. Wie lautet die Antwort? Wofür soll der Sender in Zukunft stehen?

MTVs Erfolgsheimnis ist es, sich ständig neu zu erfinden. Wer als jugendorientiertes Unternehmen stur an einer einmal eingeschlagenen Richtung festhält, wird nicht lange bestehen, denn die Zielgruppe entwickelt sich weiter, neue Zuschauer wachsen in die Zielgruppe hinein und bringen ganz andere Vorstellungen und Wünsche mit. MTV hat bereits in den späten 80er, 90er Jahren begonnen, sich inhaltlich weiter zu entwickeln. Back-to-back Videoclips auszustrahlen, ist keine Strategie, mit der man über 30 Jahre Zuschauer unterhalten kann.

Der nachhaltige Erfolg von MTV ist vielmehr der ständigen programmlichen Ausrichtung an den Wünschen und Bedürfnissen unserer Zuschauer geschuldet. MTV steht seit jeher für Musik und Entertainment, zugeschnitten auf die Wünsche der jugendlichen Zielgruppe. Und bei dieser spielten und spielen neben Musik über die Jahre auch Reality-, Dating- und Cartoon-Formate nun mal eine grosse Rolle. Vor einigen Monaten hat MTV US den Fokus auf ein Genre angekündigt, das bisher noch keine Rolle auf dem Sender gespielt hat: Mit "The Hard Times of RJ Berger" ist – ab 22. August auch in der Schweiz – erstmals in der Geschichte eine fiktionale Serienproduktion zu sehen.

Das Internet sehen wir daneben als Chance, als eine weitere Plattform, auf der wir unseren Zuschauern Orientierung und Entertainment bieten können. Das geht inzwischen weit über die Bereitstellung von Musikvideos hinaus und umfasst Präsenzen auf allen gängigen Social Media Plattformen wie Facebook oder Twitter – sie erlauben uns, der Zielgruppe so nah zu kommen, wie selten zuvor.

Sie haben neben ihrer Moderationstätigkeit für Viva und MTV immer wieder auf für andere Sender wie Pro7Sat.1 oder sogar CNN Anlässe präsentiert. Nie ein Angebot bekommen? Nie an eine Karriere im Ausland gedacht?

Eigentlich habe ich mich schon immer hinter der Kamera wohler gefühlt als vor ihr. Deshalb waren Produktionsjobs schon immer spannender als reine Moderationsarbeiten. Die Kombination von beiden Tätigkeiten wurde mir in der Schweiz geboten; daher gab es nie Anlass mein Arbeitsumfeld für einen Karrieresprung als Moderatorin zu verlassen. Obwohl ich sagen muss, dass die CNN-Produktion schon sehr reizvoll war.

"MTVs Erfolgsheimnis ist es, sich ständig neu zu erfinden", sagt die 32-jährige Luzernerin zum Konzept ihres Arbeitgebers.

Der kleine Schweizer Privatsender 3+ produziert sehr erfolgreich eigene Sendungen. Können kleine Sender wie MTV oder Viva nicht kostendeckend Sendungen produzieren? Woran fehlt’s? An guten Ideen?

Mit unseren Formaten auf MTV bieten wir unseren Zuschauern einen Mix aus akquirierten und Netzwerkshows die ihnen internationale Superstars und US-Erfolgsproduktionen auf den heimischen Bildschirm bringen sowie lokal produzierte Musikformate, wie "Brand:Neu" oder die Webshow "JUBAIRA“, welche die Swissness auf unseren Plattformen transportiert. Es ist nicht unsere Strategie, Formate wie "Bauer, ledig, sucht" oder "Das jüngste Gericht" zu produzieren, da es schlicht nicht der inhaltlichen Ausrichtung unserer Sender entspricht.

Welche Sendungen "Ihrer" Sendergruppe schauen Sie sich auch privat an?

Da gibt es einige! Zum Beispiel "Nitro Circus", die "Chapelle Show", "Behind The Music" oder "South Park". Nicht zu vergessen "World Stage", die zu meinen absoluten Lieblingssendungen gehört.

Nennen Sie uns drei Ihrer absoluten Lieblingsvideos und begründen Sie Ihre Wahl.

1. The Roots mit "What They Do" – das Video dazu zeigt eine Parodie von gängigen Rapvideo- Klischees, gut gemacht, witzig und zeitlos! Ausserdem gehört “Illadelph Halflife” – das Album, auf dem sich der Song veröffentlicht wurde – nach wie vor zu meinen Lieblingsscheiben.

2. Michael Jackson & Janet Jackson "Scream" – eine absolut gigantische Video-Produktion! Geschweige denn vom sexy Auftritt von Janet und dem hammermässiger Song.

3. Jay-Z mit "99 Problems" – dieses Video gehört aus so vielen Gründen zu meiner Top3, dass man es praktisch Bild für Bild analysieren müsste, um den Umfang meiner Bewunderung zu verstehen. Sei es die extrem starken Filmsaufnahmen, der perfekt abgestimmte Schnitt oder Jay-Z’s Reim, der Rick Rubins Meisterwerk nur noch mehr untermalt – hier stimmt einfach alles.

Sie bessern Ihren MTV-Lohn mehrmals pro Monat als DJ auf. Welche drei Stücke laufen derzeit heiss auf ihrem iPod?

Das sind zurzeit Greis mit "So Leid" (Claud Remix), Big Boi mit "Shutterbug" und 30 Seconds To Mars mit "Closer To The Edge".

Gibt es eigentlich Ungerechtigkeit im Schweizer Musikgeschäft? Gibt es einen Künstler, der längst den Durchbruch verdient hätte?

Das mit dem "verdient" ist immer eine Definitionsfrage. Aber da ich daran glaube, dass schon immer das Richtige auf einen zukommt, kann ich keine grossen Ungerechtigkeiten ausmachen. Die Musikwelt ist ja schliesslich auch keine Mafia. Ausserdem führen ja bekanntlich viele Wege nach Rom. Man muss nun mal bereit sein, viel Schweiss und Tränen für eine erfolgreiche Karriere zu investieren.

Sie stehen nun seit 10 Jahren in der Öffentlichkeit. Welches Ihrer Talente hat die Schweiz in all den Jahren noch nicht entdeckt? Vieles jenes als Fussballfachfrau? Warum nicht Nachfolgerin von Regula Späni beim SF werden?

Da gibt es nichts zu entdecken. Meine Leidenschaft für andere Themen ausser Musik, speziell wie angesprochen der Fussball, soll soweit wie möglich "privat" bleiben. Ich strebe keine Richtungsänderung an. Abgesehen davon, habe ich Frau Späni sehr gerne zugeschaut!

(Interview: Adrian Schräder, Bilder: Gianni Pisano)


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