12.05.2004

Armin Walpen stoppt Publikation der Radiocontrol-Zahlen

Die Radiocontrol-Zahlen für 2004, also die Reichweiten der Sender, sind weiterhin nicht verfügbar. SRG-Generaldirektor Armin Walpen hat die Publikation am Dienstagnachmittag kurzfristig verhindert, wie SRG-Sprecherin Josefa Haas auf Anfrage von "persoenlich.com" bestätigte. Was hat Walpen zu diesem Schritt bewogen? Verschiedene Sender sollen "relevante Einbussen" verzeichnen.
Armin Walpen stoppt Publikation der Radiocontrol-Zahlen

Die Notbremse zog SRG-Chef Walpen, nachdem Publica Data ihren KundInnen in einem Brief am 11. Mai die Freischaltung der seit zwei Monaten gesperrten Daten auf den folgenden Tag angekündigt hatte. "Es handelt sich um eine Frage der Informationskaskade", erklärt SRG-Sprecherin Josefa Haas. "Bei einzelnen der direkt betroffenen Radiosender besteht ein verstärktes Informationsbedürfnis, dem wir nachkommen wollen, bevor die Zahlen an die Öffentlichkeit gelangen." Armin Walpen habe daher die SRG-Tochter Publica Data angewiesen, mit der Veröffentlichung zuzuwarten.

Wer sich konkret beim SRG-Boss für einen Aufschub stark gemacht hat, wollte Sprecherin Haas nicht verraten. Dabei wäre es spannend zu wissen, ob jemand einen derart grossen Einfluss auf Armin Walpen ausüben kann -- dies umso mehr, als die Unabhängigkeit der Publikumsforschung ein Thema der laufenden RTVG-Diskussion ist.

Mögliche Hinweise finden sich im erwähnten Kunden-Brief der Publica Data. Dort wird im Zusammenhang mit einer neuen Erhebungsmethode darauf hingewiesen, dass "gewisse Sender von der früheren Stichprobe eher profitiert haben", darunter Radio Grischa, Radio Jura Bernois und Radio Fréquence Jura. SRG-Sprecherin Haas bestätigt denn auch, einzelne Stationen verzeichneten "relevante Abweichungen". Es sei nun wichtig, dass "sich die Betroffenen auf die veränderte Situation einstellen und ihre Kommunikation anpassen" könnten. Publica Data wiederum betont, die neu erhobenen tieferen Zahlen bedeuteten keinen Hörerschwund, sondern seien das Resultat der genaueren Erhebungsmethode.

Für die beiden aufgeführten Westschweizer Sender erklärt Eddy Houlmann, Geschäftsführer von RJB, RFJ und RTN: „Von unserer Seite hat meines Wissens keine Intervention beim SRG-Generaldirektor stattgefunden.“ Er habe sich aber, so Houlmann weiter, anfangs Woche gemeinsam mit Pierre Steulet, dem Direktor der drei welschen Sender, als Mitglied der Radiocontrol-Expertenkommission gegen eine Publikation der Daten ausgesprochen. „Die Abweichung ist zu gross: Entweder die Reichweiten von 2001 bis 2003 waren falsch, oder die neu erhobenen Daten. Über diesen Punkt hätten wir uns mit Publica Data gerne in aller Freundschaft unterhalten.“ Als aber am Montag die restlichen Mitglieder der Kommission für eine rasche Veröffentlichung stimmten, habe man sich mit den Entscheid abgefunden, so Houlmann.

Beim von Publica Data ebenfalls genannten Radio Grischa, das zur Südostschweiz-Mediengruppe gehört, sagt Verleger Hanspeter Lebrument: "Dass der Generaldirektor die Veröffentlichung gestoppt hat, finde ich völlig vernünftig. Warum er das getan hat, kann ich aber nicht sagen." Es sei jedenfalls ein weiser Entscheid, sei doch Radiocontrol "das Schlechteste, was es bisher bei der Erfassung von Mediendaten gegeben" habe.

Armin Walpens Intervention ist nur die neuste Weiterung in einer längeren Leidensgeschichte. Per 1. Januar 2004 fand eine Umstellung bei der Erhebung der Reichweitenzahlen statt. Der Übergang von einer bevölkerungsproportionalen Stichprobe zu einer disproportionalen Stichprobe war dabei von der IHA GfK in der Hochrechnung zunächst nicht berücksichtigt worden, was zu fehlerhaften Zahlen führte. Am 12. März 2004 wurde deshalb das Online-Auswertungssystem für die Daten 2004 geschlossen ("persoenlich.com" enthüllte). Die Freischaltung der Zahlen wurde in der Folge für den 16. April versprochen.

Erst rund ein Monat später, am 11. Mai, schrieb Publica Data ihrer Kundschaft: "Nachdem nun die positive Empfehlung zur Freischaltung aus allen Gremien (User Commission Radio Publica Data, User Commission Forschungsdienst SRG SSR, Medienwissenschaftliche Kontrollkommission) vorliegt, werden die laufenden, korrekten Radiocontrol-Daten 2004 am Mittwoch, 12. Mai 2004, 9.00 Uhr, freigeschaltet." Dem war, wie bekannt, nicht so.

Inzwischen sieht es so aus, als müsste man sich weiter gedulden, obschon der einst für die Veröffentlichung der Quartalszahlen vorgesehene 20. April schon längst überschritten ist -- mit der Konsequenz, dass die privaten Radiostationen gegenüber ihren Werbekunden keine aktuellen Hörerzahlen vorweisen können. Noch ist der neue Publikationstermin nicht bestimmt, wie Josefa Haas sagt, die Evaluation sei im Gange. Es werde bis zur Veröffentlichung "eher eine Woche als ein Monat" dauern. So lange will der Präsident des Verbands Schweizer Privatradios (VSP), Günter Heuberger, sich nicht gedulden. "Wir werden bei Publica Data intervenieren, damit man die Zahlen freigibt."

Immerhin verspricht Publica Data, die finanziellen Konsequenzen des Hochrechnungsfehlers würden noch "sorgfältigst" überprüft. Man wolle nun alles daran setzen, dass sowohl die Kunden wie der gesamte Markt wieder Vertrauen in die Radiocontrol-Forschung gewinnen können.


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen