03.06.2019

SRF

«Auch erfahrene Piloten müssen in die Ausbildung»

Casper Selg unterrichtet bei SRF das Thema «Kommentare schreiben». Warum ist das nötig? Ein Gespräch über die gesellschaftlichen Auswirkungen des klickzahlengetriebenen Journalismus und über Influencer, die den Journalisten immer mehr den Rang ablaufen.
SRF: «Auch erfahrene Piloten müssen in die Ausbildung»
Casper Selg arbeitete über 30 Jahre lang beim «Echo der Zeit». Für Radio DRS (heute SRF) war er zudem Korrespondent in Washington und Berlin. (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Herr Selg*, Sie unterrichten bei SRF Journalisten und Journalistinnen darin, Meinungskommentare von Einordnungskommentare unterscheiden zu können. Warum braucht SRF hierbei Nachhilfe?
SRF braucht keine Nachhilfe. Wir üben mit bestimmten, speziell qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Textform «Kommentar», denn auch erfahrene Piloten gehen immer wieder mal in die Ausbildung. Dabei ist der Unterschied zwischen dem Meinungskommentar, wie wir ihn aus der Presse kennen, und dem Einordnungskommentar, der bei SRF gefragt ist, nur ein einzelner Aspekt.

Was sind die wichtigsten Unterschiede?
Der Einordnungskommentar bewertet, die Nachrichtenanalyse erläutert. Es geht um den Unterschied zwischen einerseits einer persönlicher Meinungsäusserung zu einem neuen Vorgang im Meinungskommentar und andererseits dem Anbieten von Verständnishilfe in der Nachrichtenanalyse. Oder auf Englisch: um den Unterschied zwischen «Opinion» und «News Analysis». Im Meinungskommentar beschreibt der Autor, die Autorin seine oder ihre persönliche Beziehung zu einem neuen Sachverhalt. In einem Einordnungskommentar hingegen bieten sie ihre Sachkenntnis an, anhand derer die Zuschauer, Hörerinnen oder Leser eine neue Entwicklung besser verstehen können.

«Journalismus muss Zusammenhänge aufzeigen und mögliche Konsequenzen transparent machen»

Was sind Beispiele, die den Unterschied illustrieren?
«Kommentare» in Zeitungen sind meist Meinungskommentare. Wenn beispielsweise der Kommentator der «Neuen Zürcher Zeitung» die Grünen als «Experten für Zeitgeist-Apokalypse» bezeichnet und sagt, sie hätten wie eine Religion Verdammung und Erlösung in ihrem politischen Angebot, ihnen vorwirft, sie betrieben eine «Erziehungsdiktatur im Auftrag einer höheren Wahrheit», dann handelt es sich um einen Meinungskommentar.

Wenn sich in der gleichen Zeitung ein anderer Kommentator über die Politik des chinesischen Parteichefs Xi Jinping äussert und aufzeigt, wie dieser Mann zu sehen ist, dass er auf der einen Seite immer noch marxistisch-leninistische Grundgedanken hoch hält und auf der anderen Seite ein wirtschaftsliberaler sein will, und wenn der Autor dann skizziert und begründet, worauf das im Ergebnis wohl hinausläuft, dann ist das ein Einordnungskommentar. Es gibt da selbstverständlich Überschneidungen, auch in diesem Bereich gibt es nicht nur schwarz und weiss.

Sollte sich SRF nicht besser auf die Vermittlung von Fakten konzentrieren, also auf die primäre Aufgabe des Journalismus?
Aber sicher. Das ist durchaus die primäre Aufgabe und die wird ja auch erfüllt. Ich glaube aber, dass es ebenso zur Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Medienhauses gehört, Verständnishilfe zu leisten. Der Journalismus hat generell die Aufgabe, die Leute so gut zu informieren, dass sie als Stimmbürger in der Lage sind, kompetente Entscheidungen zu treffen. Dazu darf Journalismus nicht nur abbilden, was passiert, sondern er muss auch ergründen weshalb es passiert, er muss Zusammenhänge aufzeigen, mögliche Konsequenzen transparent machen.

«Eine Zeitung kann und soll Meinungskommentare drucken»

Denken Sie, dass die neue SRF-Direktorin in der vielzitierten Aussage im Interview mit der «NZZ am Sonntag», sie wolle weg vom Meinungsjournalismus, diese Meinungskommentare gemeint hatte?
Ich habe nicht mit ihr darüber gesprochen, aber Nathalie Wappler hat selber lange bei SRF gearbeitet und kennt die dort geltenden Publizistischen Leitlinien. Sie will – so nehme ich an – Berichte und Analysen hören, nicht persönliche politische Überzeugungen.

Sind denn Meinungskommentare schlechter als Einordnungskommentare?
Überhaupt nicht! Ich hoffe, die Zeitungen bringen weiterhin pointierte und möglichst kluge, fundierte persönliche Meinungen. Eine Zeitung kann und soll Meinungskommentare drucken. Die Zeitung kann ich ja kaufen oder nicht. Beim Öffentlich-Rechtlichen hingegen, das alle bezahlen, das «allen gehört», ist die Situation eine andere. Aufgrund dieser in der Gesellschaft etwas anderen Funktion gehen die Chefredaktionen von Radio und Fernsehen SRF davon aus, dass der Meinungskommentar bei ihnen keine nennenswerte Rolle spielen darf.

Wo und wann gibt es aktuell bei SRF Einordnungskommentare zu hören oder anzuschauen?
In allen Sendungen, die nicht nur reine Nachrichten, sondern auch Hintergrundinformation anbieten. Am meisten und am einfachsten findet man solche Analysen auf der «News»-Seite von srf: srf.ch/news

«Ein Radio-DRS-Kommentar nach dem EWR-Entscheid führte zu Riesenklamauk»

Früher waren, damals noch auf Radio DRS, ab und zu Kommentare von Chefredaktoren zu hören. Zu welchen Ereignissen kam das vor?
Vor allem zu Abstimmungsresultaten. Das waren aber nie reine Meinungskommentare, es war praktisch immer eine Mischform. Vor allem wurde analysiert, welche Faktoren für ein Ergebnis entscheidend gewesen sein mögen: ein klassisches Element der Nachrichtenanalyse. Aber gelegentlich war das Ganze mit persönlicher Gewichtung versehen. Mit Meinung. Was denn auch meist zu lautem Protest führte. Ich kann mich erinnern, wie Marco Färber nach dem EWR-Entscheid einen kritischen Schluss anfügte nach dem Motto «dieses Nein wird der Schweiz noch lange zu schaffen machen». Die Folge: Riesenklamauk. Radio DRS habe die obsiegende Mehrheit, den demokratischen Entscheid verhöhnt.

Wann haben Sie selber solche Kommentare gesprochen?
Ich kann mich erinnern, dass ich mich vor vielen Jahren mal kritisch zum Entscheid für den nur eingleisigen Bau des Lötschberg-Basistunnels geäussert habe. Und den als Versuch bezeichnete, halb schwanger zu werden. Zuvor hatte ich, soweit ich mich erinnere, erläutert, wie es zu diesem Entscheid kam, was da eine Rolle spielte. Das wäre Nachrichtenanalyse gewesen. Am Schluss habe ich aber meine Überzeugung geäussert, dass ich den gefundenen Kompromiss, fast einen leistungsfähigen Tunnel zu bauen, für ausgesprochen absurd halte.

«Influencer wollen beeinflussen, wie ihr Name sagt. Wieso eigentlich und was sie dazu befähigt, weiss keiner»

Braucht es heute überhaupt mehr Kommentare im Journalismus, wenn doch über Social Media jedermann dauernd kommentieren kann?
Umso mehr! Journalistische Kommentare sind sehr wichtig. Bei SRF schreiben nur diejenigen Einordnungskommentare, die einen speziellen Sachverstand auf einem bestimmten Gebiet haben. Es kann nicht einfach jede oder jeder eine solche Nachrichtenanalyse schreiben. Erste Voraussetzung dafür ist Fach-Expertise. Dies ist der grosse Unterschied zu den Social Media, wo einfach jeder irgendetwas schreiben, behaupten kann. Problematisch ist auf diesen Kanälen ja, dass dort schwer zu unterscheiden ist, welche Meinung nun fachlich abgestützt ist und welche einfach nur eine Behauptung meist aus einer Emotion heraus ist. Das ist genau die Dienstleistung, die qualifizierte Journalisten erbringen sollten: die Stimmbürger, Stimmbürgerinnen mit qualifizierter, sauberer aufbereiteter Information zu versorgen.

Frustrierend ist jedoch, dass auf Social Media Kommentare aus einer «aus einer Emotion heraus», wie Sie sagen, viel stärkere Reichweite erzielen als sachliche, auf Fakten basierende Kommentare.
Das ist ein grosses Problem. Bis vor 30 Jahren gab es zur Informationsvermittlung fast nur die Medien, bei denen eine gewisse Kontrolle immer stattgefunden hat, also das «Gate Keeping». Heute, in der Onlinewelt, gibt es beides: aufbereitete, qualifizierte, journalistische Information und Ungefiltertes, sehr persönlich Gefärbtes. Von hochemotional über rational bis bewusst manipuliert. Das ist eine Tatsache in der heutigen Medienwelt. Jekami. Jeder kann mitmachen. «Influencer» wollen beeinflussen, wie ihr Name sagt. Wieso eigentlich und was sie dazu befähigt, weiss keiner.

«Ich habe in Deutschland erlebt, wie derartige Hypes zwei Bundespräsidenten zu Fall gebracht haben»

2015 haben Sie in einem Interview gesagt, dass sich die Geschwindigkeit im Journalismus negativ auf die Gesellschaft und die Politik auswirken wird. Nun, vier Jahre später: Welche Auswirkungen beobachten Sie?
Dieses Problem hat sich über lange Zeit entwickelt und wird sich weiter verschärfen. Beispiel: In den privaten Medienhäusern wird nicht mehr nur täglich eine Zeitung gemacht, sondern die dazugehörigen News-Portale datieren Artikel permanent auf und schauen dabei nach links und rechts, auf die anderen Websites, um ja kein Thema zu verpassen, das gut «läuft». Der Kampf um Klickzahlen führt dazu, dass auch unqualifizierte Inhalte schnell die Runde machen. Häufig schneller als es zur kritischen Überprüfung kommt. Zudem liefern diese Newsportale immer neue Varianten zu Stories, die gut «klicken», sie bauen die immer weiter aus. Das führt zu Wellenbewegungen, bei denen Themen eine Intensität und eine Wichtigkeit erhalten, die sie sonst nicht hätten. Denken Sie etwa an den Fall Spiess-Hegglin oder den von Geri Müller.

Was aber sind die Auswirkungen dieser Geschwindigkeit und dieser Hypes?
Ich habe als Korrespondent in Deutschland erlebt, wie derartige Hypes zwei Bundespräsidenten zu Fall gebracht haben und wie sie Wahlergebnisse beeinflussten. Ein FDP-Spitzenkandidat wurde wegen einer stillosen Äusserung in einer Bar morgens um eins fast ein halbes Jahr lang durch den Kakao gezogen. Das hat mit dazu beigetragen, dass die Partei damals aus dem Bundestag flog.

Was für einen weiteren Fall gibt es dazu?
Denken Sie an Donald Trump. Über den wurde zwar in den USA sehr kritisch geschrieben, von allen Seiten, aber weil dieses Thema sehr gut lief, wurde ständig über ihn geschrieben. Egal wie kritisch, es hat ihm letztlich geholfen, dass ständig von ihm die Rede war. Diese Entwicklungen im Medienbetrieb haben sehr konkrete politische und gesellschaftliche Auswirkungen.

Trumps Wahl ist Ihrer Meinung nach ein Resultat der Medienberichterstattung? Sie könnte auch Resultat des sehr zielgerichteten Online-Wahlkampfs sein.
Es handelt sich natürlich um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Trump hat auch anderes «richtig» gemacht. Aber das Verhältnis der Berichterstattung über ihn gegenüber der Berichterstattung über andere hat eine wichtige Rolle gespielt.

Sie sind seit 2015 pensioniert und werden nächstes Jahr 70. Warum arbeiten Sie dennoch weiter?
Ich arbeite nicht mehr mit Vollgas, aber es ist mir noch immer ein Anliegen, mich im Bereich Medienqualität zu engagieren. Dabei geht es mir nicht nur um den Journalismus per se. Die Qualität von Volksentscheiden hängt ab von der Qualität der Information, die bei den Stimmbürgern,-bürgerinnen ankommt. Ich bin Mitglied des Presserats, ich halte Vorträge über die Entwicklungen im Medienbetrieb. Daneben unterrichte ich bei SRF noch immer in den Bereichen Interview-Technik, Moderationsgespräche, oder – eben – Kommentare.

 


*Casper Selg arbeitete von 1980 bis 2011 in verschiedenen Funktionen für das «Echo der Zeit». Er war als Redaktor und Moderator tätig und leitete die Redaktion. Zwischendurch war er auch stellvertretender Chefredaktor von Schweizer Radio DRS, berichtete als Korrespondent aus Washington und Berlin. Selg war immer wieder in der journalistischen Ausbildung tätig, vermehrt seit seiner Pensionierung Ende 2015. 2014 wurde ihm der Zürcher Radiopreis verliehen.

 



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