Catherine Sommer, 1996 wurde «Mise au Point» als Sendung angekündigt, die den Nachrichten der damaligen TSR einen «neuen, jüngeren, dynamischeren» Ton verleihen sollte. Heute klingt sie deutlich konventioneller. Macht sich da das Alter bemerkbar? Oder gab es mit der Zeit eine Neuausrichtung?
Nein, eine Neuausrichtung gab es nicht, wohl aber eine Entwicklung. Die Sendung ist zweifellos ernsthafter als 1996. Damals wollten die Macherinnen und Macher sich von den grossen Reportagen von «Temps Présent» absetzen, längere Interviews als im «Téléjournal» ermöglichen und Humor in die Berichterstattung einbringen. Einer der Slogans der ersten Jahre lautete «relevant und frech». Heute liegt unser Schwerpunkt auf dem Relevanten, ein paar Frechheiten erlauben wir uns aber weiterhin, vor allem in der Rubrik zu Beginn der Sendung. Das Rezept funktioniert jedenfalls: Unsere Einschaltquoten, auch beim jungen Publikum, gehören zu den besten des Senders, und unsere Beiträge auf Instagram kommen auf Hunderttausende Aufrufe.
Die erste Ausgabe von «Mise au Point» wurde kritisiert. Der Tages-Anzeiger sprach von einer «journalistischen Nulldiät». Wäre es heute noch möglich, eine Informationssendung mit einem so schrägen Ton zu lancieren, wie ihn «Mise au Point» vor 30 Jahren hatte?
Neue Formate probiert man heute eher auf digitalen Plattformen aus oder in Sendungen, die Information mit anderen Genres mischen. Beim Ton nehmen wir weiterhin für uns in Anspruch, schräg zu sein, aber wohl anders als 1996. «Mise au Point» ist in der Romandie längst unverzichtbar und das wichtigste Magazin von RTS – mit schweizweit beachteten Reportagen und Recherchen, etwa zu den WhatsApp-Gruppen der Lausanner Polizei oder zur psychischen Gesundheit der Bauern.
Hat «Tataki» den Staffelstab in Sachen Frechheit übernommen?
Nein, aber «Tataki» ist ein typisches Beispiel dafür, wie Information in einem bestimmten Rahmen vermittelt wird. Die Sendung mischt Genres und enthält journalistische Formate, ist aber streng genommen keine Informationssendung.
«Die meisten Reaktionen löste die grosse Recherche über die Missbrauchsfälle in der Abtei Saint-Maurice aus»
Worauf führen Sie die Langlebigkeit der Sendung zurück?
Sicher auf ihre Relevanz. Schon 1996 war das Format innovativ, mit Reportagen von 7 bis 8 Minuten, heute dauern sie 12 bis 14 Minuten. Dazu kommt die Mischung aus aktuellen Reportagen, Recherchen und inspirierenden Entdeckungen: Das Publikum kommt immer auf seine Kosten, besonders am Sonntagabend, wenn man sich wieder auf den Alltag einstellen muss. Und schliesslich die Qualität der Reportagen, inhaltlich wie formal.
Welches Thema oder welche Reportage löste die meisten Reaktionen aus?
Ganz sicher die grosse Recherche von François Rüchti über die Missbrauchsfälle in der Abtei Saint-Maurice. Tagelang riefen uns Dutzende Menschen an und sagten: «Ich habe das auch erlebt.» Darunter waren über Achtzigjährige, die nie zuvor mit jemandem darüber gesprochen hatten – das war erschütternd. Die Recherche hat die gesamte Westschweizer Gesellschaft aufgerüttelt.
Seit einiger Zeit werden die Reportagen von «Mise au Point» bereits am Freitag online veröffentlicht. Untergräbt dieses «Online first» nicht die Sonntagabend-Sendung? Wie entwickeln sich die Zuschauerzahlen?
Wir machen das seit über einem Jahr, und das Publikum hat offensichtlich Lust auf solche Inhalte vorab. Die Zahlen zeigen zudem, dass dies der Sendung zwei Tage später nicht schadet.
SRF hat angekündigt, seine Reportagesendung «Reporter» aus dem linearen Fernsehen zu streichen. Ist ein Wechsel von «Mise au Point» ins Streaming ein Thema?
Nein.
«Wir tauschen uns wöchentlich mit der ‹Rundschau› aus, um über die jeweiligen Projekte im Bild zu sein»
Im Rahmen von «Enavant» soll die Zusammenarbeit zwischen den Sprachregionen verstärkt werden. Was ist bei «Mise au Point» konkret geplant?
Mit den Kolleginnen und Kollegen von «Rundschau» und «Falò» im Tessin arbeiten wir seit Jahren zusammen und tauschen Inhalte aus. Diesen Austausch wollen wir noch ausbauen.
Wie läuft der Austausch mit Ihrem Deutschschweizer Pendant «Rundschau»?
Sehr gut. Die Produzentinnen und Produzenten tauschen sich wöchentlich aus, damit wir über die Projekte der anderen auf dem Laufenden sind. Bei nationalen Themen können unsere Journalistinnen und Journalisten eng zusammenarbeiten. Wir übernehmen regelmässig Beiträge der «Rundschau», manchmal komplett, meist aber ergänzt um einen Westschweizer Beitrag, sofern sich das anbietet.
«Mise au Point» gehört zur Abteilung «Aktualität» der RTS. Die verschiedenen Ressorts und die Regionalbüros der «Aktualität» sollen zusammengelegt werden. Wird auch Ihre Redaktion in den neuen Pool integriert?
Nein, wir bleiben der «Aktualität» angegliedert, haben für den wichtigsten Teil aber eine eigene, unabhängige Redaktion. Selbstverständlich arbeiten wir mit allen Journalistinnen und Journalisten der «Aktualität» zusammen. Manche von ihnen drehen auch für uns und liefern regelmässig Reportagen, wenn ein Thema passt.
Wie werden Sie das 30-Jahr-Jubiläum der Sendung begehen?
In der letzten Sendung des Jahres, am 20. Dezember, gibt es einen Jubiläumsbeitrag. Wir feiern lieber, indem wir tun, was wir am besten können: gute Reportagen. Dazu kommt der Umzug nach Ecublens, der uns vor weitere, vor allem technische Herausforderungen stellt. Auf die lange Geschichte von «Mise au Point» werden wir aber mit ein paar gut ausgewählten Archivausschnitten und einem möglichst schrägen Ton zurückblicken.


