15.04.2019

SRF

«Bei Fake-Zitaten herrscht in Deutschland Nulltoleranz»

Kritik von allen Seiten: Nach dem Interview mit der Prostituierten Salomé Balthus sieht sich Roger Schawinski mit einem Sturm der Entrüstung konfrontiert. Gegenüber persoenlich.com nimmt der Star-Talker zu den Vorwürfen Stellung.
SRF: «Bei Fake-Zitaten herrscht in Deutschland Nulltoleranz»
Der 73-jährige Roger Schawinski lädt bei SRF jeweils am Montag Gäste zur Talksendung «Schawinski». Letzte Woche: Salomé Balthus. (Bild: SRF)
von Edith Hollenstein

Herr Schawinski, warum hatten Sie Salomé Balthus überhaupt ins Fernsehen eingeladen?
Sie war bereits zuvor Gast bei «Sternstunde Philosophie» und sagte dort Interessantes. Als Philosophin, Autorin und Prostituierte mit viel Drang in die Öffentlichkeit hat sie im deutschsprachigen Raum ein klares Alleinstellungsmerkmal.

Verstehen Sie die Kritik, die in Tageszeitungen, in mehreren Sonntagszeitungen und Online-Foren auf Sie hereinprasselt?
Ich werde vor allem für einen Satz kritisiert, den ich nicht gesagt habe. Mir wird nun vorgeworfen, dass ich ihn zwar gedacht, aber nicht gesagt habe. Das ist grotesk und perfid zugleich. Auf dieses eine gefakte Zitat baut Frau Balthus ihre gesamte Kritik auf. Alle ihre Blogs funktionieren so. Sie schreibt immer über ihre Erlebnisse als Prostituierte, so etwa kürzlich unter dem Titel «Fickt die Reichen». Darüber will sie einen Roman schreiben, wie sie erklärt. Deshalb weiss man nicht, was bei ihr Fakt ist, und was Fiktion. Am Schluss der Sendung bedauerte sie jedenfalls bei laufender Kamera, dass dies bereits das Ende ihres TV-Auftritts sei. Anschliessend hatten wir beim Hinausbegleiten ein freundschaftliches Gespräch. Und in einem Telefonat mit meinem Produzenten erkundigte sie sich später unter anderem, ob es die Möglichkeit einer Nachfolgesendung gebe. Soviel zum angeblich grossen Schock, den sie in meiner Sendung erlitten haben soll.

Erachten Sie es als gerechtfertigt, dass Salomé Balthus ihre Kolumne bei der «Welt» aufgrund Ihrer Intervention verloren hat?
Ich habe mich beim Chefredaktor der «Welt» gemeldet. Ich fragte ihn, was er vorschlage und dachte an eine Berichtigung. Er teilte mir dann am nächsten Morgen mit, dass man die Zusammenarbeit mit dieser freien Mitarbeiterin eingestellt und die Kolumne gelöscht habe. Im Nachgang zur Relotius-Affäre herrscht in seriösen deutschen Publikationen zurzeit offenbar eine Nulltoleranz-Mentalität in Sachen Fake-Zitate. Dies kann ich nachvollziehen.

Hatten Sie seit der Ausstrahlung der Sendung Kontakt mit Salomé Balthus?
Nein.

Weder Nathalie Wappler oder Tristan Brenn, noch die Medienstelle: Wie erklären Sie es sich, dass SRF keine Stellung beziehen wollte zu den Diskussionen um diese Sendung?
Dies ist doch vor allem eine Sache des Ombudsmannes Roger Blum. Der hat, wie er mitteilte, bisher eine einzige Beschwerde erhalten. Wenn jedoch die Kampagne weitergeht, werden es sicher noch mehr.

«Das sind Auswüchse der Me-too-Bewegung»

Könnte es sein, dass die Wendung, die diese Angelegenheit genommen hat, durchaus mit «Männerbündelei» oder sogar mit «Feigheit» zu tun hat, wie es die «Sonntagszeitung» schreibt?
Das ist absoluter Unsinn. Der Chefredaktor der «Welt» ist ein Mann. Also musste ich mich an ihn wenden. Ob ich ihn überhaupt kenne, und falls ja, wie gut, hat Simone Meier von «Watson», die diese These aufbrachte, nicht recherchiert. Denn für sie ist klar: Die weissen alten Männer mit ihrer toxischen Männlichkeit sind allesamt schuldig und müssen weg. Dies schreibt sie ohne Umschweife. Das heisst: Neuerdings ist es nicht mehr wichtig, was stimmt, sondern wer man ist, was man darstellt. Die Identität ist also wichtiger als die Fakten. Dies empfinde ich als eine extrem gefährliche Entwicklung. Es sind Auswüchse der Me-too-Bewegung. Übrigens hat sich die bekannteste Feministin Deutschlands, Alice Schwarzer, in Emma ganz klar auf meine Seite geschlagen.

Ja, darüber hatte persoenlich.com berichtet.
Auch die «SonntagsZeitung» kannte diesen Text. Doch dort hat man ihn unterschlagen, um die Knaller-Story vom einhelligen «Shitstorm» gegen mich nicht zu gefährden. Dies ist für mich eine journalistisch unterirdische Haltung und beweist, dass es sich um eine gezielte Kampagne handelt. 

Mit Bezug zum Kommentar auf Watson.ch kann ich Sie ja jetzt fragen: Wie gut kennen Sie den «Welt»-Chef Ulf Poschardt?
Wir sind uns damals in Berlin begegnet. Ich habe ihn wie alle anderen wichtigen Journalisten in Deutschland getroffen. Das ist mehr als zehn Jahre her. Und vor einiger Zeit war er in einer Direktschaltung Gast meiner Sendung.

«Ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass man mich deshalb als Frauenfeind abqualifizieren könnte»

Hatten Sie sich darauf vorbereitet, wenn Salomé Balthus geantwortet hätte, sie sei tatsächlich vom Vater missbraucht worden?
Es ging allein um das Statement von Alice Schwarzer, dass bei Prostituierten der Anteil von Frauen, die als Kinder missbraucht wurden, überproportional hoch ist. Dies kann mit einer Vielzahl von Studien belegt werden. Für mich war es interessant, mit dieser aussergewöhnlichen Frau auch über dieses Thema zu sprechen. Wer soll denn eine solche Frage besser beantworten können als eine Philosophin mit Prostitutionserfahrung und eine, die selber die Öffentlichkeit sucht? Ein bekannter Zürcher Psychiater hat mir bestätigt, dass meine Frage in diesem Kontext absolut zulässig war. Ebenso wollte ich wissen, weshalb sie Dinge sagt wie: «Ich will nicht Euren Respekt. Ich will Euren Hass.» So etwas habe ich noch von keinem Gesprächspartner gehört.

Würden Sie die Frage nach dem Missbrauch in der Kindheit erneut stellen, wenn Sie das Interview nochmals führen könnten?
Ja, aber ich würde das Statement von Alice Schwarzer nicht mehr als erstes von mehreren bringen, sondern erst später in der Sendung. Ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass man irgendwelche Verbindungen vom üblichen Einstieg – nämlich den Fragen nach dem familiären Background – zu einem anschliessend eingeblendeten konkreten Statement konstruieren könnte, um mich umgehend als Frauenfeind abqualifizieren zu können. Auch die vorgebrachte Behauptung, dass wegen meines forschen Stils nur noch wenige Frauen in meine Sendung kommen, ist falsch. In den letzten Monaten hatte ich folgende spannende Frauen zu Gast: Magdalena Martullo Blocher, Hazel Brugger, Chantal Galladé, Laura Zimmermann von Operation Libero, Nadja von der Jugend-Klimabewegung und nun eben auch Salomé Balthus.

Im Tagi hiess es, Sie seien «unsensibel, oberflächlich und wenig am Gegenüber interessiert». Das schrecke viele Frauen ab.
Die Frauen können nicht immer Gleichberechtigung fordern, und dann auf weniger kritische Fragen bei sogenannt «weichen Themen» pochen, wie es Michèle Binswanger im «Tages-Anzeiger» getan hat. Tatsächlich habe ich sie in einer meiner TV-Sendungen kritisch zu ihrem Buch befragt, in dem sie detaillierte Anleitungen gibt, mit welchen Tricks und Lügen Frauen ihre Männer betrügen können. Das ist eine Form von Feminismus, die mir bis anhin fremd war. Deshalb musste ich auch dort kritische Nachfragen stellen.

Zum Schluss: Wie lange möchten Sie «Schawinski» noch machen?
No Comment.

 

Roger Schawinski hat die Fragen schriftlich beantwortet



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Kommentare

  • Karl Wild, 15.04.2019 07:47 Uhr
    Eine neue Biografie wird schonungslos aufdecken, wer und was Schawinski wirklich ist. Mein lieber Mann.
  • Victor Brunner, 15.04.2019 08:50 Uhr
    Durch das einblenden des Fotos von Balthus Vater und der Frage hat Schawinski einen Zusammenhang zu Vergewaltigung in der Familie hergestellt. Journalistisch eine absolute Fehlleistung! Aber Schawinski geht es nie wirklich um den Gast, ausreden lässt er diese nur wenn sie seine Meinung bestätigen! Die Zeit dieses alten Mannes ist definitiv vorbei. Er sollte sich Zeit nehmen um an seinem Frauenproblem arbeiten!
  • Agnès Laube, 15.04.2019 09:33 Uhr
    Ich sehe das auch so, wie Victor Brunner. Was mich zudem störte: Schawinski sprach fast während der ganzen Sendung mit Balthus nur über ihre Rolle als Prostutuierte. Die Frage nach ihrem Philosophiestudium interessierte ihn wenig. Das ist einseitig. – In der Kritik der unterschiedlichsten Medien geht es auch nicht bloss um diese Sendung, sondern darum, dass diese Art von Neandertal-Journalismus wohl einfach vorbei ist. Mit mee-too hat das nur am Rande zu tun. Das hat das Fass zum überlaufen gebracht.
  • Reto Brunner, 15.04.2019 10:47 Uhr
    Roger ist und bleibt der beste Talker der Schweiz. Und eine hochinteressante, engagierte und spannende Persönlichkeit. Mit vielen Neidern.
  • Fritz M. Kummer, 15.04.2019 12:01 Uhr
    Wie lange müssen wir uns noch die Sendungen mit R. Schawinski auf SRF gefallen lassen??
  • Conrad Engler, 15.04.2019 12:44 Uhr
    Bitte so rasch als möglich die Sendung absetzen und den starrsinnigen Roger, der alles erfunden hat, in den Ruhestand schicken. Der Crash mit Markus Somm im Radio lässt grüssen.
  • Victor Brunner, 15.04.2019 16:42 Uhr
    Reto Brunner, RS ist definitiv nicht der beste Talker, kann nicht zuhören, er ist der Mittelpunkt nicht der gast. Der beste Talker ist bestimmt Reto Brennwald, Basler Zeitung Standpunkte. Der stellt kritische Fragen, hört zu, hakt nach wenn notwendig. Dies unaufgeregt und zurückhaltend, kommt aber immer auf den Punkt! Genau das Gegenteil von RS umd MG, für die beiden ist Talk eine Schlacht die man gewinnen muss, egal wie!
  • Robert Tobler, 15.04.2019 17:07 Uhr
    Zum Gespräch mit Schawinski sollte jede(r) mit der Einstellung gehen: Ich nehme keine Frage übel, garantiere aber nicht auf jede eine Antwort. Sonst: If you can't stand the heat, stay out of the kitchen.
  • Priska Hauser, 16.04.2019 08:34 Uhr
    Auch wenn die Interviewpartnerin provokative Positionen vertritt, ist es ein wesentlicher Unterschied, ob man das Verhalten einer erwachsenen Frau hinterfragt, oder sie auffordert zu Missbrauch in der Kindheit Stellung zu nehmen. Und genauso verkehrt ist die Frage an ein vermeintliches Opfer, ob es gestehen würde. Journalismus geht anders.
  • Hans Peter Mauchle, 22.04.2019 14:00 Uhr
    Ich war, bin und bleibe ein Fan von Roger Schawinski. Mir gefällt diese unerschrockene und manchmal auch freche Art. Den Kritikern möchte ich sagen, dass wir alle Fehler machen dürfen.
  • Victor Brunner, 23.04.2019 08:35 Uhr
    Hans Peter Mauchle, sie haben recht, jeder darf Fehler machen. Aber wenn RS in jeder Sendung den gleichen Fehler macht, sich und nicht den Gast in den Mittelpunkt stellen, dann wird es doch peinlich und dokumentiert mangelnde Professionalität!

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