Tamedia-Chef Martin Kall tritt ab: Anfang 2013 übergibt er die Leitung des Zürcher Medienhauses an seinen Stellvertreter Christoph Tonini. Der 50-Jährige prägte die Umwälzung der Schweizer Medienlandschaft massgebend mit - und schuf sich damit nicht nur Freunde. "Es waren fantastische Jahre im wohl spannendsten Job der Schweizer Medienbranche", sagte Kall am Mittwoch vor den Medien in Zürich. Es sei wohl schwer nachvollziehbar, warum er gehe, doch zusammen mit seiner Frau habe er beschlossen, noch einmal etwas Neues zu wagen. Konkrete Pläne für die Zeit nach seinem Abgang in 18 Monaten hat Kall noch nicht. Ein neuer Führungsposten in der Medienbranche komme für ihn nicht in Frage. Ein Verwaltungsratsmandat bei Tamedia würde er aber gerne übernehmen, sofern ihn die Generalversammlung wähle.
Philosophiewechsel an der Konzernspitze
Kall kam im April 2003 an die Tamedia-Konzernspitze, nachdem er bei Ringier während sechs Jahren in führenden Positionen tätig war. Nur drei Monate nach seinem Antritt schied der damalige "Tages-Anzeiger"-Chefredaktor Philipp Löpfe aus der Unternehmensleitung aus. Nach Löpfes Abgang war kein aktiver Journalist mehr in der Unternehmensleitung vertreten. Der Deutsche steht damit für einen regelrechten Philosophiewechsel: Unter seiner Führung wurde aus dem "Tagi"-Verlag ein Medienhaus mit Wachstumsstrategie, das die Konzentration der Presselandschaft entscheidend prägen sollte. Fortan sollten die Zahlen eine gewichtigere Rolle spielen als bisher.
20-Minuten übernommen
Zum ersten Mal auf Einkaufstour ging Kall Ende 2002: Tamedia übernahm das Pendlerblatt "20 Minuten". Das eigene Pendlerzeitungs-Projekt "Express", welches das Gratisblatt hätte bodigen sollen, wurde im letzten Moment gestoppt. Fünf Jahre später sollte auch das neu auf den Markt gekommene Konkurrenzprodukt ".ch" geschlagen werden. Tamedia lancierte das Pendlerblatt "News" - und stellte es wieder ein, kurz nachdem ".ch" das Zeitliche gesegnet hatte. Auch bei den Bezahlzeitungen sorgte Tamedia unter Kalls Führung für Umwälzungen: Tamedia übernahm die Berner Espace Media Groupe, die Herausgeberin von "Berner Zeitung" und "Bund". Die Redaktion des "Bund" wurde daraufhin mit jener des "Tages-Anzeigers" zusammengelegt.
Übernahme von Edipresse
2009 die zweite grosse Elefantenhochzeit unter Kalls Leitung: Tamedia beschliesst, die Lausanner Edipresse zu übernehmen. Bis Anfang 2013 soll die Fusion abgeschlossen sein. Zu grossen Veränderungen kam es zudem im Raum Zürich. Im April 2010 kaufte Tamedia alle Zürcher Landzeitungen - mit Ausnahme des "Zürcher Oberländers" - und gibt sie nun unter gemeinsamem Mantel heraus. Mehr als einmal gab es unter Kalls Führung rigorose Sparprogramme und Entlassungsrunden. So zum Beispiel 2009, als beim "Tages-Anzeiger" ein Viertel des Personals entlassen wurde. Damit, und mit Äusserungen wie "Die Widerstandsfähigkeit des Unternehmens hängt stark vom Stellenabbau ab" schuf sich Kall in der Medienbranche nicht nur Freunde.
Nachfolgeregelung: hervorragend gelöst
Kalls Nachfolger Christoph Tonini (41) arbeitet seit 2003 bei Tamedia und ist dort heute für das gesamte digitale Geschäft verantwortlich. Er ist gelernter Offsetdrucker und bildete sich mit einem MBA-Studium in St.Gallen weiter. Tonini sei eine bewährte Führungskraft, welche die Entwicklungsstrategie des Unternehmens seit Jahren mittrage, sagte Verwaltungsratspräsident Pietro Supino über den neuen Chef. Die Nachfolgeregelung sei deshalb "hervorragend gelöst".
Zu den Halbjahreszahlen siehe: persoenlich.com.

Christoph Tonini (Bild) wird nachfolger von Martin Kall

