18.11.2013

Südostschweiz

Chefredaktor David Sieber will auch einen Sesseltausch

"Die Person soll eine Meinung zur SO haben und uns den Spiegel vorhalten", findet er.
Südostschweiz: Chefredaktor David Sieber will auch einen Sesseltausch

Sesseltausch nicht nur beim Zürcher "Tages-Anzeiger", sondern bald auch in Chur: Die "Südostschweiz“ (SO) sucht für die Adventszeit insgesamt vier interessierte Leserinnen und Leser, die jeweils freitags (vom 29. November bis 20. Dezember) auf dem Chefsessel von David Sieber Platz nehmen. Dieser sei verwaist, weil Sieber sich lieber am andern Ende der Welt vergnüge, schreibt die "Südostschweiz". Wer Siebers Job übernimmt, wird spätestens bis am Dienstag, 19. November entschieden, wie er am Montag gegenüber persoenlich.com sagt. 

Die Person auf dem "Tages-Chefsessel" sollte kein Vertreter der Wissenschaft sein, wie beim Tagi (persoenlich.com berichtete), sondern eine regelmässige Leserin, ein regelmässiger Leser der "Südostschweiz". Weiter will die SO bei ihrer Wahl auf einen guten Mix (Alter, Geschlecht, Region) achten. "Und schliesslich sollte die Person eine Meinung zur SO haben und uns auch ein wenig den Spiegel vorhalten", sagt Chefredaktor David Sieber.
 
 
Andere Handschrift soll erkennbar sein
Die vier ausgewählten Personen werden mitbestimmen können, welche Themen die SO-Redaktoren an diesem Tag bearbeiten und wie sie diese umsetzen sollen. Die Handschrift der neuen Chefs solle erkennbar sein, so Sieber, ohne dass man gleich ein völlig anderes Blatt machen wolle. Einige Themen seien bereits aufgegleist, in solchen Fällen werde man noch über die Platzierung diskutieren.
 
Die Personen werden durch den Tag geführt, um einen Eindruck über die Abläufe und Entscheidmechaniken zu erhalten. "Ihre Eindrücke werden in einem porträtartigen Text verarbeitet, der ebenfalls in der Samstagsnummer erscheinen wird. Dabei ist auch Kritik ausdrücklich erwünscht", erklärt Sieber.
 
Chef-Funktion werde nicht entwertet
Bereits nach der Sesseltausch-Aktion beim "Tages-Anzeiger" fragte man sich: Ist der Posten des Chefredaktors derart unspezifisch, dass ihn problemlos auch Personen ohne Erfahrung ausüben können? Diskreditiert die Aktion nicht die eigene Funktion, wenn Sieber sie vorübergehend einem x-beliebigen Leser überlässt?
 
Sieber verneint: "Weshalb sollte sie? Ein Chefredaktor ist schliesslich kein allwissendes Wesen von einem andern Stern. Man kann etwas immer auch anders sehen, anders gewichten, anders entscheiden", findet er. Er könne sich aber vorstellen, dass den Personen bewusst werde, wie komplex die Arbeit auf einer Zeitungsredaktion sei und wie viele Parameter man täglich berücksichtigen müsse.
 
Das oberste Ziel des Sesseltauschs ist die Leserbindung. "Wir wollen uns zudem selber thematisieren – aber durch die Augen eines Lesers, einer Leserin", erklärt Sieber weiter. Die Aktion folge der Philosophie, die er auch in seinem Blog vertrete: grösstmögliche Offenheit. "Eine Redaktion soll und darf keine Blackbox sein." (set)

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