31.10.2023

40 Jahre Lokalradios

CNN, als es noch kein CNN gab

Am 1. November 1983 war das grosse Rauschen vorbei: In der Schweiz gab es erstmals staatlich konzessionierte Lokalradios. Matthias Ackeret, bekennender Radio-24-Fan in den Pizzo-Groppera-Tagen, unternahm seine ersten journalistischen Gehversuche beim Schaffhauser Lokalradio Munot.
40 Jahre Lokalradios: CNN, als es noch kein CNN gab
Sendestart von Radio Munot am 25. November 1983 mit Schaffhauser Lokalprominenz. Am Mischpult Techniker Jürg Ruschinski. (Bilder: Keystone, zVg)
von Matthias Ackeret

Der 1. November 1983 war eine mediale Offenbarung, ein radiophoner Urknall, wie es ihn in der Schweiz zuvor selten gegeben hatte. Drehte man nach Mitternacht an seinem Radiogerät, so dudelte und jubelte es auf allen Frequenzen, sieben Privatsender (Radio Basilisk, Radio Z, Radio Zürisee, Radio Sunshine, Extra B, Radio Raurach und DRS 3) nahmen legal den Betrieb auf, dabei auch die «Mutter aller Schweizer Privatsender», Roger Schawinskis Radio 24, das während vier Jahren vom italienischen Pizzo Groppera aus die Schweiz mit Rock, Pop und Infos versorgte und damit eine mediale Revolution auslöste, die am Ende das Radiomonopol der SRG zum Einsturz brachte. Schawinski selbst tuckerte an jenem historischen 1. November standesgemäss mit seiner Crew im Piratenschiff und Piratenlook über den Zürichsee direkt in die Stadtmitte, wo er vom damaligen Stadtpräsidenten Wagner feierlich bei der Quaibrücke begrüsst wurde:


Mehr Symbolik geht nicht: Plötzlich war die vermeintliche Illegalität chic. Polo Hofer trällerte: «Ich bliibe immer Pirat», auf den Plakaten prangte die Losung «staatlich konzessioniert», die anwesenden Fans waren ausser sich. So viel Radioaktivität ist im heutigen Internetzeitalter kaum mehr denkbar. Was längst zum Courant normal gehört, war damals spektakulär – und zwar landesweit: Lokalradios waren in den 1980er- und auch 1990er-Jahren der Inbegriff für Aufbruch, Spontaneität und Unbeschwertheit. Auch wenn es zuweilen unbeholfen und ein bisschen unbedarft aus den Radioapparaten tönte – so verwechselte eine Moderatorin eine Autobombe mit einer Atombombe und wurde damit sogar im Spiegel zitiert –, so war man endlich aus den Fesseln des fürsorglichen Landessenders Beromünster befreit. Jede grössere Gemeinde oder Stadt hatte dank Schawinskis praktischer Vorarbeit und einer – für Schweizer Verhältnisse – erstaunlich flexiblen Gesetzgebung ihren eigenen Radiosender. «Kommerz auf Megahertz», schnödeten linke Kreise, doch am Ende wurden die Lokalradios das, was der Oberlinke Bertolt Brecht in seiner berühmten Radiotheorie forderte: ein Medium für alle.

Mittlerweile gibt es im ganzen Land über dreissig private Radiostationen. Und nimmt man es ganz genau, dann sind die Lokalradios der grösste Talentschuppen der Schweiz. Viele SRG-Stars wie Röbi Koller, Frank Baumann, Reto Scherrer, Sandra Studer, Roman Kilchsperger, Fabienne Gyr, Daniela Lager, Mona Vetsch, Beatrice Müller oder Katja Stauber machten ihre ersten medialen Gehversuche bei einem Privatsender. Dass Lokalradios im Schweizer Mediensystem einen besonderen Platz einnehmen, zeigten die Coronajahre. Im Gegensatz zu anderen Medien, wie beispielsweise zur gedruckten Presse, bekamen die privaten Radios schon bald staatliche Unterstützungsgelder. Auch dank eines geschickten Lobbyings von Jürg Bachmann, Präsident des Verbandes Schweizer Privatradios.


Meinen Einstieg bei Radio Munot verdanke ich einer simplen Frage. Es war am Unterstadtfest im Jahr 1983, der damalige Jungwerber Mäni Frei organisierte für Radio Keiser vor dem St. Johann einen Moderationswettbewerb. Gross gedacht, wie er es in Zürich gelernt hatte. Die Aufgabe: eine Livesendung vor Publikum mit den Interviewgästen Bernhard Russi und Marie-Therese Gwerder. «Wie viele Heiratsanträge bekommen Sie – und wie viele haben Sie angenommen?», fragte ich das «TV-Schätzchen der Nation». Gwerder errötete, das Publikum lachte. Erster Preis war eine Reise zum damaligen Piratensender Radio 24 nach Como und ein Volontariat beim geplanten Radio Munot. Bei Radio 24 wusste niemand von unserem Erscheinen, Senderchef Schawinski, der sich zufälligerweise im Gebäude aufhielt und im oberen Stock seine sonntägliche Reggae-Sendung moderierte, wollte uns gar nicht sehen.

Bei Radio Munot hingegen klappte es. Zeitlich sogar optimal, so konnte ich kurz nach der Matura im Sommer 1984 beim neuen Schaffhauser Sender einsteigen und war – zusammen mit Kollegin Ursula Bringolf – der erste Volontär überhaupt. Als Radio Munot am Freitagabend des 25. November 1983 im Studio Höfli am Kirchhofplatz startete, war ich bereits dabei. Programmchef Norbert Neininger wählte bewusst das Monatsende, offiziell, um von den Fehlern der anderen zu lernen. Inoffiziell hinkt man in Schaffhausen dem grossen Nachbarn Zürich immer einen Schritt hinterher. Tröstlich, dass Winterthurs Lokalradio Eulach (heute Top) seinen Betrieb noch später, am 1. Januar 1984, aufnahm. Als Kantischüler mit Hornbrille und mit noch grösserer Begeisterung beobachtete ich das Geschehen hinter der Glasscheibe, die das Studio von der Redaktion trennte. Dieter Wiesmann, der einzige Schaffhauser Weltstar («Blos e chlini Stadt»), moderierte die Eröffnungssendung. Vergessen, dass er wegen seines sonoren Schaffhauser-Dialekts bei der grossen SRG böse Hörerpost bekam: In der Munotstadt war er – und ist er immer noch – die unangefochtene Nummer eins. Sozusagen die Schaffhauser Antwort auf Elvis Presley.

Aufregung kam auf, als die Kantonspolizei einen Hausbrand in Thayngen vermeldete, worauf Neiningers Frau May sowie der Italo-Moderator Pino Ciaccio kurzerhand in die Grenzgemeinde fuhren und übers Autotelefon (wohl das einzige im Kanton) live von dem Flammenmeer berichteten. CNN, als es noch kein CNN gab. Die anwesende Lokalprominenz – angeführt vom Thaynger Bäckermeister Fritz Nägeli und dem Schaffhauser Konditor Hans-Peter Rohr – klatschte und war begeistert, es flossen Tränen und noch mehr Chläggi-Wein: Auf dem Plattenteller konkurrenzierte sich «Blos e chlini Stadt» mit dem «Munotglöggli». Die Donatoren waren sich, zumindest an jenem Abend, sicher, richtig investiert zu haben. So viel Lokalspirit machte fast schon schwindlig. «Nur wenn uns die Schaffhauser mögen, werden wir reüssieren», war Neiningers Credo. Er zog dies konsequent durch: Susanne Koch, Ursula Litmanowitsch, Rolf Müller, Jürg Wäffler, Jan Hiermeyer, Harry «die Kralle» Bredies, Wale Külling oder der berühmte Jörg Kachelmann hatten alle den Stallgeruch der engeren Heimat. Manfred Klemann, heute VR-Präsident von «persönlich», präsentierte die Sendung «Hallo Nachbarn» für die deutschen Grenzgänger. Als Daniela Lager 1985 erstmals mit ihrem breiten Züridütsch «Kafi Höfli» moderierte, drehte Schaffhausen durch: Nun verspürte man im Äther erstmals Weltstadtfeeling.

Wolfgang Ritter, Werbeverkäufer der ersten Stunde, kreierte das erste Signet – ganz klar und naheliegend mit einem gravitätischen Munot in einem Strahlenmeer. Die Aussage war klar: Schaffhausen hatte den Anschluss an das neue Medienzeitalter nicht verpasst. Der 25. November war wirklich ein Tag des Aufbruchs: Sogar die Hausnachbarn stiessen an. Doch bereits nach wenigen Tagen verflüchtigte sich ihre Freude, und permanente Lärmklagen über zu viel Radioaktivität gehörten nun zum Alltag. Neininger, der geniale Prorammleiter und Spiritus Rector, hatte plötzlich an verschiedenen Fronten zu kämpfen: gegen die Schaffhauser Nachrichten, die plötzlich eine neue Medienkonkurrenz witterten, den rechtsbürgerlichen Schaffhauser Bock, der den neuen Sender stark kritisierte, die linke AZ, die einen neuen Rechtsdrall befürchtete, und immer wieder die «bösen» Nachbarn, die die gemeinsame Toilettentür versperrten, damit die Radio-Munot-Moderatoren ihre Sendungen nur unter höchsten Qualen beenden konnten. Silvester 1983 gipfelte alles beinahe in einer Schlägerei, bei der selbst der grosse Dieter Wiesmann und Teilzeit-Wetterfrosch Jörg Kachelmann nur mit äusserster Mühe die Wogen glätten konnten. «E chli veträumt und verschlafe luegts dri», wie er in seiner Welthymne «Blos e chlini Stadt» Schaffhausen besang, so waren wir bei Radio Munot nicht.

Für mich war meine neue Tätigkeit die absolute Offenbarung, die Erfüllung meines Kindertraums. Mit Starmoderator Wale Külling, der Schaffhauser Reinkarnation des jungen Thomas Gottschalk, moderierte ich jeweils die Jahresendsendung «Wetten, dass …?». Im Gegensatz zum Original-Gottschalk verschlief Wale auch einmal eine Sendung. «‹Wetten, dass ..?› es Ihnen nicht gelingt, innerhalb von drei Stunden Roger Moore ans Telefon zu bringen?», fragte mich eine Hörerin. «Den berühmten Roger Moore, der den James Bond spielt?» – «Ja», antwortete sie. Ich rief die Auskunft 111 an, dann wählte ich die Nummer des Palace Hotels in Gstaad und gab mich als Schweizer Bundesanwalt aus, der Roger Moore verhaften wolle. Zwei Minuten später war 007 am Telefon. Wir übertrugen alles live. Moore lachte gequält und wirkte unendlich erleichtert, obwohl ich mir nicht ganz sicher war, ob der James-Bond-Darsteller wusste, dass er mit einem Lokalradio im nördlichsten Teil des Landes verbunden war. Zwölf Monate später – auch am Jahresende 1984 – patrouillierten fünfzehn Bikinifrauen als Wetteinsatz im Schneetreiben auf der Feuerthaler Brücke. Der «SonntagsBlick» brachte es sogar auf dem Titel – im heutigen Genderzeitalter ein absolutes No-Go. Doch so weit dachte damals niemand. Hätte jemand 1983 gesagt, dass es den Sender in vierzig Jahren noch geben würde, hätte man ihn für verrückt erklärt. Für mich war es aber der Einstieg in die grosse Medienwelt. Danke, Radio Munot.



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Kommentare

  • René Tobler, 01.11.2023 10:13 Uhr
    Ja das waren noch Zeiten, auch ich war dabei bei Radio Raurach. Werde diese Zeiten nie vergessen, meine Interviews mit Udo Lindenberg, EAV, Victor Lazlo, Live Sendung mit dem Studio Bus auf der Eisfläche der Kunsteisbahn Sissach...
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