08.11.2002

NZZ

comedia-Abstimmungsinserat abgeleht

Verlag fühlt sich durch Sozialpartner "ungebührlich angegriffen".

Die NZZ-Verlagsleitung hat am Mittwochabend ein Abstimmungsinserat der Mediengewerkschaft comedia abgelehnt, wie diese am Freitag mitteilte. Vor der Abstimmung über die Revision des Arbeitslosengesetzes (AVIG) am 24. November hatte comedia eine Inserate-Kampagne in mehreren Schweizer Zeitungen für ein deutliches Nein lanciert.

Nach der Buchung verschiedener Inserat-Sujets, die teilweise die Entlassungen in der Medienbranche thematisieren, in Berner Zeitung, NZZ, Bund, Blick, WoZ, Le Matin und La Regione habe die NZZ-Verlagsleitung am Mittwochabend mitgeteilt, dass sie die Veröffentlichung eines halbseitigen comedia-Inserats ablehne, so die comedia. Als Begründung sei genannt worden, dass sich die NZZ im Inserat durch einen ihrer Sozialpartner ungebührlich "angegriffen fühle", da man bei den letzten Massenentlassungen bei der NZZ gemeinsam einen Sozialplan ausgehandelt habe, der von comedia im Inserat nun als "oberknausrig" bezeichnet werde.

comedia sieht in der Ablehnung ihres Inserats durch den NZZ-Verlag einen bedenklichen Eingriff in die (bezahlte) Meinungsfreiheit und eine Behinderung bei der aktuellen politischen Auseinandersetzung vor einer wichtigen Abstimmung. Man sei ausserdem erstaunt, dass Zeitungsverlage, die seit Monaten einen dramatischen Einbruch der Inserate und damit ihrer Einnahmen beklagen, ihnen nicht genehme Inserate ablehnen würden, wie es weiter heisst. Dagegen hätte der NZZ-Verlag keinerlei Mühe, Inserate der Befürworter der AVIG-Revision mit z.T. falschen oder irreführenden Aussagen zu drucken. Im übrigen habe die Berner Zeitung, die im Textinserat "Erst gefeuert, dann geschröpft" ebenso kritisiert werde, mit dem Anzeigentext offenbar weniger Mühe gehabt und hat diesen am Donnerstag auftragsgemäss publiziert.

Der beanstandete Inseratetext:

"Erst gefeuert, dann geschröpft

Sparmassnahmen weit und breit, dass es nur so kracht - manche haben sich schon um Kopf und Kragen gespart. Auch in der Medienbranche. Beispiele? NZZ: 20 Millionen Einsparungen, 27 Entlassungen; BUND: Erhebliche Einsparungen, 20 Stellen abgebaut; BZ : Mehrere Millionen Einsparungen, 12 Entlassungen (nebst weiteren mehr). Und für die Entlassenen gab's obendrein noch oberknausrige Sozialpläne.

Damit nicht genug: Die Bürgerlichen des Landes und deren Sprachrohre NZZ und BZ wollen sich gleichzeitig noch an den Arbeitslosen schadlos halten. Mit der angekündigten Revision der Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung (AVIG) sollen ausgerechnet Arbeitlose noch mehr geschröpft werden: So soll die Bezugsdauer für Taggeld um 120 Tage gekürzt werden. Und im 1. Anstellungsjahr ist man dann überhaupt nicht mehr gegen Arbeitslosigkeit versichert.


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