19.05.2020

Tamedia

Coronavirus-Dashboard geht um die Welt

Die Datensammlung zu Covid-19 auf tagesanzeiger.ch hat mehrere Millionen Klicks generiert. Die zusammengetragenen Zahlen werden international zitiert und finden auch in der Wissenschaft Beachtung. Der Erfolg überrascht, denn Leser müssen dafür zahlen.
Tamedia: Coronavirus-Dashboard geht um die Welt
Marc Brupbacher, Leiter Storytelling bei Tamedia, ist Initiant des Coronavirus-Dashboards. (Bilder: Tamedia/Collage: persoenlich.com/cbe)
von Christian Beck

«Die neusten Zahlen zum Schweizer Covid-19-Ausbruch», heisst es nüchtern auf tagesanzeiger.ch sowie anderen Zeitungstiteln von Tamedia. Unter dieser Schlagzeile werden täglich aktualisierte Kennzahlen der Epidemie dargestellt. Diese Nüchternheit des sogenannten Coronavirus-Dashboards hat Erfolg. «Das Dashboard erreicht ohne Durchhänger täglich mehrere zehntausend Besucher», sagt Marc Brupbacher, Leiter Storytelling, gegenüber persoenlich.com. «Vor allem die Ausdauer hat mich überrascht, es ist ein Evergreen.»

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Im Januar hat der Tages-Anzeiger den ersten Daten-Artikel über das neue Coronavirus publiziert und gleichzeitig begonnen, die Daten systematisch zu sammeln. Am 23. Januar wurde die erste Übersicht über die Fallzahlen veröffentlicht. Daraus entwickelte sich in mehreren Schritten das heutige Dashboard. Brupbacher hat für persoenlich.com die Statistiken bis 2015 analysiert. «In diesem Zeitraum hat keine andere Geschichte auf tagesanzeiger.ch annähernd so viele Pageviews erreicht wie das Dashboard.» Alleine beim Tagi habe die Seite bisher mehrere Millionen Pageviews erreicht – mit bazonline.ch, bernerzeitung.ch, derbund.ch, landbote.ch, zsz.ch und zuonline.ch seien es nochmals deutlich mehr.

Bemerkenswert: «Das ist eine Premium-Story, das heisst, sie ist nur für Abonnenten und Registrierte zugänglich. Es ist jener Beitrag, über den sich bis jetzt am meisten Personen registriert haben oder ein Abo kauften», so Brupbacher. Insgesamt verbrachten die Tagi-Besucher bislang zusammen 3,5 Millionen Minuten auf der Seite. Die durchschnittliche Verweildauer auf dem Dashboard liegt bei über sieben Minuten pro Besuch.

Fünf Personen decken Leserbedürfnis ab

«Die Coronavirus-Krise zeigt exemplarisch, wie wichtig unabhängiger Journalismus ist. Das Interesse der Leserinnen und Leser an Übersicht, Fakten und Einordnung ist riesig, und es freut mich sehr, dass die Nutzungszahlen bei den Qualitätsmedien besonders stark zugenommen haben, nicht zuletzt dank Inhalten wie dem Dashboard des Interaktiv-Teams», so Chief Product Officer Christoph Zimmer.

Das Interaktiv-Team besteht aus drei Personen (Mathias Lutz, Sebastian Broschinski und Patrick Vögeli) mit Fokus auf Gestaltung und Design und einer Person (Andreas Moor) mit Schwerpunkt Programmierung und Entwicklung. Brupbacher leitet das Team. «Ich konzipierte und initiierte, plane den Ausbau des Dashboards, bin für den Text verantwortlich, mache Qualitätssicherung und gewährleiste den Betrieb mit der Schichteinteilung, kümmere mich um Social Media», erklärt Brupbacher. Zudem trage er selber auch Daten nach, vor allem am Wochenende. «Das Team braucht ja auch mal eine Pause.» Gestaltet hat das Dashboard hauptsächlich Broschinski – er ist auch für die Datenanbindung, Berechnung und die technische Umsetzung hauptverantwortlich.

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Kritik am Umgang von Journalisten mit Covid-19-Daten gab es von Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss in einem persoenlich.com-Interview. Das Publikum sei bis gegen Ende März mit unbrauchbaren Zahlen und irreführenden Statistiken verunsichert worden. «Ich hatte den Eindruck, dass Medienschaffende – von Ausnahmen abgesehen – zu schnell und pauschal die von den Behörden gelieferten Zahlen zu ‹positiv Getesteten› als ‹Infizierte› bezeichneten», sagte Wyss.

Brupbacher sagt dazu: «Wir haben immer stark darauf hingewiesen, welche Zahlen wir zeigen, welche Qualität und Schwächen diese haben und was die Quelle ist.» Dass es bei den bestätigten Fällen eine Dunkelziffer gegeben habe und immer noch gebe, sei immer transparent kommuniziert worden. «Die bestätigten Neuinfektionen kamen schnell in Verruf und wurden als unbrauchbar verschrien, dabei zeigte sich im Nachhinein klar, dass diese Zahlen die Dynamik und Entwicklung der Epidemie ziemlich exakt aufzeigten», so Brupbacher zu persoenlich.com. «Genau darum sind diese Daten zu den bestätigten Fällen so wichtig: Sie lassen erahnen, wohin wir uns bewegen.»

Wissenschaftler und Spitäler nutzen Dashboard

Das Coronavirus-Dashboard findet international Beachtung. Die Zahlen daraus fliessen unter anderem in die weltweit verwendete Statistik der John-Hopkins-University ein, aber auch in Wikipedia und Google. Was macht Tamedia also besser als das Bundesamt für Gesundheit (BAG)? «Zum einen die zeitnahe Aktualisierung. Wir tragen die Zahlen live nach», so Projektleiter Brupbacher. Dabei würden verschiedene Quellen verwendet: das Open-Data-Portal des Statistischen Amts des Kantons Zürich, die Kantonswebsites, Medienkonferenzen der Gesundheitsbehörden oder die Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Zum Abgleich werde auch regelmässig das Portal corona-data.ch konsultiert. «Zudem gibt es gewisse Daten, wie die Zahl der Genesenen in der Schweiz, welche nur wir auf täglicher Basis berechnen», so Brupbacher.

Das BAG hat bislang mit dem Interaktiv-Team noch keinen Kontakt gesucht. Dafür gab es Anfragen aus der Wissenschaft. Das fühle sich komisch an, gesteht Brupbacher. «Vor allem zu Beginn der Krise war das ungewohnt, auch für die Wissenschaftler selber, die beim BAG aufliefen.» Mittlerweile würden die Wissenschaftler aber meistens auch die Daten des Open-Data-Portals des Kantons Zürichs verwenden, welches fast aus sämtlichen Kantonen Zahlen versammelt. «Das hat einen offizielleren Anstrich.»

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Im Interaktiv-Team von Tamedia selber hat es keine Wissenschaftler. «Wir sind Journalisten, Designer, Programmierer. Wissenschaftler sind für uns als Gesprächspartner und Quellen wichtig, haben aber oft nicht das Auge für eine wirklich verständliche Visualisierung ihrer Arbeiten», sagt Brupbacher. Das Team mache auch keine Prognosen oder würde Modelle entwickeln. «Das überlassen wir den Epidemiologen.» Brupbacher bleibt bescheiden: «Im Grunde genommen tragen wir die Daten zusammen, die es gibt, und stellen es so dar, wie wir finden, ist eine verlässliche Aussage möglich. Wir wollen nicht vereinfachen, es komplex halten, es aber für alle verständlich machen, so, dass auch Nicht-Statistiker sofort erfassen, was die Grafiken zeigen.»

Das Coronavirus-Dashboard wird auch von Spitälern zur Beurteilung der Lage genutzt. «Da haben wir auch gestaunt und leer geschluckt», sagt Brupbacher. Etwas bauen sei einfach, etwas wirklich langfristig zu betreuen und das diszipliniert und konsequent, das sei herausfordernd. «Am Ende zahlt es sich aber aus, weil die Leserinnen und Leser es merken, wo Arbeit drinsteckt.»

Bereits rund 20 Grafiken

Das Coronavirus-Dashboard wird derweil immer komplexer. «Es gibt mittlerweile knapp 20 Grafiken, die teilweise auf verschiedenen Datensätzen beruhen. Einiges ist automatisiert, anderes muss man manuell nachtragen, wieder anderes muss man einfach kontrollieren», so Brupbacher. So würden die Zahlen aus den Kantonen laufend nachgetragen, die internationalen Daten am Morgen, die Todesfälle nach Altersgruppen in der Schweiz am Mittag, die Genesenen am Abend, die Übersterblichkeitsgrafik jeweils am Dienstag und so weiter. «Dann geht immer auch mal wieder etwas kaputt, das man dann flicken muss. Oder: Daten werden plötzlich nicht mehr übermittelt, dann muss man bei den Behörden nachfragen», schildert Brupbacher. Auch werde laufend optimiert. «Gerade baut Sebastian Broschinski an einem tollen interaktiven Feature, welches Länder einfach mit unterschiedlichen Parametern miteinander vergleichen lässt.»

Trotz dem grossen Erfolg, Brupbacher hofft dennoch, dass das Coronavirus-Dashboard nicht mehr lange aktualisiert werden muss. «Ich träume mittlerweile nicht selten vom Eingeben von Daten in Spreadsheets.» Dem dürften auch die Leser zustimmen – wenn auch aus anderen Gründen.



Die in diesem Artikel verwendeten Grafiken sind nicht aktuell. Das laufend aktualisierte Coronavirus-Dashboard finden Sie hier.



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Kommentare

  • Edwin Hunggeler, 19.05.2020 18:36 Uhr
    Ja, das überrascht, auch weil die Leserführung sehr schlecht und die theoretischen Zahlenspielereien nicht oder nur nachlässig mit Lesebeispielen erläutert werde. Statistisches für Statistiker. Zudem ist oft nicht klar, wie aktuell die Verwendeten Daten sind, was den Newsgehalt untergräbt.
  • Ueli Custer, 19.05.2020 13:29 Uhr
    Das überrascht umso mehr, als die Grafiken zum grössten Teil auf völlig nichtssagenden und vor allem auch nicht vergleichbaren Zahlen beruhen.

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