13.04.2020

Berichterstattung über Corona

«Journalisten dürfen Kritik nicht dünnhäutig abschmettern»

Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss hat die Arbeit der Schweizer Redaktionen während der Krise beobachtet. Auch die schönsten Tabelle und Grafiken nützen nichts, wenn die Daten dazu nicht zuverlässig vergleichbar seien, sagt er.
Berichterstattung über Corona: «Journalisten dürfen Kritik nicht dünnhäutig abschmettern»
«Ein wesentliches Problem liegt darin, dass das Publikum bis Ende März mit unbrauchbaren Zahlen und irreführenden Statistiken verunsichert wurde», sagt der Medienwissenschaftler zum Coronajournalismus. (Bild: zVg.)
von Loric Lehmann

Herr Wyss, kürzlich publizierten Sie einen Blog, indem Sie Ihre Einschätzung zur aktuellen Medienberichterstattung in der Coronakrise darlegten. Unter anderem haben Sie darin moniert, dass bei Medienschaffenden der Umgang mit Statistik – insbesondere in der Vermittlung der Infektionszahlen und Todesfälle – ungenügend sei. Daraufhin wurden Sie auf Twitter kritisiert. Hat Sie das erstaunt?
Ich kann verstehen, dass Journalistinnen und Journalisten unter diesen schwierigen Bedingungen und grossem Druck auch gereizt reagieren, wenn da Stimmen aus der Medienwissenschaft meinen, sich auch noch ungefragt zu Wort melden zu müssen. Gerade jetzt im Auge des Orkans ist jedoch ein medienkritischer Blick auf den Journalismus von aussen wichtig.

Sie bleiben also dabei?
Ein wesentliches Problem liegt tatsächlich darin, dass das Publikum bis gegen Ende März mit unbrauchbaren Zahlen und irreführenden Statistiken verunsichert wurde. Ich hatte den Eindruck, dass Medienschaffende – von Ausnahmen abgesehen – zu schnell und pauschal die von den Behörden gelieferten Zahlen zu «positiv Getesteten» als «Infizierte» bezeichneten.

Medienschaffende stehen momentan unter enormem Druck: Kurzarbeit, Existenzängste, Homeoffice …
Unwidersprochen! Und wir müssen dankbar sein für die enorme Leistung der Journalistinnen und Journalisten, die fast alle nun aus der Küche, dem Wohn- oder Schlafzimmer heraus planen, recherchieren und produzieren. Dazu kommen Herausforderungen im persönlichen Umfeld und die Sorge um den Arbeitsplatz. Trotzdem wäre es für Profis angebracht, zunächst offen Medienkritik zu Kenntnis zu nehmen und diese nicht dünnhäutig abzuschmettern.

«Die Fallzahlen positiv getesteter Personen erlauben keine Aussagen darüber, wie sich die Pandemie entwickeln wird»

Das tönt jetzt hart.
Ja, das ist unnötig hart ausgedrückt. Und ich verstehe auch, dass gerade spezialisierte Datenjournalisten oder Factchecking-Teams sehr aufwendig und sorgsam produzierte Arbeiten gemacht haben. Aber das Publikum nimmt zunächst einmal die Newsmedien wahr und vor allem dort wurde lange unterschlagen, dass es mangels systematischer Erhebungen bis heute keine validen Informationen zum Bevölkerungsanteil der tatsächlich infizierten Menschen gibt. Die Fallzahlen positiv getesteter Personen erlauben keine Aussagen darüber, wie sich die Pandemie entwickeln wird. Das schleckt keine Geiss weg.

Könnte es sein, dass man vielleicht etwas zu stark darauf setzt, wie man etwas darstellt, statt wie man Daten richtig interpretiert?
Datenjournalistische Formate und interaktive Grafiken, die Zahlen zur Pandemie im Zeitverlauf darstellen, sind beim Publikum sicher stark nachgefragt. Aber das führt dazu, dass man diese Zahlen wie Tabellenstände im Sport miteinander vergleicht: Wo liegen wir im Vergleich zu Italien oder Spanien? Wo steht die USA? Diese Zahlenfixierung erinnert an den Horse-Race-Journalismus, wobei die Pferde auf ganz unterschiedlichen Rennstrecken galoppieren. Die Zahlen werden für bare Münze in Echtzeit genommen. Aber auch wenn die Zahlen von wissenschaftlichen Institutionen kommen, können sie gar nicht ein Abbild der Wirklichkeit leisten. Da gehört schon der Kontext dazu, dass zahlreiche Faktoren diese Zahlen beeinflussen wie zum Beispiel Anzahl Tests, Bevölkerungsdichte oder Altersstruktur. Wenn man dann am Ende einfach eine schöne Tabelle mit solchen Zahlen macht, da bezweifle ich, ob die Prioritäten wirklich richtig gesetzt wurden.

«Gerade weil diese Daten so heikel sind, gehört es dazu, dass der Journalismus offenlegt, warum Redaktionen so berichten, wie sie berichten»

Rächt sich da auch die Wegsparung der Wissenschaftsjournalisten?
Ich bin da etwas ambivalent. Einerseits wären sicherlich die Spezialistinnen im Wissenschaftsressort am ehesten in der Lage, wissenschaftliche Aussagen von Experten auch einzuordnen und eben die Validität der kommunizierten Zahlen kritisch zu interpretieren. Andererseits braucht es ja vor allem einen distanzierten Journalismus, der verschiedene Perspektiven aus verschiedenen Fachgebieten thematisiert und den Diskurs über Domänengrenzen hinaus organisiert. Beispielsweise politologische und juristische Expertise zu notrechtlichen Auswüchsen heranzieht, mit der Soziologin der Frage nachgeht, wie das Virus Machtverhältnisse verändert, mit dem Psychologen über die Auswirkungen von Quarantäne auf Menschen in labilen Verhältnissen spricht – oder gerne auch mit der Journalismusforscherin die Routinen die Medienlogik und die Macht der Medien reflektiert (lacht).

Für Journalisten ist es momentan extrem schwierig, News aus Daten zu machen, die weltweit auf unterschiedliche Weise gewonnen werden.
Die Anforderungen sind enorm hoch. Und gerade weil diese Daten so heikel sind und auch missverstanden werden können, gehört es dazu, dass der Journalismus offenlegt, warum Redaktionen so berichten, wie sie berichten, oder was sie warum unterlassen. Es wäre also jetzt auch wichtig, dass der Journalismus seine eigene Rolle in dieser Krise thematisiert und transparent über die Bedingungen, Routinen und Grenzen der Berichterstattung aufklärt. Diese medienjournalistische Selbstreflexion sollte über die Darstellung der journalistischen Arbeit im Homeoffice hinausgehen. Es bräuchte mehr Aufklärung statt Nabelschau.

«Spätestens ab dem zweiten Märzwochenende hätten wir vom Journalismus erwarten können, auch unangenehmeren Fragen nachzugehen»

Machen Sie ein Beispiel.
Journalistinnen und Journalisten müssen eine Güterabwägung zwischen zwei Polen vollziehen. Zwischen einerseits einer Pflichtethik, die von ihnen kritische Distanz, aufdeckende Recherche und einen vielfältigen Diskurs verlangt – und andererseits einer Verantwortungsethik, welche die Folgen der Berichterstattung berücksichtigt.

Und wie sieht das konkret in dieser Krise aus?
Zwischen diesen genannten Polen bewegen sich auch die journalistischen Entscheidungen momentan: Journalisten sind einerseits beruflich dazu angehalten, Behörden zu hinterfragen und zu kritisieren. Auf der anderen Seite müssen sie sich auch darüber im Klaren sein, was sie mit ihrer Berichterstattung auslösen könnten. Die eher unkritische Berichterstattung in den ersten Märzwochen kann man also verantwortungsethisch durchaus für angebracht halten. Es ging ja primär darum, angesichts der Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus in kurzer Zeit einen Kollaps des Gesundheitssystems zu vermeiden. Aber spätestens ab dem zweiten Märzwochenende hätten wir vom Journalismus erwarten können, auch unangenehmeren Fragen nachzugehen – und damit der Pflichtethik stärker nachzukommen. Dieses Dilemma gegenüber dem Publikum aufzuzeigen, wäre wichtig.

Sie sprechen es an, am Anfang der Krise berichteten die Medien sehr regierungsnah. Bei der Solidaritätskampagne von Alain Berset engagierten sich sogar einzelne Medienschaffende. Wie beurteilen Sie diesen Aktivismus?
Generell sollten sich Journalisten zurückhalten, selber Aktivisten zu werden. Man sollte als Medienschaffender stets Distanz wahren. Aber klar, bei so einer Aktion, die gesellschaftlich Sinn macht, um einer Panik vorzubeugen, kann man sicherlich wohlwollend darüber berichten. Der Journalismus sollte aber immer innerhalb seiner eigenen Grenzen bleiben. Als Privatperson geht das nach meinem Dafürhalten in Ordnung, aber nicht in der Rolle der Journalistin oder des Journalisten.

«Es ist falsch, einzelne Wissenschaftler als unfehlbare Medienstars aufzubauen»

Wir haben jetzt über mehr Kritik der Medien sich selbst gegenüber gesprochen. Ihr Kollege, der Journalistikprofessor Klaus Meier, hat in einem Video moniert, dass in Deutschland Wissenschaftler momentan geradezu als Stars hochstilisiert werden. Geschieht dies auch in der Schweiz?
Ich bin fast ein bisschen empört, wie stark Journalisten in dieser Krise Wissenschaftler als Wahrheitssager darstellen. Eine der wichtigsten Prinzipien der Wissenschaft ist das so genannte Falsifikationsprinzip, wonach wissenschaftlicher Fortschritt vor allem durch das Widerlegen von Theorien möglich ist und kaum durch dauerhaftes Bestätigen. Wissenschaftler müssen sich also irren dürfen. Die Suche nach Wahrheit muss mit Irrtum leben. Deshalb ist es falsch, einzelne Wissenschaftler als unfehlbare Medienstars aufzubauen. Wissenschaftler wurden in letzter Zeit oft auf ein Podest gehoben und von Journalisten gefragt: «Sagen Sie uns jetzt bitte wie dies und das genau ist.» Klar, wollte man keine Panik schüren und Vertrauen schaffen. Trotzdem finde ich, dass man bei komplizierten, unüberblickbaren Konfliktthemen auch glaubwürdige Expertinnen und Experten nicht als Wahrsager inszenieren sollte.

Welche Perspektive haben Sie denn besonders vermisst in der Berichterstattung?
Die Debatte über das Notrecht hätte früher einsetzen sollen. Dass solche weitreichenden politischen Entscheidungen zwischen einzelnen Experten und der Exekutive im Hinterzimmer verhandelt und dann eher distanzlos an das Publikum vermittelt werden, ist eigentlich ein No-Go. Wenn die Exekutive dominiert und die parlamentarische Debatte verstummt, muss der Journalismus besonders wachsam sein. Die Debatte über solche Entscheidungen der Exekutive ist nicht einfach ein weiteres journalistisches Thema – es ist Pflicht. Gemäss meiner Beobachtung haben einzelne Medien relativ spät danach gefragt, von welchen Kriterien der Bundesrat abhängig machen will, wann wie gelockert werden kann, ob da also primär Fallzahlen eine Rolle spielen oder ob auch das Ausmass der Nebenwirkungen sozialer Isolation ein Faktor ist. Wie könnte ein schrittweiser Exit aussehen? Mit dem Verstummen der parlamentarischen Debatte ist der öffentliche Diskurs unter Einbezug vieler umso wichtiger – und diese Aufgaben liegen beim Journalismus.

«Die Corona-Krise zeigt mit voller Wucht, wie schwach das Immunsystem derjenigen Medien ist, die sich vorwiegend über Werbegelder finanzieren»

Gerade in dieser Krise zeigt sich ja, dass das Bedürfnis nach Information und Einordnung der Bevölkerung so gross wie noch nie ist und daher der Journalismus auch sehr gefragt ist. Wenn wir jetzt in die Zukunft schauen, wie prägt die Coronakrise die Medien?
Zuerst muss man sich dies nochmals auf der Zunge zergehen lassen: Wir sehen jetzt, wie wichtig der Journalismus ist. Die Journalismusforschung weist seit Langem darauf hin, dass kritischer und unabhängiger Journalismus systemrelevant für eine offene Gesellschaft ist. Auch wenn Experten und Behörden direkt mit der Bevölkerung in Kontakt treten, braucht es Vermittler, die kritische Fragen stellen und auch Widersprüche aufdecken. Diese Vermittlungsarbeit wird meines Erachtens in der Schweiz auch recht gut gemacht. Gleichzeitig – und das ist ja auch ein Paradox – zeigt sich, wie anfällig dieser systemrelevante Journalismus ist.

Das heisst?
Wir sollten auch nach dieser Krise auf die Systemrelevanz des Journalismus zurückkommen, wenn es darum geht, wie wir als Gesellschaft einen unabhängigen Journalismus auch finanziell langfristig ermöglichen können. Die Coronakrise zeigt eben auch mit voller Wucht, wie schwach das Immunsystem derjenigen Medien ist, die sich vorwiegend über Werbegelder finanzieren. Wir müssen uns also jetzt schon – vor neuen Risiken und Krisen – Gedanken machen, was das für später heisst: Wie kann man diesen Journalismus am Leben erhalten, wenn seine Finanzierungsmodelle so unsicher sind? Stiftungsmodelle oder öffentliche Unterstützung sind ja Themen, die auch Ihr Medium immer wieder versucht aufzuzeigen.



Eine vertieftere Analyse zum Corona-Journalismus von Vinzenz Wyss in Zusammenarbeit mit Klaus Meier finden Sie hier.

 



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